Fast eine Million Euro Fördergeld – und dennoch insolvent
Quellenangabe: HAZ
Der von SPD-Frau Hülya Iri gegründete Verein Integrationsarbeit Kronsberg ist finanziell am Ende – trotz hoher Fördersummen. Der Insolvenzverwalter will jetzt Licht ins Dunkel bringen.
Hilfe für Frauen bei der Jobsuche wollte sie anbieten, Schwimmkurse für Geflüchtete, Hausaufgabenhilfe für Kinder und eine Beratungsstelle, die „spontan und kurzfristig auf alle Hilfesuchenden eingeht“. Das kündigte 2019 die damalige SPD-Ratsfrau Hülya Iri gegenüber dieser Redaktion an, als sie im Jakobskamp in Bemerode die Räume ihres neuen Vereins „Integrationsarbeit Kronsberg“ eröffnete. Sieben Jahre später meldet der Verein Insolvenz an, obwohl rund 800.000 Euro Fördergeld aus Berlin in die Vereinskasse geflossen sind und vermutlich auch Geld aus der Landeskasse. Iri hat jetzt auf Drängen der SPD-Parteispitze ihr Ratsmandat niedergelegt, aus gesundheitlichen Gründen, wie es offiziell heißt. Was ist geschehen? Und vor allem: Wo ist das Geld geblieben?
Wurden Fördermittel zweckmäßig verwendet?
Die Fragen sind nicht leicht zu beantworten. Iri selbst hat auf mehrere Bitten dieser Redaktion um Stellungnahme nicht reagiert. Selbst für die SPD-Parteispitze soll sie nicht mehr erreichbar sein. Wenn man die Büronummer ihres Vereins wählt, springt ein Anrufbeantworter an. Für Iri gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung. Licht ins Dunkel zu bringen, ist jetzt Aufgabe von Insolvenzverwalter Joachim Heitsch. Das Amtsgericht Hannover hat ihn beauftragt, zu prüfen, wie die finanzielle Lage des Vereins aussieht. Dem Vernehmen nach verfügt der Verein weder über nennenswerte liquide Mittel noch über Vermögenswerte.
„Ich schaue mir jetzt unter anderem an, ob Fördermittel zweckmäßig verwendet worden sind oder nicht“, sagt Heitsch. Zwei bis drei Monate werde er brauchen, um sich einen Überblick zu verschaffen und Zahlungsströme nachzuvollziehen. Wenn der Verein nachweislich überschuldet und zahlungsunfähig ist, eröffnet Heitsch das Insolvenzverfahren. Sein Gutachten entscheidet auch darüber, ob strafrechtlich relevante Vorgänge der Staatsanwaltschaft übergeben werden müssen. Das wäre dann der Fall, wenn öffentliches Fördergeld nicht für Integrationshilfen, sondern für private Zwecke ausgegeben worden wäre. „Derzeit steht der Verein unter vorläufiger Insolvenzverwaltung“, sagt Heitsch. Das bedeutet: Der Insolvenzverwalter hat Kontrolle über sämtliche Zahlungsein- und ‑ausgänge.
Bereits seit mehreren Monaten wird in der Ratspolitik, aber auch in Kreisen von Flüchtlingshelfern über Iris Integrationsverein diskutiert – und spekuliert. Spätestens, seit im September die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der AfD bekannt wurde. Die vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestufte Partei fragte nach Fördersummen und möglichen Unregelmäßigkeiten bei der Verwendung der Mittel für Integrationsprojekte. Dabei wurde deutlich, dass der Bund dem Verein in drei Jahren (2023 bis 2025) insgesamt 924.479 Euro bewilligte. Abgerufen wurden 739.583 Euro (Stand September 2025). Erforderliche Verwendungsnachweise für die Mittel seien eingereicht worden, Unregelmäßigkeiten habe man nicht festgestellt, heißt es weiter in der Antwort der Bundesregierung. Dem Vernehmen nach soll der Verein auch Fördermittel vom Land bekommen haben.
Bei der Staatsanwaltschaft Hannover sind zudem mehrere anonyme Anzeigen eingegangen, die auf angebliche Missstände in Iris Verein hinweisen, zuletzt im Januar 2026. „Das waren lose Behauptungen ohne Substanz“, sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Oliver Eisenhauer. Da man keine Anhaltspunkte gesehen habe, sei auch nicht ermittelt worden. Eisenhauer vermutet, dass die Hinweise politisch motiviert waren.
„Da war wenig los“
Dennoch fragt sich jetzt manch ehrenamtlicher Integrationshelfer, wie es sein kann, dass ein kleiner Verein mit zwei Mitarbeitenden derart hohe Fördersummen bekommen hat. Zum Vergleich: Der stadtweit engagierte Verein Unterstützerkreis Flüchtlingsunterkünfte bekommt aus der Stadtkasse rund 72.000 Euro jährlich. „Nach meiner Beobachtung war in den Räumen des Vereins von Frau Iri wenig los“, sagt eine ehrenamtlich engagierte Flüchtlingshelferin aus dem Viertel, die ihren Namen nicht nennen will. „Und als wir einmal fragten, ob der Verein einem jugendlichen Geflüchteten bei der Jobsuche helfen könne, wurde das abgelehnt mit der Begründung, dass man so etwas nicht mache“, erzählt sie weiter.
Staatliche Stellen scheinen angesichts der beantragten Insolvenz des Vereins nun genauer hinzuschauen. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge teilt auf Nachfrage dieser Redaktion mit, dass man den gesamten Vorgang prüfe, zu Einzelheiten aber noch nichts sagen könne.
SPD distanziert sich
Der Wirbel um den Integrationsverein am Kronsberg hat auch eine politische Komponente. Im heraufziehenden Kommunalwahlkampf kommt der SPD das Thema denkbar ungelegen. Iri war nicht nur einfache Ratsfrau, sondern Mitglied im Fraktionsvorstand. Sie galt als scharfzüngige Rednerin, vor allem wenn es um migrationspolitische Themen ging. In einer Stellungnahme betont die SPD, mit Iris Verein nichts zu tun zu haben. „Wir haben geprüft, ob es eine organisatorische oder finanzielle Beteiligung der SPD am Verein gibt oder ob ein Zusammenhang zwischen dem Verein und der SPD besteht“, teilt die SPD-Geschäftsstelle mit. Das sei nicht der Fall. Eine weitergehende Sachverhaltsaufklärung zu möglichen Unregelmäßigkeiten bei einem externen Verein sei nicht Aufgabe einer Partei.