Signal der Zusammenarbeit: Der ‚Politische Herbstempfang‘ des Cemevi Berlin

von Fremdeninfo

Beim zweiten ‚Herbstempfang‘ des BAT-Cemevi kamen der Regierende Bürgermeister von Berlin, Staatssekretäre, Abgeordnete des Landes- und Bundesparlaments sowie Vertreter politischer Parteien und der Zivilgesellschaft zusammen. In den Redebeiträgen wurden bedeutende Botschaften für ein gemeinsames Wirken unterschiedlicher Identitäten auf der Basis geteilter Werte gesendet.

Anlässlich des 25-jährigen Bestehens des BAT-Cemevi an seinem heutigen Standort fand am vergangenen Freitag der zweite ‚Herbstempfang‘ im Hauptsaal des Cemevi statt – eine Tradition, die im letzten Jahr begründet wurde. Unter den zahlreichen Gästen befanden sich der Regierende Bürgermeister von Berlin und CDU-Spitzenkandidat für die kommenden Wahlen, Kai Wegner, der SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach sowie die Spitzenkandidatin der Linken, Elif Eralp.

Die Veranstaltung, moderiert von Deniz Yıldırım Caliman (Vorstandsmitglied des BAT-Cemevi), begann mit einem Gülbenk (Gebet), vorgetragen vom Vorsitzenden des Geistlichen Rates, Derviş İsmail Canbaz, gefolgt von alevitischen Deyiş (Hymnen), gesungen von Seyid Doğan. Anschließend hielt der Vorstandsvorsitzende des BAT-Cemevi, Dr. Yüksel Özdemir, die Eröffnungsrede.

Dr. Özdemir begrüßte alle anwesenden „Canlar“ (Seelen/Freunde) und setzte in seiner Rede folgende Schwerpunkte:

„Wir haben in Deutschland Wurzeln geschlagen und Werte geschaffen“

„Seit Jahrzehnten beweisen wir unser Eintreten für ein demokratisches und pluralistisches Miteinander und setzen uns für diese Werte ein. Durch diese wichtige Arbeit haben wir gesellschaftliche Beiträge geleistet und die Gestaltung Berlins und Deutschlands mitgeprägt. In diesem Jahr feiern wir das 26. Jubiläum unseres Cemevi in Berlin. Zweifellos gab es auch zuvor alevitisches Leben und Vereinsstrukturen, doch ich erinnere mich noch genau an den Moment im Jahr 1998, als wir diese Räumlichkeiten von der Neuapostolischen Kirche übernahmen und eine Glaubensinstitution errichteten. Dank des Cemevi konnten wir zu einer zentralen Anlaufstelle für alle Aleviten in Berlin werden. Dies war ein entscheidender Moment, um hier ‚Wurzeln zu schlagen‘. Darauf folgten weitere Meilensteine: Durch unsere Anerkennung als Religionsgemeinschaft im Jahr 2002 erhielten wir die Möglichkeit, unseren Glauben an Berliner Grund- und Oberschulen zu lehren. Der Weg zur Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts (KdöR) im Jahr 2022 war lang und steinig. Doch unser Dachverband (AABF) und wir sind diesen Weg entschlossen gegangen. Denn durch den KdöR-Status haben wir in unserer ‚neuen Heimat‘ jene Anerkennung erhalten, die unserem Glauben zusteht – eine Anerkennung, die Aleviten in ihrer alten Heimat bis heute verwehrt bleibt. Mit dieser Anerkennung gehen jedoch auch neue Verantwortungen einher.“

„Die Kontinuität des alevitischen Glaubens ist essenziell“

„Wir setzen uns insbesondere für die gerechte gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Migrationsgeschichte und für die Kontinuität des alevitischen Glaubens ein. Die Anerkennung und Entfaltung einer eigenständigen alevitischen Glaubensidentität steht im Zentrum unserer Vereinsarbeit. Unsere Institution folgt dem Prinzip ‚Der Weg ist einer, die Pfade sind tausendundeins‘ und besitzt eine pluralistische sowie demokratische Struktur. Wir respektieren die Unterschiede, die aus der Vielfalt der Aleviten entspringen, und betrachten sie als Reichtum. Unsere alevitische Organisation formuliert ihren politischen Diskurs im Einklang mit den eigenen Werten des ‚Weges‘ und wahrt dabei stets ihre Neutralität.

