Von: Turgut Öker
Der Bezirk Hacıbektaş aus meinen Kindheitserinnerungen nimmt einen ganz besonderen Platz in meinem Leben ein.
Meine Geschwister, die vor mir geboren wurden, hatten nicht überlebt. Damit ich gesund zur Welt komme und am Leben bleibe, hatte mich meine Mutter Hacı Bektaş geweiht.
Als mein Vater in den 1970er Jahren aus Deutschland zurückkehrte, brachte er mich zusammen mit meinem Onkel Ali und unserem Opferwidder (unserem Gelübde) nach Hacıbektaş. Ich war sieben oder acht Jahre alt. Zum ersten Mal verließ ich unser Dorf, um an einen größeren Ort zu fahren.
Zu jener Zeit herrschte eine enorme Spannung aufgrund der Ausschreitungen beim Fußballspiel zwischen Sivasspor und Kayserispor, bei dem fast 40 Menschen ihr Leben verloren hatten. Minibusse aus Sivas wurden nicht nach Kayseri hineingelassen. Die Passagiere mussten am Stadteingang von Kayseri aussteigen und die Fahrt mit einem anderen Minibus in Richtung Hacıbektaş fortsetzen.
Dabei entwich uns am Stadteingang von Kayseri auch unser Opfertier. Der Widder rannte auf die Straße. Erst nach großen Anstrengungen und indem wir förmlich auf dem Boden krochen, konnten wir ihn wieder einfangen.
Wir blieben drei Tage in Hacıbektaş. Wir vollzogen unsere Schlachtung. Wir übernachteten in einem Haus, das einen Innenhof am Eingang hatte.
Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich ein großes und überfülltes Cem-Ritual. Es waren Menschen aus allen Teilen der Türkei gekommen, die wie wir ihre Opfertiere mitgebracht hatten.
Diese Menschenmenge, das Cem, unser Opfertier und die Reise, die wir erlebten, habe ich nie vergessen.
Das zweite Mal betrat ich Hacıbektaş nach dem Jahr 1993 in meiner Funktion als Generalsekretär der Föderation der Alevitischen Gemeinden in Deutschland (AABF).
Zwischen dem Hacıbektaş meiner Kindheitsträume und dem Hacıbektaş, dem ich in jenen Jahren begegnete, lagen Welten.
Im Zentrum eines Ortes, den die Aleviten als ihr Glaubenszentrum betrachten, gab es nicht einmal eine ordentliche Toilette, die die Menschen benutzen konnten. Erst nach einer Kampagne der Union der Alevitischen Frauen in Europa wurden die Toiletten und Duschanlagen auf dem heutigen Platz errichtet.
Aufgrund unserer Aufgaben besuchten wir Hacıbektaş fortan regelmäßig.
Nach 1993 war Hacıbektaş nicht mehr nur ein besuchtes Glaubenszentrum. Es hatte sich zu einem wichtigen Treffpunkt gewandelt, an dem alevitische Institutionen aus verschiedenen Ländern der Welt zusammenkamen, ihre Probleme diskutierten und gemeinsame Entscheidungen trafen.
Die alevitische Bewegung verkündete ihre wichtigsten Botschaften an die Öffentlichkeit von Hacıbektaş aus.
Hacıbektaş, das in meiner Kindheitserinnerung einen so speziellen Platz einnahm, war nun zu einem der Kampfzentren der organisierten alevitischen Bewegung geworden.
Morgen: Der Kampf der alevitischen Institutionen um ihr Repräsentationsrecht und die in Hacıbektaş getroffenen Entscheidungen.