Von: Der Spiegel
Deniz Yücel wurde einer breiten Öffentlichkeit bekannt, als er in einem türkischen Gefängnis eingesperrt wurde. Seine Redaktion kämpfte damals bis zur Freilassung. Nun verkündet Yücel seinen Abschied von der »Welt
Der Journalist Deniz Yücel verlässt die Redaktion der »Welt«. Was auf den Tag genau vor elf Jahren begonnen habe, ende morgen in aller Freundschaft, schreibt er in einem Post auf der Plattform X: »Mach’s gut.« Nähere Details nennt er bislang nicht.
In seiner Zeit als »Welt«-Korrespondent war Yücel von Februar 2017 bis Februar 2018 ohne Anklageschrift im Hochsicherheitsgefängnis Silivri westlich von Istanbul inhaftiert. Erst nach einem langen politischen Tauziehen zwischen Ankara und Berlin kam Yücel frei und konnte ausreisen. Gleichzeitig wurde Anklage erhoben.
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Wegen seiner Berichterstattung wurden Yücel Volksverhetzung, Propaganda für die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK und Propaganda für die Gülen-Bewegung vorgeworfen. 2020 verurteilte ihn ein türkisches Gericht wegen PKK-Propaganda in Abwesenheit zu zwei Jahren und neun Monaten Haft.
Im Januar 2022 hatte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Türkei wegen der Inhaftierung Yücels verurteilt und entschieden, dass das Vorgehen seine Menschenrechte auf Freiheit und Sicherheit sowie auf freie Meinungsäußerung verletzt habe. Auch das türkische Verfassungsgericht kam zu dem Schluss, dass die Berichterstattung, aus der die Türkei ihre Vorwürfe generierte, von der Presse- und Meinungsfreiheit gedeckt war.
367 Tage lang saß Deniz Yücel in türkischer Haft. Was bezweckte Präsident Erdoğan, und wodurch kam der Journalist frei? Eine Rekonstruktion des Falls lesen Sie hier.
Yücel, 1973 in Flörsheim am Main geboren, hatte vor seiner Zeit bei der »Welt« bei den Zeitungen »taz« und »Jungle World« gearbeitet. 2017 erhielt er den Theodor-Wolff-Preis, einen der wichtigsten Journalistenpreise Deutschlands. Yücel ist Co-Sprecher der Autorenvereinigung PEN Berlin, die nach eigenen Angaben mehr als 700 Mitglieder aus verschiedenen Bereichen des Literaturbetriebs zählt