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Assad-Regime wird von Rebellenvormarsch überrumpelt

von Fremdeninfo 1 Dezember 2024
von Fremdeninfo 1 Dezember 2024
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Assad-Regime wird von Rebellenvormarsch überrumpelt

Von der Türkei unterstützte Milizen unter Führung einer Islamistengruppe meldeten die Einnahme von Aleppo. Regime und Russland greifen sie aus der Luft an

Analyse

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Gudrun Harrer
 
 
Das syrische Regime, mitsamt seinen Unterstützern Russland und Iran, schien völlig überrascht: Der Vormarsch der Rebellen aus der Provinz Idlib auf Aleppo, dessen Einnahme sie am Wochenende meldeten, stieß auf so gut wie keinen Widerstand der syrischen Armee. Auch die strategisch entscheidende Autobahn M5 war seit Samstag unter Kontrolle der Rebellen. Mittlerweile haben Regime-Luftangriffe auf Aleppo eingesetzt, an denen auch Russland beteiligt ist.

Am Boden setzen die SDF, die Syrian Democratic Forces, den Rebellengruppen den stärksten Widerstand entgegen, obwohl sie nicht zum Assad-Regime gehören: Die SDF oder Qasad (ihr arabisches Akronym) sind eine von den USA ausgerüstete und trainierte, kurdisch geführte Miliz, die eigentlich für den Kampf gegen den „Islamischen Staat“ aufgestellt wurde.

Türkei hinter Rebellen

Die SDF hätten durch einen Sieg der Rebellen viel zu verlieren: Idlib, von wo aus die Rebellengruppen nach Aleppo losmarschiert sind, wird von der Türkei kontrolliert. Der sogenannte Rebellen-„Operationsraum“ Al-Fath al-Mubin, eine Dachorganisation verschiedener Gruppen, wird von der Türkei unterstützt, manche sagen gelenkt. Ankara hat es auf die kurdische Autonomie in Nordostsyrien, also auf die SDF, abgesehen: Die türkischen Angriffe auf Nordostsyrien haben zuletzt stark zugenommen.

                             

                                                       Fotos zeigten Jihadisten auch auf dem Weg in Richtung Hama.

                                          AFP/BAKR ALKASEM

Unter den Milizen, die in Aleppo das syrische Regime bekämpfen, ist die Syrian National Army, die als eine der wichtigsten „türkischen“ syrischen Rebellengruppen gilt. Zuletzt wurde behauptet, dass nicht nur Syrer in ihr kämpfen, sondern von der Türkei auch anderswo – etwa in Zentralasien oder im Kaukasus – angeheuerte Leute.

Aber die führende Gruppe im „Operationsraum“ ist die HTS (Hayat Tahrir al-Sham), deren Herkunft von Al-Kaida dazu führt, dass sie auf westlichen Terrorismuslisten steht. Manche Assad-Regimegegner beklagen, sie werde dämonisiert. Ihr Chef Abu Mohammed al-Jolani versucht seit Jahren, sich auch politisch Akzeptanz zu verschaffen. Aber dass es sich um radikale Islamisten handelt, wurde an ihrer „Herrschaft“ in Idlib offenbar. Dennoch begrüßten manche Menschen in Aleppo die Befreiung vom Regime, aber andere verkrochen sich in ihren Häusern.

Neue Binnenflüchtlinge

Und wieder andere fliehen. Aus Aleppo und den von den Rebellen eroberten Gebieten setzte sich ein Flüchtlingsstrom in den Osten – im Westen liegt die Türkei – in Bewegung. Soeben erst sind hunderttausende Syrer und Syrerinnen aus dem Libanon, wo sie während des Syrien-Kriegs Zuflucht gefunden hatten, in ihr Heimatland zurückgekehrt. Im Libanon hatte sie der Krieg eingeholt, jener zwischen Hisbollah und Israel.

Auch in anderen Teilen Syriens steigt die Gewalt wieder, etwa zuletzt in Deraa im Süden, wo 2011 der Aufstand – und dessen fürchterliche Repression durch das Regime, was zur Radikalisierung führte – begonnen hatte. Auch die früher Regime-loyalen Drusengebiete um Sweida sind unruhig, wie auch der schon erwähnte Nordosten mit den Kämpfen zwischen Türkei, deren Söldnern und Kurden. Der „Islamische Staat“, der jede Instabilität ausnützt, hat seine Aktivitäten e

Für die Rebellen bot sich mit der Schwäche und Abgelenktheit der Assad-Verbündeten – ohne die er 2015 wohl gestürzt worden wäre – eine einmalige Chance. Israel hat die Kapazitäten der Hisbollah stark reduziert, durch Luftangriffe auf die Grenze zwischen Syrien und Libanon ist der Waffenstrom gekappt. Auch der Iran steht schwach da, und Russlands Fokus liegt derzeit ebenfalls nicht auf Syrien.

