Von Johannes Boldt/ Haz
Sie überlebte einen Bombenanschlag, wird bedroht, trat für ihre Gemeinschaft in den Hungerstreik. Nun erhält die pakistanische Anwältin Jalila Haider den „Alternativen Nobelpreis“. Ein Gespräch mit der Frau, deren Familie für ihren Kampf einen hohen Preis bezahlt ha
Letztes Druckmittel: Jalila Haider (in Weiß) und ihre Unterstützerinnen bei ihrem Hungerstreik in Quetta im Jahr 2018.Foto: IMAGO/M. Arshad/PPA
Jalila Haider erinnert sich noch genau an diesen Weg. Kein Bus wollte sie mitnehmen. Also lief sie durch das pakistanische Quetta, fünf Stunden lang, bis zum Prüfungsort. Haider war Studentin, sie wollte Anwältin werden. Doch an diesem Tag genügte etwas, das sie nicht ablegen konnte, um eine Busfahrt für sie gefährlich zu machen: Sie war Hazara.
„Ich fragte mich ständig: Was haben wir falsch gemacht?“, erinnert sie sich. Busse mit Hazara-Passagieren wurden angegriffen, Menschen auf dem Weg zur Arbeit oder Universität getötet. „Etwas so Einfaches wie der Weg zur Schule, eine Busfahrt oder die Fahrt durch die eigene Stadt wurde plötzlich zu einer Frage des Überlebens.“
Mehr als zwei Jahrzehnte später wird genau diese Frau mit einer der weltweit renommiertesten Auszeichnungen für Menschenrechtsarbeit geehrt. Jalila Haider erhält den Right Livelihood Award, häufig „Alternativer Nobelpreis“ genannt. Die Jury würdigt die 41-jährige Pakistanerin dafür, als erste Anwältin aus ihrer Hazara-Gemeinschaft Barrieren durchbrochen und sich ethnischer, staatlicher und patriarchaler Verfolgung entgegengestellt zu haben.
Für Haider ist die Auszeichnung mehr als eine persönliche Ehrung. „Ich sehe sie als Anerkennung der gemeinsamen Kämpfe so vieler Menschen, mit denen ich im Laufe der Jahre gearbeitet habe“, sagt sie im Gespräch. Sie nennt Frauen, Minderheiten, Flüchtlinge und Menschenrechtsverteidiger. Und ihre eigene Gemeinschaft, die Hazara. „Die Auszeichnung bedeutet mir umso mehr, weil der Druck nicht verschwunden ist.“
Haider wird 1984 in Quetta geboren, der Hauptstadt der pakistanischen Provinz Belutschistan. Sie wächst mit fünf Geschwistern in einer Hazara-Familie auf. Dass ihre ethnische und religiöse Zugehörigkeit eines Tages darüber entscheiden könnte, ob sie sicher durch ihre Heimatstadt kommt, bestimmt ihre frühe Kindheit noch nicht. „Ich glaube, dass ich zur letzten Generation der Hazara in Quetta gehöre, die diese Vielfalt noch so selbstverständlich erlebt hat.“
Die Hazara sind eine überwiegend schiitische Minderheit, deren Geschichte von Verfolgung geprägt ist. In Belutschistan verschärfte sich die Gewalt insbesondere seit der Jahrtausendwende. Radikale sunnitische Gruppen verübten Bombenanschläge und gezielte Tötungen. Haider und andere Vertreter der Gemeinschaft gehen davon aus, dass seit 1999 annähernd 3000 Hazara getötet wurden.
Haider erlebt, wie die Gewalt eine Stadt verändert. Freunde ziehen sich zurück, weil sie fürchten, selbst zu Opfern zu werden, wenn sie mit Hazara unterwegs sind. „Gewalt tötet nicht nur Menschen“, sagt sie. „Sie zerstört auch Beziehungen, verändert gesellschaftliche Räume und schafft Angst zwischen Gemeinschaften, die zuvor miteinander gelebt haben.“
Feminismus begann zu Hause
Dass Haider später Jura studiert, hat viel mit ihrem Vater zu tun. Für die Gesellschaft, in der seine Töchter aufwuchsen, sei er ungewöhnlich progressiv gewesen. Seine Töchter sollten eigenes Geld verdienen und unabhängig sein. Jalila sollte Anwältin werden.
