Der 24. April und unsere Intellektuellen: İlber Ortaylı und Heath Lowry

von Fremdeninfo

Von Prof. Dr. Taner Akçam

Die Geschichte meiner Bekanntschaft mit Ortaylı und Heath Lowry
Es ist bekannt, dass Ortaylı mich nicht besonders mag. Er hat nie damit hinterm Berg gehalten, sich abfällig über mich zu äußern. Einige seiner Reden dazu sind auch auf YouTube zu finden. Gemeinsamen Freunden gegenüber soll er behauptet haben, ich sei von Deutschland mit einem Spezialauftrag in die Türkei geschickt worden. Meine Aufgabe bestünde demnach darin, durch die Behauptung „Es gab einen Völkermord an den Armeniern“ und das Argument „Andere Nationen haben das auch getan“, den psychologischen Druck auf Deutschland zu mindern.

Diese Behauptung stammte nicht allein von Ortaylı. In einem Dossier, von dem ich 1996 erfuhr und das vermutlich von Geheimdiensten an eine Gruppe von Akademikern verschickt wurde, fanden sich ähnliche Anschuldigungen.

Die Geschichte dahinter ist folgende: 1977 war ich als politischer Flüchtling nach Deutschland geflohen. Nach 17 Jahren im Exil kehrte ich 1993 als Akademiker in die Türkei zurück. Mit finanzieller Unterstützung des Instituts in Hamburg, an dem ich arbeitete, wollte ich ein Dokumentationszentrum für die jüngere Geschichte – den Zeitraum von 1878 bis 1925 – gründen. Ich hatte für damals über 10.000 Mark fast das gesamte Material zu diesem Thema aus den Archiven des deutschen Auswärtigen Amtes erworben.

Mein Vorhaben scheiterte. Der verstorbene Zafer Toprak verhinderte im Rahmen der Geschichtsstiftung (Tarih Vakfı), dass ich das Projekt dort umsetzte. Denn das Projekt sei „ein Spiel des Westens“ gewesen (ein Satz, den er mir persönlich ins Gesicht sagte). Die Bilgi-Universität wiederum schreckte vor dem oben erwähnten Dossier zurück; aufgrund einer Entscheidung des „Akademischen Rats“ zog sie sich von dem Projekt zurück, das ihre Gründer ursprünglich akzeptiert hatten. In diesem Rat saßen mehrheitlich Akademiker, die sich selbst als „progressiv“ bezeichneten, deren Namen ich hier jedoch nicht nennen möchte. Halten wir dies einmal fest.

Ortaylı und die Jungtürken
In dieser Zeit lernte ich İlber Ortaylı kennen. Er war an der Fakultät für Politikwissenschaft der Universität Ankara tätig. Ich besuchte ihn und bat ihn um Unterstützung für mein Projekt.

Wir sprachen sehr lange. Während des Gesprächs wetterte er heftig gegen die Jungtürken (İttihatçılar). Er ließ kein gutes Haar an ihnen. Sie seien eine Horde von Mördern gewesen. Sie hätten die Armenier gnadenlos vernichtet.

Mein Projekt sei sehr wichtig, sagte er. Ich müsse es unbedingt umsetzen. Aber ich solle nicht irgendeiner Universität oder Institution hinterherlaufen. Dort könnten diese Dokumente verloren gehen. Ich solle mich direkt an die Generaldirektion der Staatsarchive wenden und das Projekt mit ihnen durchführen. So würden sie nicht verloren gehen und das Projekt würde an Seriosität gewinnen. Wenn ich wolle, könne er mir helfen, die Kontakte zu knüpfen.

Seit jenem Tag stelle ich mir die Frage: Warum hat İlber Ortaylı das, was er mir über die Jungtürken und die Vernichtung der Armenier sagte, niemals mit der Öffentlichkeit geteilt? Und was wäre passiert, wenn er es getan hätte? Das ist eine schwer zu beantwortende Frage, aber das Thema beschränkt sich nicht nur auf Ortaylı.

Heath Lowry
Das zweite interessante Beispiel ist Prof. Heath Lowry. Lowry ist in Bezug auf den 24. April als Verteidiger der „türkischen Thesen“ und als „Leugner“ bekannt. Ein Skandal, in den er in den 1990er Jahren verwickelt war, und ein kleines Buch, das er über den US-Botschafter Morgenthau schrieb, begründeten diesen Ruf.

