Von: Birgit Holzer/ Haz
Blockaden an französischen Schulen und Universitäten – immer wieder kommt es zu Ausschreitungen. Was die Gründe sind, zeigt ein Besuch am Lycée Antoine-de-Saint-Exupéry im Pariser Vorort Créteil, wo die Bewegung begann.
Von Birgit Holzer
Irgendwann wird es dem jungen Mann, der sich mit einem Mikrofon vor dem Eingangstor seiner Schule aufgestellt hat, etwas zu ruhig. Er beschließt, die Stimmung wieder anzuheizen. „Hey Leute, wir brauchen euch, wir brauchen eure Mobilisierung, wir brauchen eure Power!“, ruft er, während jemand im Hintergrund die Hip-Hop-Musik lauter stellt. Die Dutzenden Jugendlichen, die sich am Dienstag kreisförmig um den Eingang des Lycées Antoine-de-Saint-Exupéry in Créteil aufgereiht haben, lassen sich bereitwillig mitreißen. Sie beginnen zu tanzen und zu klatschen.
Das Gymnasium in dem Vorort im Südosten von Paris war das erste in Frankreich, dessen Schülerinnen und Schüler Mitte September gemeinsam mit ihren Lehrkräften aus Protest gegen die schwierigen Lernbedingungen das Gebäude blockierten. Wenige Tage später kam es in Hunderten weiteren Bildungseinrichtungen im ganzen Land zu Streiks und Demonstrationen, durch die die Betroffenen auf ihre Probleme hinwiesen. Die Gebäude sind oft baufällig und heruntergekommen. Es fehlt an Lehrpersonal und Vertretungskräften, ja sogar an Stühlen und Tischen. Auch am Mittwoch waren mehr als 450 Schulen blockiert.
Gewaltsame Zusammenstöße
An einem ersten nationalen Protesttag vor gut einer Woche gingen laut der Gewerkschaft CGT insgesamt 300.000 Menschen, darunter überwiegend Beschäftigte im öffentlichen Dienst, auf die Straße. An diesem Dienstag waren es erneut den Organisatoren zufolge sogar 450.000, das Innenministerium zählte 266.000 Demonstranten. Inzwischen blockieren auch zahlreiche Studierende ihre Universitäten. Die Forderungen sind überall ähnlich und auch vor dem Gymnasium in Créteil zu hören. „Wir wollen mehr finanzielle Mittel für die Schulen, wir wollen respektiert werden, wir wollen ein Ende der Polizeigewalt gegen Minderjährige“, ruft der junge Protestanführer in sein Mikrofon. Seine Kameraden antworten mit zustimmenden Jubelrufen. Ein paar Meter entfernt stehen zwei Polizisten und beobachten die Demonstration. Eingreifen müssen sie nicht.
Andernorts in Frankreich blieb die Stimmung nicht so entspannt. Zigtausende schlossen sich den Demonstrationszügen an. Wie schon in den Tagen davor kam es unter anderem in Marseille, Toulouse und Lyon zu gewaltsamen Zusammenstößen junger Leute mit Ordnungskräften. Protestler setzten Mülltonnen und Fahrzeuge in Brand oder bauten Barrikaden auf. Die Polizei wiederum setzte Tränengas ein, jagte teils Jugendliche, um sie festzunehmen.
Es sind jene drastischen Gewaltszenen, die der Bewegung eine so große Aufmerksamkeit auch über die französischen Landesgrenzen hinaus verschaffen und die Regierung nervös machen. Seit Beginn der Proteste vor gut einer Woche wurden mehr als 6500 Menschen verhaftet, über 715 Polizisten und Gendarmen, 85 Lehrkräfte und Schulleiter sowie mindestens 215 Jugendliche verletzt.
Opfer einer Polizeigranate
Besonders bewegt viele das Schicksal eines 15-Jährigen aus Lens bei Lille, dem am Montag durch eine Polizeigranate die linke Hand abgerissen wurde. Laut dem zuständigen Staatsanwalt Étienne Thierry konnte noch nicht festgestellt werden, ob der Jugendliche eine bereits geworfene Granate aufgehoben hatte, die dann in seiner Hand explodierte oder ob die Polizei sie auf ihn warf. In Saint-Ouen-l’Aumône nordöstlich von Paris wurde ein 14-Jähriger von einer Tränengasgranate getroffen, die ein Polizist mit einem Cougar-Lanzengerät direkt abgefeuert hatte. Er erlitt einen doppelten Kieferbruch, alle oberen Zähne wurden gebrochen und die unteren ausgeschlagen. In beiden Fällen sowie in einigen weiteren nahm die französische Polizeiinspektion IGPN Ermittlungen auf. Am Mittwoch kündigte Innenminister Laurent Nunez an, es würden keine Schallgranaten mehr eingesetzt.
Immer wieder fallen Vergleiche mit den Studentenprotesten im Mai 1968. Die Zahl der Festnahmen sei jetzt schon größer als damals, betonte der Linkspolitiker und Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon: „Die polizeiliche Gewaltspirale ist außer Kontrolle geraten.“ Im rechten Spektrum wiederum werfen manche Mélenchon und seiner Partei LFI (La France Insoumise) vor, die Jugendbewegung für den Wahlkampf zu instrumentalisieren und die Proteste noch anzuheizen, indem sie die Gymnasiasten zur Rebellion ermutigen. „LFI bedient sich ihnen als Kanonenfutter“, sagte die Regierungssprecherin Maud Bregeon. Zunehmend werden die Proteste und der Umgang mit ihnen zu einem Wahlkampfthema.
