ALTAN TAN IST NUR DIE SPITZE DES EISBERGS

von Fremdeninfo

                Von: Turgut Öker

Altan Tan hat in den letzten Wochen die Agenda der Aleviten mehr als nötig besetzt. Angesichts unserer zahlreichen ernsthaften Probleme ist es eigentlich nicht notwendig, ihn als Person ernst zu nehmen. Doch die gesellschaftliche und politische Entsprechung der Mentalität, die er vertritt, darf nicht unterschätzt werden. Aus diesem Grund ist eine Antwort unumgänglich geworden.

Es gibt einen großen Teil der Gesellschaft, der in konservativen sunnitischen Familien mit Vorurteilen gegen Aleviten aufwächst. Die Verleumdungen über Aleviten sowie Diskurse, die bisweilen in Groll und Hass umschlagen, werden bereits in den Kindesjahren in den Köpfen verankert.

Menschen, die keine direkten menschlichen Beziehungen zu Aleviten aufbauen und sich keinem bildungsmäßigen oder intellektuellen Prozess unterziehen, leben mit dem Gelernten weiter. Solange sie die Grenzen reaktionär-konservativer Werte nicht überschreiten, verwandeln sie sich in potenzielle Alevitenfeinde. Dieses im Unterbewusstsein implantierte Gift verschwindet nicht. Sobald sich ein geeignetes Umfeld bietet, tritt es wieder zutage.

Altan Tan ist eines der offensichtlichsten Beispiele hierfür in der heutigen Zeit. Er pflegt eine feindselige Haltung gegenüber Revolutionären, freien Frauen, religiösen Minderheiten und insbesondere gegenüber Aleviten. Er ist einer der heutigen Vertreter der „Yezid-Mentalität“.

Er verurteilt die Gesellschaft mit mittelalterlichen Werten, die er in seinem eigenen Leben selbst nicht anwendet. Egal um welches Thema es geht, er findet einen Weg, das Wort auf die Aleviten zu bringen. Er nutzt jede sich bietende Gelegenheit, um Aleviten anzugreifen.

Diese Aussagen stütze ich nicht auf eine Einschätzung aus der Ferne. Altan Tan und ich waren bei den Wahlen 2015 gemeinsam Abgeordnetenkandidaten für die HDP. Während des Wahlkampfs und in der kurzen Zeit als Abgeordnete erlebten wir bei jeder Begegnung Diskussionen und Spannungen. Ich hatte die Gelegenheit, seine Ansichten über Aleviten, Revolutionäre und freie Frauen aus nächster Nähe zu sehen. Später wurde er ohnehin aus dem Umfeld der HDP ausgeschlossen.

Altan Tan ist ein politischer Opportunist, der dorthin rennt, wo seine Interessen liegen. Seine in letzter Zeit zunehmende Alevitenfeindlichkeit und seine Anbiederung an Erdoğan sind kein Zufall. Er versucht, wieder die Gunst Erdoğans zu gewinnen, der ein enger Freund aus Zeiten der „Millî Görüş“ ist. Er nutzt die Alevitenfeindlichkeit bewusst ein, um erneut als Abgeordneter für die AKP kandidieren zu können.

Sein Ziel ist es, wieder ins Gespräch zu kommen und sich eine neue politische Tür zu öffnen. Deshalb ist es nicht nötig, die Person Altan Tan über Gebühr aufzuwerten.

Doch die Mentalität, die er repräsentiert, muss unbedingt ernst genommen werden. Denn was über seine Lippen kommt, sind nicht nur die Gedanken einer einzelnen Person. Es ist die in die Gegenwart getragene Form von Verleumdungen, Vorurteilen und Feindseligkeiten, die seit Jahrhunderten gegen Aleviten produziert werden.

Zudem lebt diese Mentalität heute nicht nur in bestimmten Teilen der Gesellschaft. Sie ist an der Macht und hat alle Möglichkeiten des Staates in der Hand. Hierin liegt die eigentliche Gefahr.

Altan Tan ist nur die Spitze des Eisbergs. Unter der Wasseroberfläche verbirgt sich eine alevitenfeindliche Mentalität, die heute an der Macht ist, den Staat regiert und in jeder Ära neue „Altan Tans“ hervorbringt. Dies ist die eigentliche Kraft, die es zu bekämpfen gilt.

Ähnliche Beiträge