Taner Akçam schreibt: Seit 19 Jahren lebt Hrant auf eine andere Weise unter uns weiter

von Fremdeninfo

von Taner Akçam

Der 19. Januar 2026 markiert den 19. Jahrestag, an dem Hrant Dink einem grausamen Mord zum Opfer fiel.

Ich habe es oft wiederholt und werde nicht müde, es erneut zu sagen:

Hrant Dink ist der Martin Luther King Anatoliens, unserer gesamten Region. Und der Spross, der auf jenem Bild aus dem Riss in seiner Schuhsohle hervorwächst, ist von tiefer Bedeutung. Sein Tod hat ihn uns vielleicht physisch genommen, doch zugleich hat er den Keim für eine neue Region gelegt.

Er ist nun ein junger Trieb, der mit uns und unter uns weiterlebt.

In unserer Region fließt das Blut in Strömen. Israels Völkermord an den Palästinensern in Gaza, die Tatsache, dass man den Kurden in Syrien auch nur ein wenig mehr Freiheit missgönnt, die Ermordung von Menschen im Iran, die nichts weiter wollen als atmen…

All dem liegt das Gefühl zugrunde, nicht zusammenleben zu wollen. All dem liegt zugrunde, den Anderen als Problem zu betrachten, den Anderen zu hassen.

Dabei ist es doch ein so einfacher, so gewöhnlicher Wunsch, denjenigen, der uns nicht gleicht, so zu akzeptieren, wie er ist, und ihm das gleiche Recht zuzugestehen, das wir für uns selbst beanspruchen…

Schaut auf die Geschehnisse in Syrien!

Ich verstehe, dass die Weigerung der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF), von ihren maximalistischen Forderungen abzurücken, dabei eine Rolle gespielt hat.

Ich verstehe, dass die SDF heute mehr Rechte hätten erlangen können, wenn sie die Strategie akzeptiert hätten, die Öcalan ihnen vor drei Jahren vorschlug. Sie wären sogar an einem besseren Punkt, wenn sie begonnen hätten, das Abkommen vom März 2025 umzusetzen.

Aber betrachtet man die Diskussionen in der Türkei zu diesem Thema?

Eine Sprache, die im Kurden den Anderen – den Feind – sieht, eine Sprache, die den Kurden hasst, wütet allerorten!

Die Sprache des Hasses und der Ausgrenzung, die einst dem Christen (dem Armenier, dem Aramäer, dem Griechen) entgegengebracht wurde, wird nun gegen die Kurden gewandt.

Warum sollte jemand, über den ihr Hass und Groll ergießt, mit euch zusammenleben wollen?
Fragt man sich nicht, wie man mit jemandem eine Gemeinschaft bilden kann, den man derart zum Feind stempelt und ausgrenzt?

Oder fragen wir andersherum: Warum sollte jemand, dem ihr mit solchem Hass begegnet, bei euch bleiben?

Wollt ihr wirklich mit dem Kurden zusammenleben?

Unser Hauptproblem ist die Hassrede.

Wie kann diese beseitigt werden?

Wie ist es möglich, eine Sprache des Zusammenlebens zu entwickeln?

Genau hier ist Hrant Dink von entscheidender Bedeutung.

Sind seine folgenden Worte – wenn wir Arabisch und Hebräisch hinzufügen – nicht die beste Antwort für das Heute unserer blutgetränkten Region?

„Ich beherrsche drei Sprachen. Armenisch, Kurdisch und Türkisch. In meinem Inneren streiten diese drei Sprachen niemals; sie leben in Frieden!“

Tatsächlich ist es für die Sprachen der Region überhaupt nicht schwer, ohne Streit miteinander zu existieren!

Lasst uns Hrant Dink zuhören…

Dafür zu kämpfen, seine Worte Wirklichkeit werden zu lassen, ist jener Spross, der aus seinem Schuh hervorwächst.

Türkische Originalversion des Artikels: Hrant 19 yıldır bizimle bir başka yaşıyor – Medyascope

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