Die brutale Gewalt der Sicherheitskräfte gegen Kinder und Jugendliche sei inakzeptabel, sagt der Philosophie-Lehrer Antoine, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte. Mit zwei Kolleginnen hat er sich unter die Streikenden gemischt. „Die jungen Leute wollen anständige Unterrichtsbedingungen, und die einzige Antwort der Regierung besteht darin, die Polizei mit Schlagstöcken, Granaten und Gummigeschossen zu schicken“, klagt er. „Damit gibt man den Schülern zu verstehen, dass ihre Stimme keinen Platz im öffentlichen Raum hat.“
Demonstration aus Solidarität
Hier in Créteil laufe alles ruhig ab, aber über eine gewaltfreie Protestaktion werde ja kaum gesprochen. „Es muss erst zu einer Konfrontation kommen, damit sich etwas bewegt.“ An seiner Schule fehle es bislang an Lehr- und Vertretungspersonal, einer Schulkrankenschwester und an Psychologen. Nach einem Marsch der Schüler, Eltern und Lehrer zur örtlichen Schulbehörde wurde dort eine Delegation von ihnen empfangen und man versprach zumindest die Schaffung von drei neuen Stellen.
„Wir demonstrieren trotzdem aus Solidarität mit den anderen Schulen im ganzen Land weiter, denn die Probleme sind überall dieselben“, sagt die 17-jährige Vesalemei Aravimtham. „Im Sommer ist es wahnsinnig heiß in den Unterrichtsräumen, im Winter sehr kalt. In meiner Klasse sind wir 35, in einer anderen sogar 43. So kann doch niemand lernen.“ Ihre Freundinnen und sie fotografieren sich gegenseitig mit Pappschildern, auf die sie mit bunten Stiften Slogans geschrieben haben. „Wir verpassen unsere Lektionen, um Ihnen eine zu geben“, steht auf einem.
Mehrere Jugend- und Studierendenorganisationen haben deshalb einen Katalog von zehn Sofortmaßnahmen aufgestellt, die sie von der Regierung einfordern. Zu ihnen gehören ein umfassender Renovierungsplan für die Schul- und Universitätsgebäude, massive Neueinstellungen, eine Neuorganisation der oft sehr vollen Stundenpläne und langen Schultage – und ein Ende des gewaltvollen Vorgehens gegen die Protestler durch die Polizei.
Die Regierung zögerte eine Antwort tagelang hinaus. Inzwischen hat Premierminister Sébastien Lecornu mehrere Arbeitsaufträge an seine Minister weitergegeben, um bis Ende Oktober Vorschläge für Verbesserungen in verschiedenen Bereichen zu machen: die Vermeidung von Unterrichtsausfällen durch bessere Vertretungsangebote, insbesondere bei längerfristig fehlenden Lehrkräften, die Renovierung der teils stark heruntergekommenen Gebäude, eine neue Organisation der Tagesabläufe sowie mehr Mitspracherechte für Schülerinnen und Schüler.
Doch wird das ausreichen, um die Bewegung einzudämmen? „Solange wir nicht die zehn Milliarden Euro bekommen, die unseren Berechnungen nach nötig sind, werden wir weiterhin demonstrieren und blockieren“, kündigte Sabrine Kharbach, Sprecherin des größten Schüler- und Studentenzusammenschlusses, an. „Wir wollen echte Zahlen auf dem Tisch sehen.“
Der Regierung fehlt das Geld
Doch genau das ist für die Regierung angesichts des hohen Defizits schwierig. Gerade hat sie einen Haushaltsentwurf für 2027 vorgelegt, in dem sie insgesamt 43 Milliarden Euro Einsparungen eingeplant hat. Im Gegensatz zu vielen anderen Bereichen soll das Bildungs- und Erziehungsministerium zwar eine leichte Erhöhung erhalten. Allerdings wird der Abbau von Stellen geplant, weil die Zahl der Schülerinnen und Schüler aufgrund des demografischen Wandels sinkt – statt einer Reduzierung der Klassengrößen und der Aufstockung von Vertretungspersonal.
Manche Experten verweisen auch auf noch tiefere Probleme, die den Protesten zugrunde liegen. Der auf Sozialbewegungen spezialisierte Historiker Stéphane Sirot etwa spricht von einem „angsteinflößenden Kontext“, dem die jungen Leute ausgesetzt seien: von der extremen Hitze und den Waldbränden im Sommer über die wirtschaftlichen Probleme bis zu den Ängsten vor KI, dem Klimawandel und den aktuellen Kriegen in der Welt. Er erkenne eine „allgemeine Krise des mangelnden Gehörtwerdens durch die Politik“, sagte wiederum Frédéric Dabi, Generaldirektor des Meinungsforschungsinstitutes IFOP.
Von der Regierung heißt es, sie hoffe auf ein Abflauen der Bewegung zum Ferienbeginn am 17. Oktober. Andere verweisen auf die Entschlossenheit der jungen Leute. Er demonstriere, bis es zu echten Verbesserungen nicht nur in seiner Schule komme, sagt Anis, 18-jähriger Gymnasiast am Lycée Antoine-de-Saint-Exupéry. „Ich bin stolz auf das, was wir schon erreicht haben.“ Im vergangenen Schuljahr sei seine Französisch-Lehrerin zwei Monate lang ersatzlos ausgefallen, das sei problematisch für seine anstehenden Abiturprüfungen. „Von unserer Generation heißt es immer, wir würden uns nur für die sozialen Medien interessieren, aber wir stehen heute hier zusammen und setzen uns für unsere Zukunft ein.“