Der Grund für den Skandal war ein Empfehlungsschreiben, das Lowry 1990 an den damaligen türkischen Botschafter in Washington, Nuzhet Kandemir, verfasste. Darin gab er Ratschläge, was gegen die Behauptungen zum Völkermord an den Armeniern zu tun sei. Botschafter Kandemir schickte Lowrys Brief versehentlich an Robert Jay Lifton, den Autor des bedeutenden Buches „The Nazi Doctors“. Lifton veröffentlichte diesen Brief zusammen mit zwei anderen Akademikerkollegen. Die Angelegenheit wurde Gegenstand von Unterschriftenkampagnen gegen Lowry. Lowry bezeichnete seine Tat später als „einen dummmen Fehler“, aber da war es bereits zu spät.

Der zweite Grund für Lowrys Ruf als „Leugner“ war seine Broschüre mit dem Titel „The Story Behind Ambassador Morgenthau’s Story“. Die Memoiren von Morgenthau, der von 1913 bis 1916 in Istanbul amtierte, waren von großer Bedeutung und galten bis vor kurzem als eines der Hauptwerke zum Beleg der Völkermordthesen. Lowry behauptete in seiner Arbeit, dass dieses „berühmte“ Buch von Anfang bis Ende aus glatten Lügen und Halbwahrheiten bestehe.

Diese Einleitung bietet wohl genügend Hintergrundinformationen für meine Geschichte mit Heath Lowry.

Begegnung mit Lowry
Als ich 1993 in die Türkei zurückkehrte, erzählte mir ein Freund, dass Heath Lowry mich kennenlernen wolle. Mein Buch „Türkische Nationalidentität und die Armenische Frage“ war gerade erst erschienen. Lowry hatte zu meinem Freund gesagt: „Wenn ein Türke so ein Buch schreibt, ändert das die gesamte Sachlage“, und wollte mich treffen.

Ich weiß nicht, ob es sie noch gibt, aber wir trafen uns vor der ISIS-Buchhandlung in der İstiklal-Straße, nahe Tünel. Ich erinnere mich an ein sehr langes und angenehmes Gespräch. Was mir im Gedächtnis blieb, waren seine lobenden Worte über mein Buch und eine Anekdote, die er erzählte.

Ich erinnere mich nicht mehr genau, welcher Institution er es vorgeschlagen hatte, aber er regte bei einer staatlichen Stelle an, einen Dokumentarfilm über die Ereignisse von 1915 in Van und Umgebung zu drehen, um den Völkermordbehauptungen entgegenzuwirken. Es war bekannt, dass armenische Freiwilligenverbände damals gemeinsam mit den Russen Massaker an Kurden verübt hatten. Schließlich wurde dieses Projekt, an dem er selbst beteiligt war, realisiert, aber die Behörden veröffentlichten den Film nie. Den Grund nannte er mir lachend: Die Kurden im Film sprachen Kurdisch!

Das Telegramm von Talat Pascha
Später, ich glaube es war 1995, traf ich Heath Lowry bei einer Konferenz in Bursa wieder. Ich erinnere mich, dass wir uns im Treppenhaus unterhielten. „Die Staatsarchive haben ein Buch herausgegeben, hast du das gesehen?“, fragte er. Ich wusste nichts davon. „Sie haben Archivdokumente zur armenischen Frage veröffentlicht. Schau es dir unbedingt an“, sagte er. Dann erklärte er den Grund: „Sie haben ein Telegramm von Talat Pascha veröffentlicht. Sie haben sich ins eigene Fleisch geschnitten [den Ast abgesägt, auf dem sie saßen]. Sie sind Idioten. Das Telegramm besagt: ‚Tut den anderen Christen nicht das an, was den Armeniern angetan wurde.‘“ Laut Lowry schloss dieses Telegramm das Thema der „Völkermordbehauptungen“ im Kern ab.

Meine Dissertation stand kurz vor der Veröffentlichung als Buch. Als ich ihm das erzählte, sagte er: „Finde das Dokument und benutze es unbedingt, es ist sehr wichtig.“ Denn der Staat gab damit selbst zu, dass die Massaker an den Armeniern eine geplante Vernichtung waren, und veröffentlichte das entsprechende Dokument dazu selbst.

Ich besorgte mir das Buch sofort. Und ich fand das Telegramm, das ich in unserem Fachgebiet „berühmt“ machen sollte. Das Telegramm war auf den 12. Juli 1915 datiert und an den Gouverneur von Diyarbakır, Reşit, gerichtet. Talat schrieb in diesem Telegramm, dass Nachrichten in Istanbul eingetroffen seien, wonach „700 Personen, bestehend aus Armeniern und anderer christlicher Bevölkerung, nachts aus der Stadt geführt und wie Schafe abgeschlachtet wurden“, und verlangte, dass dies gestoppt werde. Denn „die disziplinarischen und politischen Maßnahmen, die für die Armenier beschlossen wurden, [dürfen nicht] auf andere Christen…“ übertragen werden.

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