Die Bürgermeisterwahl in Hannover könnte ein spannender Wahlkampf werden.“

von Fremdeninfo

Von : Haz

Die drei Favoriten für die Wahl zum Oberbürgermeister von Hannover stehen fest: Axel von der Ohe (SPD) und Peter Karst (CDU) fordern Amtsinhaber Belit Onay (Grüne) heraus. Was macht sie aus? Wir haben Sie zum HAZ-Talk getroffen.
Vor sieben Jahren, im Herbst 2019, ist in Hannover etwas Außergewöhnliches passiert: Die Menschen wählten erstmals einen Oberbürgermeister ins Amt, der nicht von der SPD kam. Stattdessen zog Belit Onay (Grüne) ins Rathaus ein.
Demnächst läuft Onays Amtszeit ab – und bei der OB-Wahl im September 2026 entscheidet sich: Bleibt der 45-Jährige im Amt, oder gibt es für die kommenden acht Jahre einen neuen Chef im Rathaus? Vorentschieden scheint nur eins: Es läuft wieder auf einen Mann hinaus. Denn während die Grünen Onay noch gar nicht formal nominiert haben, haben sich die beiden anderen großen Parteien in Hannover schon festgelegt – und Herren aufgestellt: die SPD pikanterweise Onays Stellvertreter, den Stadtkämmerer Axel von der Ohe. Und die CDU einen politischen Newcomer in Hannover – den Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niedersachsen, Peter Karst.
Drei Kandidaten – drei Persönlichkeiten
Wenn nicht alles täuscht, steuert Hannover auf einen spannenden Wahlkampf zu – und auf einen, der auf hohem Niveau stattfinden könnte. Warum? Das hängt mit den Persönlichkeiten der drei Kandidaten ebenso zusammen wie mit ihren unterschiedlichen Profilen.
Der Amtsinhaber
Belit Onay mag vor sieben Jahren mit allerlei Ideen ins Amt gekommen sein. Am meisten ins Auge fielen im damaligen Wahlkampf jene, die mit Verkehr zusammenhingen. Onay warb mit der „autofreien Innenstadt“. Um Form und Inhalt dieser Idee sollte es danach jahrelangen Streit geben. So oder so, heute sagt Onay im HAZ-Wahltalk, er habe aus seinen Plänen damals nie einen Hehl gemacht. Soll heißen: Wer sich gewundert haben sollte, dass Onay es ernst meinte, der hat ihm nicht richtig zugehört.
Allerdings kam Onay kurz nach seiner Amtsübernahme erst einmal etwas dazwischen: Corona. Und kaum war das halbwegs überstanden, kam die nächste Krise über Hannover, für die im Rathaus niemand etwas konnte: der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, nebst Flüchtlingen aus dem angegriffenen Land, einer potenziellen Gasmangellage und allem, was dazugehört.
Onay kamen oft Krisen dazwischen
Die nächste Krise dagegen, die Onays Tatendrang deutlich einschränkte, war hausgemacht – von wem genau, darüber scheiden sich die Geister. Im Herbst 2023 schmiss die SPD die Koalition mit Onays Grünen im Stadtrat hin. Anlass war eben jenes Thema, mit dem der Oberbürgermeister in den Wahlkampf gegangen war: der Verkehr in der Innenstadt. War Onay bei der Planung und der Präsentation zu weit vorgeprescht? Die SPD wirft ihm das vor, der OB bestreitet das. Oder handelte es sich um ein taktisches Manöver der SPD? Hier verhält es sich umgekehrt.
So oder so: Onay wirkte in seinen sieben Jahren als Oberbürgermeister immer ein wenig wie ein Gefangener der Umstände. Manchmal wirkte er auch wie ein Gefangener seiner Partei. Wer die Augen schließt und dem früheren Landtagsabgeordneten zuhört, könnte, je nach Thema, auch meinen, einen Sozial- oder Christdemokraten reden zu hören. Insofern tut sich der Realo mit der besonders jungen und besonders linken grünen Ratsfraktion in Hannover oft schwer.