Als sie zwölf Jahre alt ist, nimmt sich ihr Vater das Leben. „Ihn in diesem Alter zu verlieren, hat unser Leben völlig verändert.“ Seine Vorstellungen von Würde, Unabhängigkeit und Gleichberechtigung aber bleiben. „Für mich kam der Feminismus nicht zuerst aus Büchern oder von der Universität. Er begann zu Hause.“
Danach hält ihre Mutter die Familie zusammen. Sie selbst wollte Ärztin werden, heiratete jedoch kurz nach der Schule und konnte diesen Traum nicht verwirklichen. Obwohl das Geld knapp ist, bringt sie alle sechs Kinder durch Schule und Studium. Wenn Jalila zweifelt, sagt ihre Mutter: „Hab keine Angst, ich bin bei dir.“
2007 beginnt Haider ihr Jurastudium, 2010 macht sie ihren Abschluss. Ein Jahr später eröffnet sie ihre eigene Praxis. Bis 2026 hat ihre Kanzlei nach Angaben von Right Livelihood mehr als 7000 Fälle bearbeitet. Haider vertritt politische Aktivisten und Menschenrechtsverteidiger, Frauen, Flüchtlinge und Angehörige von Minderheiten.
Es sind Zahlen, hinter denen Geschichten stehen, die Haider nicht loslassen. 2020 erfährt sie von einer jungen Frau, deren Familie behauptet, sie sei eines natürlichen Todes gestorben. Frauen hatten jedoch bei der Vorbereitung des Körpers für die Beerdigung Spuren entdeckt. Haider macht den Fall öffentlich. Der Leichnam wird exhumiert, Beschuldigte werden festgenommen.
Ein anderer Fall betrifft eine Frau, die zur Beilegung eines Konflikts zwischen zwei Familien verheiratet worden war. Statt Versöhnung folgt Rache. Die Frau wird nach etwa drei Tagen gefesselt in einer Grube gefunden – lebend. Ihre Verletzungen sind so schwer, dass sie Teile ihrer Beine und Füße verliert. Später stirbt sie.
Anschläge auf Anwälte
„Als Anwältin soll man sich mit Beweisen, Verfahren und juristischen Argumenten beschäftigen“, sagt Haider. „Aber hinter jeder Akte steht ein Mensch.“ Gerade Frauen kämen oft zu ihr, nachdem sie lange Gewalt und Erniedrigung erlebt hätten. Viele hätten zuvor gehört, sie müssten schweigen oder die Ehre ihrer Familie schützen. „Manchmal ist das Wichtigste, was eine Anwältin einer Frau geben kann, nicht nur ein juristisches Mittel, sondern auch das Selbstvertrauen, daran zu glauben, dass ihre Stimme etwas wert ist.“
Auch Haider selbst erlebt, wie nah der Tod kommen kann. 2016 haben sich Anwälte in einem Krankenhaus in Quetta versammelt. Wenige Stunden zuvor ist der Präsident der Anwaltskammer von Belutschistan erschossen worden. Dann explodiert eine Bombe. 62 Anwälte sterben. Haider überlebt.
„Ich verlor Freunde, sehr enge Freunde, Kollegen und Mentoren“, erzählt sie. Menschen, die eben noch miteinander gesprochen und gelacht hätten, seien Sekunden später nicht mehr da gewesen. Wenn sie heute daran denkt, erinnert sie sich an Gesichter und Stimmen. „Überleben bedeutet nicht, dass man einfach weitermacht.“ Und trotzdem macht Haider weiter.
2018 reicht ihr der Gerichtssaal nicht mehr. Wieder werden Hazara getötet. Demonstrationen und Appelle haben aus ihrer Sicht zu wenig bewirkt. In der Gemeinschaft habe sich beinahe die Erwartung festgesetzt, dass jeder der Nächste sein könnte. Haider beginnt einen Hungerstreik. Sie fordert, dass der damalige pakistanische Armeechef persönlich mit den Hazara verhandelt – und ist bereit, ihren Protest bis zum Tod fortzusetzen.
Eine Frau aus einer verfolgten Minderheit sitzt nun in einer patriarchalisch geprägten Region und verweigert ihrem eigenen Körper die Nahrung, weil ihr kaum noch ein anderes Druckmittel geblieben ist. Um sie herum wächst die Solidarität. Studenten kommen, Anwälte, Journalisten, Aktivisten und Menschen aus anderen ethnischen und religiösen Gemeinschaften.
„Ich wusste genau, wofür ich mich entschied und warum“, sagt Haider. Sie habe dem System eine Frage stellen wollen: „Wie weit muss eine Gemeinschaft gedrängt werden, bevor ihre Mitglieder bereit sind, ihr eigenes Leben zu riskieren, nur damit ihre Stimmen gehört werden?“
Nach vier Tagen kommt der Armeechef nach Quetta und verhandelt. Zum ersten Mal erreicht ein Protest von Hazara-Frauen eine solche politische Ebene. In den folgenden Jahren geht die Zahl der Angriffe auf die Gemeinschaft nachhaltig zurück, hält Right Livelihood fest.
