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„Das Kalifat? Eine leere Hülse“

von Fremdeninfo 12 Januar 2024
von Fremdeninfo 12 Januar 2024
305

„Das Kalifat? Eine leere Hülse“

 Von dtj online

 
   Foto-Montage: DTJ                                                                                                       Erdogan mit einem Osmanischen -Fes
 
 
Sultan Erdoğan? Oder sogar Kalif? Stellvertreter des Propheten Muhammad auf Erden? Diese Fantasien lassen Anhänger des Präsidenten von einem Kalifat träumen. Doch laut Mümtaz’er Türköne sind diese Fantasien nicht ernstzunehmen.

In der Türkei sind jüngst Diskussionen um ein „Kalifat“ aufgeflammt. Dabei handelt es sich um das wohl am meisten ausgeleierte Dauerthema des Landes. Und eines, das die Bevölkerung nach wie vor spalten könnte. Warum das Kalifat aber nicht ernst zu nehmen ist, schildert der türkische Schriftsteller Mümtaz’er Türköne.

Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass der türkische Präsident und AKP-Vorsitzende Recep Tayyip Erdoğan sich selbst als Auserwählten und religiösen Führer der muslimischen Welt betrachtet. Die Fantasie von einem „Kalifen“, also einem weltlichen Nachfolger des Propheten Muhammad, werden in neo-osmanischen Serien seit vielen Jahren immer wieder entfacht. Auch seine Anhänger leisten ihren Beitrag dazu.

Selbst im deutschen Fernsehen, wie jüngst das Beispiel eines Funktionärs der Union Internationaler Demokraten zeigte, werden diese Allmachtsfantasien präsentiert. In einem Land, in dem selbst Entscheidungen des Verfassungsgerichts nicht anerkannt werden, in dem das Rechtssystem dazu benutzt wird, Regimegegner in die Schranken zu weisen, erscheinen solche Diskussionen fast normal.

Wäre ein Kalifat in der Türkei überhaupt möglich?

Doch wie zuletzt bei dem abgesagten Supercup-Spiel zwischen Fenerbahçe und Galatasaray in Saudi-Arabien deutlich wurde, ist die Liebe der türkischen Bevölkerung zum Staatsgründer Atatürk nach wie vor tief verwurzelt. Ein Kalifat würde sein Erbe, die Republik, zerstören.

Der jahrelang inhaftierte Politikwissenschaftler und Schriftsteller Mümtaz’er Türköne ging dem Thema jüngst auf den Grund. Türköne sagt: „Sowohl nach dem islamischen Recht (Scharia) als auch historisch betrachtet ist das Kalifat eine leere Institution. Die Behauptung, ein Kalifat zu gründen, bedeutet nicht den Wunsch nach einer geeigneten staatlichen Ordnung gemäß der Scharia, es steht sogar im krassen Gegensatz dazu.“

Türköne: „Machthaber nutzten das Kalifat als Slogan oder Symbol“

Türköne fährt fort: „In der Türkei haben Islamisten von Anfang an keine Ansprüche auf das Kalifat erhoben und keine Kalifatsthese in ihre Ideologie integriert. Tatsächlich war das Kalifat selbst in seiner historischen Form niemals das Ergebnis einer Forderung aus der Gesellschaft. Die Machthaber, die versuchten, ihre Macht religiös zu legitimieren, nutzten das Kalifat als Slogan oder Symbol. Daher ist es angemessen, weder diejenigen, die heute Ansprüche auf das Kalifat erheben, noch diejenigen, die vor der Gefahr des Kalifats warnen, ernst zu nehmen.“

Eine Rückkehr zum Kalifat, das offiziell 1924 durch eben jenen Atatürk abgeschafft wurde, erscheint in der gegenwärtigen, ein Jahr vor der Abschaffung des Kalifats gegründeten Türkei, äußerst unwahrscheinlich. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Denn die Gründung der modernen Türkei unter Atatürk war geprägt von einer starken Betonung der Säkularität und Trennung von Religion und Staat.

Säkulare Tradition ist Kernprinzip der Türkei

Dies wurde in der türkischen Verfassung verankert und ist ein Kernprinzip der Republik. Die überwältigende Mehrheit der Türken unterstützt nach wie vor dieses säkulare Modell. Obwohl Präsident Erdoğan in der Vergangenheit Interesse an der Wiederherstellung des Kalifats bekundet hat, ist die politische Landschaft in der Türkei komplex.

Die AKP verstärkte zwar in den vergangenen Jahren die religiösen Töne. Ein offizieller Schritt zur Wiederherstellung des Kalifats würde aber eine massive Verfassungsänderung erfordern, die im gegenwärtigen politischen Umfeld äußerst schwierig wäre. Hinzukommt: Eine Wiederherstellung des Kalifats würde international auf große Ablehnung stoßen.

Andere Länder und internationale Organisationen würden wahrscheinlich starke diplomatische und wirtschaftliche Sanktionen verhängen. Zudem ist die Türkei ein Land mit einer äußerst vielfältigen Gesellschaft. Sie ist heterogen. Es gibt Menschen mit unterschiedlichen ethnischen Hintergründen und Religionen. Eine Rückkehr zum Kalifat wie im Osmanischen Reich ist für diese Bevölkerung nahezu unmöglich. Selbst der mächtige Erdoğan wird das kaum umsetzen können.

 
 
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