Über seine Herkunft als Sohn türkischer Einwanderer hat Onay nie viele Worte verloren. Allerdings hat er auch nicht verschwiegen, dass er seit seiner Amtsübernahme immer wieder mit rassistischen Anfeindungen konfrontiert ist. Im HAZ-Talk zum beginnenden OB-Wahlkampf hat Onay einen seltenen Einblick in seine Kindheit und Jugend in Goslar gewährt. Sie lag in Zeiten, in denen Brandanschläge auf Migranten in Solingen und Rostock das Land aufwühlten. „Meine Eltern hatten ein Restaurant, wir haben direkt darüber gewohnt“, erzählte er. „Allen in Goslar war klar: Wenn hier irgendwelche Nazis ein Ziel suchen, dann wohnen wir sozusagen in bester Lage, mitten in der Stadt.“ Und nun hätten wir, 30 Jahre später, „wieder die Debatten wie damals in diesen Baseballschlägerjahren“. Das mache ihm große Sorgen.
▶ Der Herausforderer
Die SPD stellt einen langjährigen Stadtkämmerer als OB-Kandidaten auf – diese Versuchsanordnung ist beileibe nicht neu. 2006 ging das gut, als Stephan Weil seinen Chef Herbert Schmalstieg beerbte.
2019 dagegen ging es schief. Marc Hansmann, der bis 2017 Kämmerer gewesen und danach als Vorstand zu Enercity gewechselt war, scheiterte eher an den Umständen nach dem unrühmlichen Rücktritt seines Parteigenossen Stefan Schostok als an einem schlechten Wahlkampf. So oder so schaffte er es am Ende aber nicht einmal in die Stichwahl.
In das so entstandene Vakuum stieß mit Axel von der Ohe jemand, der zuvor alle politischen Karriereschritte wie vorgeschrieben absolviert hatte: Büroleiter eines Bundestagsabgeordneten, persönlicher Referent eines Regionsdezernenten, rechte Hand des Regionspräsidenten. 2017 wurde er dann Kämmerer – obwohl Mathematik nicht immer seine große Leidenschaft gewesen ist, wie der 48-Jährige im HAZ-Talk verrät.
In zwei Jahren Dienst unter dem zaudernden Oberbürgermeister Schostok hat von der Ohe sich öffentlich manches Mal auf die Zunge beißen müssen, das aber stets pflichtbewusst getan. Aus dem Streit seines neuen Chefs Belit Onay mit seiner SPD hielt sich von der Ohe, der in Personalunion auch noch Erster Stadtrat und damit Onays Stellvertreter ist, nach außen heraus. Es wäre allerdings eine arge Überraschung, wenn die SPD-Fraktion den geplanten Crash der Koalition nicht vorab mit ihm besprochen hätte.
Aus dem rot-grünen Streit hielt sich von der Ohe heraus
In den Wahlkampf startet von der Ohe aus einer kniffligen Position heraus: Er muss sagen, was er besser machen will als die bisherige Stadtverwaltung, deren Teil er ist. Und er muss den Vorsprung an Bekanntheit aufholen, den ein Oberbürgermeister gegenüber einem Kämmerer naturgemäß hat. Das tut er schon seit Monaten durch spürbar regere Social-Media-Aktivitäten, die auch den Privatmenschen in den Vordergrund rücken.