„Abwehr der Aggression“

Für das Gebiet um Idlib galt ein von Russland zwischen Assad-Regime und Türkei ausgehandeltes Arrangement, das dem Regime die Kontrolle über wichtige Verbindungswege zurückgegeben hatte. Seit im Oktober 2023 auf die Militärakademie in Homs ein Anschlag mit mehr als hundert Toten verübt wurde, hatte es jedoch wieder vermehrt Angriffe der syrischen Luftwaffe in Idlib gegeben. Die Rebellen bezeichnen ihre Operation als „Abwehr der Aggression“, erste Vermutungen waren, dass sie sich mit Aleppo einen Puffer verschaffen wollten.

Die türkische Unterstützung für den Rebellenvormarsch könnte insofern verwundern, als sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan eigentlich seit Monaten um eine Versöhnung mit dem Assad-Regime bemüht. Vielleicht will er den Druck auf Damaskus erhöhen. Vielleicht sind aber nur seine neo-osmanischen Anwandlungen mit ihm durchgegangen: Aleppo bezeichnete er einmal als „türkische“ Stadt. Dazu kommt, dass Teile seines Sicherheitsapparats sein Buhlen um Assad ohnehin nicht gerne sehen.

Auch Russland, das sich mit der Reaktion an der Seite des Regimes Zeit zu lassen schien, könnte mit Assads Sturheit Erdoğan gegenüber unzufrieden sein. Eine gewisse Normalisierung liegt im russischen Interesse. Das darniederliegende Syrien wird zum Klotz am Bein Moskaus.

Assad hält sich heraus

Der Iran hat zwar am Wochenende Unterstützung für Bashar al-Assad geschworen, jedoch musste Teheran zur Kenntnis nehmen, dass sich Damaskus aus dem israelisch-iranischen Konflikt möglichst heraushält. Das ist auch Assads verbesserten Beziehungen zu den arabischen Staaten geschuldet, die ihn 2023 wieder in die Arabische Liga aufgenommen haben. Er versucht sich durchzulavieren zwischen iranischer Umarmung und arabischer Normalisierung und israelischen Luftangriffen.

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                      Bilder zeigen Folgen eines mutmaßlich russischen Luftangriffs bei Aleppo.

                        AFP/AAREF WATAD

Saudi-Arabien und andere Araber haben ihre Beziehungen zu Erdoğan in den vergangenen zwei Jahren ebenfalls stark verbessert: Dass die Türkei in Syrien indirekt künftig noch mehr Territorium kontrollieren könnte, wird ihnen nicht passen. Die diplomatischen Kanäle nach Ankara laufen heiß, auch aus den USA. Erdoğan mag sich vom Wahlsieg Donald Trumps beflügelt fühlen. In seiner ersten Amtszeit als US-Präsident hatte Trump die Türkei dabei gewähren lassen, ihre Zone in Nordsyrien zu erweitern. Als der „Islamische Staat“ 2019 endlich territorial besiegt war, wollte Trump die US-Truppen aus Syrien zurückziehen: was einem Fallenlassen der syrischen Kurden gleichgekommen wäre.

Für die EU kommt die neue Eskalation in Syrien zu einer Zeit, in der mehrere Staaten, darunter Österreich, eine Initiative (E8) gestartet haben, sich mehr in „early recovery“, stabilisierenden Maßnahmen, in Syrien zu engagieren – mit den Migrations- und Flüchtlingsströmen nach Europa im Auge. Dazu wäre eine Öffnung politischer Kanäle, die durch die Verbrechen des Assad-Regimes verschlossen wurden, nötig. Für den Posten eines neuen EU-Sondergesandten für Syrien ist der Österreicher Christian Berger im Gespräch, EU-Diplomat und angesehener Experte für den arabischen Raum. Eines der E8-Projekte wäre, den aus dem Libanon zurückgekehrten syrischen Flüchtlingen einen Verbleib in Syrien wirtschaftlich zu erleichtern. (Gudrun Harrer, 1.12.2024)

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