Hacı Bektaş Veli, eine bedeutende Persönlichkeit des alevitischen Glaubens, sagte im 13. Jahrhundert: ‚Wir machen keine Unterschiede zwischen Nation, Religion, Sprache und Farbe; wir betrachten zweiundsiebzig Nationen mit demselben Blick.‘ Wir sehen nur den Menschen; nicht die Hautfarbe, das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung. Gemäß unserem Weg kämpfen wir gegen jede Form von Rassismus und Diskriminierung.“

„Wir wollen neue Dienstleistungsbereiche und Institutionen schaffen“

„In der Gesellschaft, in der wir leben, wollen wir nicht nur Gesprächsthema sein, sondern in allen Lebensbereichen mitreden und mitgestalten. Die nächsten Projekte befinden sich bereits in der Startphase. Wir planen die Gründung einer alevitischen Kindertagesstätte, um sie in den Dienst unserer Stadt zu stellen. Wir möchten Pflegedienste anbieten und/oder diese kooperativ unterstützen. Unserem Glauben entsprechend wollen wir unsere gemeinnützige Arbeit ausweiten und Hilfe für materiell oder immateriell bedürftige Menschen, seelsorgerische Unterstützung sowie Altenpflege anbieten. In diesem Rahmen haben wir das Projekt ‚Der Weg kennt keine Hindernisse‘ (Yol Engel Tanımaz) ins Leben gerufen, um Menschen mit besonderen Bedürfnissen zu unterstützen und sie aktiv in das Gemeinschaftsleben einzubinden. Perspektivisch wollen wir zusätzliche institutionelle Räume im gesamten Stadtgebiet schaffen, um das alevitische Leben in Berlin zugänglicher zu machen. Wir wollen bestehende Projekte, die die politische Partizipation von Menschen mit Migrationshintergrund fördern, weiter ausbauen. Ein wichtiges Ziel ist zudem die Benennung von Berliner Straßen und Plätzen nach alevitischen Persönlichkeiten. Auch zu Fragen des Umwelt- und Klimaschutzes werden wir beitragen und unsere Ansichten in den politischen Diskurs einbringen. Denn Natur, Mensch und Kosmos sind im alevitischen Glauben ein Spiegelbild der göttlichen Wahrheit (Hakk). In unserem Glauben bilden Gott, Universum und Mensch eine Einheit. Der Kompass unserer Arbeit werden stets die alevitischen Werte sein.“

„Wir benötigen Ihre Unterstützung“

„Angesichts unserer institutionellen Entwicklung möchten wir mehr Verantwortung in unserer Gesellschaft übernehmen. Von dieser Entwicklung werden sowohl wir Berliner Aleviten als auch die gesamte Stadtgesellschaft profitieren. Dafür benötigen wir Ihre Unterstützung, insbesondere die der amtierenden Amtsträger und Institutionsvertreter. Die Einrichtung eines alevitischen Lehrstuhls ist ein längst überfälliges Thema. Wir appellieren insbesondere in dieser Angelegenheit an Sie, damit dieser wichtige Schritt schnellstmöglich realisiert werden kann. Wir möchten die Infrastruktur schaffen, damit zukünftige alevitische Religionslehrer und Geistliche eine fundierte, auf wissenschaftlichen Kriterien basierende theologische Grundausbildung erhalten können. Ziel ist es, dieses akademische Wissen auch in andere gesellschaftliche Bereiche zu transferieren und diese damit zu gestalten.“