Für diese Verbindung aus juristischer Arbeit und Aktivismus erhält Haider nun den Right Livelihood Award. Sie hat zudem die Organisation „We the Humans“ gegründet. Ein Projekt beschäftigt rund 400 Hazara-Witwen, deren Männer dem Terror zum Opfer gefallen sind. Als Mitbegründerin der Women’s Democratic Front trug Haider außerdem dazu bei, den ersten Women’s March in Belutschistan auf den Weg zu bringen.
Ziel von Hasskampagnen
Doch ihre Arbeit hat einen Preis. Haider erhält Morddrohungen, wird festgenommen und Ziel von Hasskampagnen. Unbekannte schießen vor dem Haus ihrer Familie. Menschen wenden sich von ihr und ihren Angehörigen ab. Am stärksten trifft es ihre Mutter. „Sie war nie Teil von Politik oder Aktivismus und verstand oft nicht einmal vollständig, was ich eigentlich tat“, sagt Haider. „Trotzdem musste sie die Folgen meiner Arbeit tragen.“ Mittlerweile sei ihre Mutter bettlägerig.
Haider erinnert sich an einen Morgen am Frühstückstisch. Ihre Mutter sah sie an und sagte: „Du solltest nicht hierbleiben. Sie werden dich nicht in Frieden leben lassen, egal, was du tust.“ Aktuell lebt Haider in den USA und promoviert in Rechtswissenschaften. Ihr Alltag besteht aus Lesen, Schreiben, Forschung und Lehrveranstaltungen. Fast gewöhnlich könnte dieses Leben wirken.
Nur fühlt sich das Gewöhnliche für sie noch immer ungewöhnlich an. „Ich hatte so lange mit Druck, Unsicherheit, Drohungen, Gerichtsverfahren, ständigen Telefonanrufen und Krisen gelebt, dass mir ein ruhigeres Leben fremd vorkam.“ Menschen aus Pakistan wenden sich weiterhin an sie. „Ich glaube, ich lerne immer noch, mit weniger Chaos zu leben.“
Vielleicht liegt darin eine weniger offensichtliche Geschichte hinter ihrer Auszeichnung. Der Right Livelihood Award erzählt von Mut. Haider erzählt inzwischen auch von dessen Grenzen. Es gebe viele Momente, in denen sie müde sei, mutig sein zu müssen. Sie habe sich gefragt, ob ihr Einsatz den Schmerz wert gewesen sei, den ihre Familie ertragen musste. „Ich habe Angst. Ich werde müde. Ich glaube nicht, dass Mut bedeutet, keine Angst mehr zu haben.“
Früher habe sie Mut stärker damit verbunden, Risiken einzugehen. Heute sehe sie das anders. Mut könne auch bedeuten, sich selbst zu schützen und zu wissen, wann man zurücktreten müsse. „Ich stehe noch immer für dieselben Werte. Aber ich habe gelernt, dass auch das eigene Überleben wichtig ist.“
Seit 1980 zeichnet Right Livelihood Menschen und Organisationen aus, die sich für gesellschaftlichen Wandel einsetzen. Neben Haider werden 2026 die KI-Forscherin Timnit Gebru, die Georgian Young Lawyers’ Association und die südafrikanische Rural Women’s Assembly geehrt. Die Preisverleihung findet im Dezember in Stockholm statt.
Ein klarer Auftrag
Haider versteht die Aufmerksamkeit als Auftrag. „Anerkennung lässt die Drohungen, die Verfahren, die Online-Kampagnen oder die Schwierigkeiten der Menschen in meiner Heimat nicht verschwinden.“ Aber sie zeige, dass ihre Kämpfe weit über Pakistan hinaus wahrgenommen werden. Und vielleicht führt der Weg deshalb am Ende zurück zu dem zwölfjährigen Mädchen in Quetta. Zu Jalila Haider kurz nach dem Tod ihres Vaters. Was würde sie diesem Mädchen heute sagen?
Dass schwere Jahre kommen werden. Dass sie Angst haben, weinen, Fehler machen und erschöpft sein wird. Dass all das keine Schwäche ist. Und dass sie nicht ständig beweisen muss, wie stark sie ist. „Vielleicht würde ich sie einfach in den Arm nehmen und sagen: Du wirst Dinge überleben, die du dir heute noch nicht einmal vorstellen kannst.“ Und noch wichtiger als jeder Satz über Mut: „Aber bitte vergiss darüber nicht zu leben.“