Omid Nouripour
Ein Bericht des Spiegels
Özdemirs Sieg bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg wird maßgeblich auf die Distanz zurückgeführt, die er zur Bundespartei in Berlin wahrte. Dies scheint jedoch innerhalb der Partei niemanden zu verärgern; im Gegenteil, viele interpretieren dies als einen möglichen Weg zum Erfolg.
Nach einem beeindruckenden Aufschwung gewannen die Grünen unter der Führung von Cem Özdemir die Landtagswahl in Baden-Württemberg. Dass Özdemir im Wahlkampf oft eine andere Linie als die Bundespartei einschlug, löste an der Parteibasis kein Missfallen aus. Der Bundestagsvizepräsident Omid Nouripour erklärte gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND), dass dieser Weg Özdemirs es wert sei, wiederholt zu werden.
Nouripour bezeichnete die Wahl als eine „Blaupause“ dafür, wie Bündnis 90/Die Grünen bundesweit wieder für breite Massen wählbar werden könnten. „Wir müssen nicht überall im gleichen Ton sprechen. Unterschiedliche Bundesländer, verschiedene gesellschaftliche Gruppen und Lebensrealitäten vertragen unterschiedliche Narrative und Schwerpunkte“, so Nouripour.
Nouripour: Özdemirs Stil könnte den Grünen eine „neue Dynamik“ verleihen
Nouripour, der wie Özdemir dem „Realo“-Flügel der Grünen angehört, sprach von einem „Meisterstück“ Özdemirs: „Er hat gezeigt, dass grüne Politik die Unterstützung von Mehrheiten gewinnen kann, indem sie den Menschen zuhört, sich auf ihre Realitäten konzentriert und die Mitte der Gesellschaft anspricht.“
Der Bundestagsvizepräsident betonte, dass dieser Stil, der auf Vertrauen und Stabilität basiere und der Führung die nötige „Beinfreiheit“ lasse, der gesamten Partei eine neue Dynamik verleihen könne.
Lob von den Parteivorsitzenden, Skepsis von der Grünen Jugend
Die Co-Bundesvorsitzende der Grünen, Franziska Brantner, bezeichnete das Ergebnis als „sensationell“. Özdemir habe bewiesen, dass Wahlen in der politischen Mitte gewonnen werden können, was auch für die Bundesebene eine gute Nachricht sei. Gegenüber dem Deutschlandfunk sagte sie: „Wir können von ihm lernen, ehrgeizig in den Zielen und pragmatisch in der Methode zu sein und das Land über die Partei zu stellen.“
Der andere Co-Vorsitzende, Felix Banaszak, wertete das starke Wahlergebnis als Antwort auf die „politische Orientierungslosigkeit“ von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU).
Kritische Stimmen kamen hingegen von der „Grünen Jugend“. Bundessprecher Louis Bobga äußerte am Sonntagabend gegenüber n-tv Zweifel daran, ob Özdemirs Kurs „tatsächlich noch grüne Politik“ darstelle. Die Grüne Jugend kritisierte insbesondere Özdemirs Unterstützung für Verbrennungsmotoren sowie das Aussparen von Themen wie der Umverteilung von Reichtum.
Bobga: Wir wollen Palmer nicht in der Regierung sehen
Bobga betonte, dass Özdemir nicht allein, sondern als Teil der Partei regieren müsse. Zudem forderte er, dass der umstrittene Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer keine Rolle in der künftigen Landesregierung spielen dürfe.
Die enge Freundschaft zwischen dem ehemaligen Grünen-Mitglied Boris Palmer und Cem Özdemir hatte Spekulationen befeuert, Palmer könne Minister im neuen Kabinett werden. Özdemir lobt Palmer bei jeder Gelegenheit und bezeichnet ihn als „sehr wichtigen Ratgeber“. Palmer hatte Mitte Februar zudem die Trauung von Özdemir und dessen Ehefrau Flavia Zaka vollzogen.