ANATOLISCHES ALEVITENTUM: DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN STAAT, POLITIK UND SÄKULARISMUS  LAIZISMUS

von Cumali Yağmur

VON: Dr. Hüseyin Akpınar

Die nomadischen Stämme, die die sozialen Wurzeln des anatolischen Alevitentums bilden, standen im Laufe ihrer Geschichte aufgrund ihrer nomadischen Lebensweise meist in Opposition zur zentralisierten politischen Macht. Da sie selbst entscheiden wollten, wann und wohin sie mit ihren Herden ziehen, widersetzten sie sich den staatlichen Politiken, die Nomaden zur Sesshaftigkeit zwingen wollten.

Als monotheistische Religionen entstanden und zu Staatsreligionen wurden, behaupteten sie, dass alle vorangegangenen Glaubensrichtungen und Religionen unnötige „Abweichungen“ seien. Sie verlangten vom Staat, diese als überflüssig deklarierten Religionen zu verbieten oder gar zu vernichten. Der Islam beispielsweise erklärte alle alten Glaubensformen, die keine Buchreligionen waren, zu unnötigen Abweichungen und forderte entweder deren Assimilation durch Überzeugung oder deren Vernichtung durch das Schwert.

Menschen oder Gemeinschaften, die den Islam nicht freiwillig annahmen oder sich nicht den Regeln der Scharia unterwarfen, wurden vor den Scharia-Gerichten des islamischen Staates schutzlos und ohne Verhör zum Tode verurteilt. Die Vorfahren der anatolischen Aleviten konnten ihr Leben nur als Überlebende solcher Massaker durch verschiedene Methoden fortsetzen. Den wirksamsten Weg des Überlebens fanden sie darin, jegliche Verbindung zum Scharia-System abzubrechen.

Das Gesagte lässt sich wie folgt zusammenfassen: Die anatolischen Aleviten haben im Laufe der Geschichte aufgrund der Diskriminierung und Ausgrenzung durch verschiedene Staaten und Politiken stets eine oppositionelle Haltung eingenommen. Sie haben sogar alle Bande zum Scharia-System gekappt, das ihre Ermordung befahl. Dies ist eine historische Tatsache.

Dennoch beweist keine dieser Verhaltensweisen, dass die anatolischen Aleviten als allgemeines politisches Prinzip oder als historische Tradition staats- oder politikfeindlich wären. Anatolische Aleviten unterstützen in jedem Land, in dem sie leben, das Demokratieverständnis und den Kampf um Demokratie. Denn sie glauben daran, dass sowohl ihre eigenen Probleme als auch die Probleme anderer Gesellschaften am besten in echten Demokratien gelöst werden können.

Das anatolische Alevitentum strebt nicht nach Weltherrschaft, sondern sieht ein Zusammenleben mit anderen auf der Grundlage gleicher Rechte vor. Andernfalls müsste Missionierung oder Zwang angewandt werden – beides widerspricht jedoch dem Wesen des anatolischen Alevitentums. Für die Zukunft sieht es die Schaffung einer „vollkommenen Gesellschaft“ (Kamil Toplum) mit universeller Dimension vor.

Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Säkularismus oder Laizismus ohne die Errichtung eines demokratischen Systems umgesetzt werden können. Wenn in einem Land oder einer Gesellschaft Säkularismus praktiziert werden soll, müssen mindestens folgende Kernpunkte beachtet werden: Die Trennung von Staats- und Religionsangelegenheiten, die Gewährung der Freiheit für jedes Individuum, einer gewünschten Religion anzugehören, die Freiheit, nicht zu glauben, sowie die Freiheit, eine Religion jederzeit wieder zu verlassen.

An dieser Stelle muss auch ein kritischer Punkt angesprochen werden. Einige Freunde wiederholen in Reden oder Medien Formeln wie „Wer kommt, geht nicht; wer sich abwendet, kehrt nicht zurück“ (Elme gelme, dönme dönme). Dies erweckt den Eindruck, als sei der Austritt aus dem Glauben im Alevitentum verboten. Wenn dem so ist, widerspricht dieser Gedanke sowohl dem Laizismus als auch der Glaubensfreiheit. Hierüber sollten die Betroffenen Klarheit schaffen.

Ebenso behaupten einige, dass Begriffe wie Cem und Cemevi keine lange Geschichte hätten und inhaltlich leer seien. Unseren Quellen zufolge wurde jedoch festgestellt, dass unter nomadischen turkmenischen Stämmen bereits seit den Jahren 200 bis 100 v. Chr. der Cem (die Versammlung), der Müsahiplik-Bund (Wahlbruderschaft) und Neujahrsfestlichkeiten um den 23. Februar herum praktiziert wurden (P. Wilhelm Schmidt, 1949). Der Begriff Cemevi taucht zudem in einem Gedicht von Pir Sultan Abdal auf. Wie man sieht, ist dies keineswegs eine kurze Geschichte.

Zudem wird der Inhalt der Müsahiplik (Wahlbruderschaft) heute oft darauf reduziert, dass die Brüder ihre zukünftigen materiellen Möglichkeiten miteinander teilen. Dieses Verständnis ist jedoch unzureichend und füllt den Begriff nicht vollständig aus. Nach den Ausführungen von P. Wilhelm Schmidt hat die Müsahiplik zwei Hauptaufgaben: Erstens dient sie als gerechter und dauerhafter Friedensvertrag zwischen zwei zerstrittenen Familien oder Sippen. Zweitens stellt sie einen lebenslangen Bund der Brüderlichkeit und Solidarität zwischen den Familien dar, die diesen Frieden akzeptieren. Die Wahl der Müsahiplik-Bruderschaft, die mein eigener Vater in unserem Dorf traf oder akzeptierte, beinhaltete in der Tat diese beiden Hauptaufgaben gleichzeitig.

Aşk ile (In Liebe)

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