Der promovierte Politikwissenschaftler ist nicht der joviale Umarmer wie beispielsweise sein Parteichef Olaf Lies, und auch die krachende Bierzeltrede wäre eher seine Nebendisziplin. Von der Ohe kann aber, wie im HAZ-Wahltalk, sehr eindringlich schildern, welche Verantwortung er spürt – etwa dann, wenn es um den Rechtsruck in der Politik geht. „Es gibt Leute, die haben dieser Demokratie offen den Kampf erklärt“, sagt er da. „Ich habe selbst zwei Kinder. Ich will mich nicht in zehn oder 20 Jahren fragen lassen: Warum habt ihr das nicht gesehen?“
Der Newcomer
In Hannover hat sich selten eine lange Schlange gebildet, wenn die CDU einen OB-Kandidaten suchte. Ein paarmal hat sich der tapfere Dirk Toepffer erfolglos ins Rennen geworfen, der sich später immerhin damit trösten konnte, in der Landespolitik als Fraktionschef noch ordentlich Karriere zu machen. Zwischendurch versuchte sich der schillernde Anwalt Matthias Waldraff – scheiterte allerdings und lief später zur SPD über. Die Wahl im Jahr 2019 bildete insofern ein Highlight für die CDU: Es gelang ihr, den vorherigen VWN-Chef Eckhard Scholz von einer Kandidatur zu überzeugen. Scholz wiederum überzeugte seinerseits, zog etwas überraschend in die Stichwahl ein und unterlag erst da Belit Onay.
Wie immer, so gab es auch vor der OB-Wahl 2026 ein längeres Getuschel darüber, ob es wohl gelänge, irgendeine bundes- oder landespolitische Prominenz von einer Kandidatur in Hannover zu überzeugen. Stattdessen präsentierte die CDU schließlich mit Peter Karst keinen etablierten Politiker, sondern den Geschäftsführer der Handwerkskammer Niedersachsen. Nicht, dass Karst in informierten Kreisen nicht bekannt wäre – immerhin netzwerkt der 1970 in Bad Kreuznach geborene Rheinländer seit acht Jahren sehr aktiv in der Stadt, wie man so sagt. Aber den großen Aha-Effekt hat die Kandidatur beim Wahlvolk nicht unbedingt ausgelöst.
Karst weiß, wie Politik funktioniert
Das muss aber auf die Strecke bis September gesehen nichts Schlechtes sein. Denn Karst bringt einige Eigenschaften und Qualifikationen mit, deretwegen man ihn sich durchaus als Oberbürgermeister einer Großstadt vorstellen könnte. Zum einen kann Karst angesichts seiner Profession glaubhaft versichern, den Mittelstand und das Handwerk im Auge zu haben. Zum anderen hatte er vor seiner Zeit in Hannover beruflich mit dem Strukturwandel im Ruhrgebiet und bei der Gelegenheit mit Politik und Verwaltung vieler Städte in Nordrhein-Westfalen zu tun. Karst leitet daraus ab: Er weiß, wie Kommunalpolitik funktioniert.
Im HAZ-Wahltalk liefert Karst erste Hinweise darauf, wie er sich im Wahlkampf positionieren will. Einerseits klingt da der Konservative durch: Für mehr Sauberkeit in der Stadt zum Beispiel will er eine Kultur bürgerschaftlicher Eigenverantwortung schaffen. Und vor seinem Hintergrund als Geschäftsführer der Handwerkskammer erstaunt es nicht, dass er vorhat, Unternehmern und Gewerbetreibenden das Leben durch weniger Vorschriften leichter zu machen.
Gleichzeitig nimmt Karst liberale Großstadtpositionen ein, etwa beim Thema Einwanderung. Die Debatte um das Kanzlerwort vom „Stadtbild“ habe er als „grausam“ empfunden, weil sie am Problem vorbeigegangen sei, wie er meint. Für ihn ist klar: Nach allem, was Arbeitsmarktexperten ausgerechnet haben, braucht Deutschland Zuwanderung und Integration. „Da beißt die Maus keinen Faden ab, sonst sind wir alle dran“, sagt er. „Weil dann die Produktivität leidet, weil dann Dinge nicht mehr funktionieren, die wir dringend brauchen.“
Quellenangabe: HAZ vom 21.03.2026, Seite 22

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