„Lassen Sie uns das Festival im nächsten Jahr gemeinsam gestalten“

„Abschließend möchte ich einen Erfolg dieses Jahres erwähnen und eine Bitte äußern. Am 13. September haben wir das erste Alevitische Kulturfestival Deutschlands organisiert. Mit über 15 Kulturvereinen und tausenden Aleviten unterschiedlichster Herkunft war das Festival ein voller Erfolg und eine Gelegenheit, in unserer Stadt sichtbarer zu werden. Dieses Festival dient dem interkulturellen Austausch und fördert den Dialog. Wir betrachten Pluralismus als Bereicherung für unsere Stadt. Wir werden dieses Festival nun jährlich veranstalten. Daher möchte ich eine herzliche Bitte an den Regierenden Bürgermeister richten: Würden Sie die offizielle Schirmherrschaft für das Berliner Alevitische Kulturfestival im kommenden Jahr übernehmen? Vor uns Berliner Aleviten liegen noch viele Aufgaben. Die Herausforderungen sind groß, aber gemeinsam werden wir sie bewältigen. Wie der alevitische Volksdichter Yunus Emre sagte: ‚Kommt, lasst uns einander kennenlernen, die Dinge erleichtern, lieben und geliebt werden, die Welt bleibt niemandem.‘ Mögen Şah-ı Merdan Ali und Hızır uns auf diesem Weg beistehen. Ich danke Ihnen allen.“

Nach Özdemir sprach Melek Şahin im Namen der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF). Sie begrüßte alle Anwesenden und betonte:

„Wir arbeiten daran, das Alevitentum in die Zukunft zu tragen“

„Wir leben in einem Land, in dem Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenkommen und gemeinsam die Zukunft gestalten. Als alevitische Gemeinschaft sind wir ein sichtbarer, aktiver und verantwortungsbewusster Teil dieses Miteinanders. Als Bundesverband mit dem Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts entwickeln wir entscheidende Projekte für unsere Gemeinschaft: Mit ‚Meine neue Heimat‘ unterstützen wir Menschen beim Aufbau eines neuen Lebens und sagen: ‚Willkommen. Du gehörst hierher.‘ Mit ‚Open Air Culture‘ bieten wir Jugendlichen die Möglichkeit, Natur, Gemeinschaft und Identität zu entdecken. Mit unserer Altenpflege und der alevitischen Seelsorge bilden wir wichtige Säulen unserer Gesellschaft. Durch den alevitischen Religionsunterricht in verschiedenen Bundesländern ermöglichen wir Jugendlichen, ihren Glauben zu verstehen. Mit Lehrstühlen und Forschungsprogrammen an Universitäten tragen wir unsere Kultur in die Zukunft. Unter dem Prinzip ‚Die Natur ist ein Recht‘ (Doğa Haktır) rufen wir die junge Generation dazu auf, Verantwortung für eine nachhaltige Zukunft zu übernehmen.“

„Wir sind gleichberechtigt und Partner“

„Doch während wir hier in Freiheit leben können, berühren uns die Entwicklungen in der Türkei zutiefst. Selahattin Demirtaş ist wegen seines Kampfes für Frieden und Minderheitenrechte immer noch in Haft. Die drohende Haftstrafe für Ekrem İmamoğlu steht als politisches Thema im Raum. Viele oppositionelle Politiker, Journalisten und Aktivisten sind wegen ihrer Ansichten inhaftiert. Deshalb müssen wir Räume schaffen, in denen demokratische Werte gelebt werden. Die Alevitische Gemeinde zu Berlin übernimmt genau diese Rolle; als Begegnungs- und Kulturort schlägt sie Brücken zwischen Generationen und Traditionen. Unser Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts ist ein starkes Zeichen dafür, dass unsere Gemeinschaft in dieser Stadt als ‚gleichberechtigt‘ und als ‚Partner‘ anerkannt wird. Ich danke allen, die diesen Abend vorbereitet haben, insbesondere Herrn Yüksel und dem Vorstand. Wie Nelson Mandela sagte: ‚Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern der Triumph über sie.‘ Lassen Sie uns diesen Mut gemeinsam leben. Lassen Sie uns gemeinsam aufrecht stehen für Freiheit, Vielfalt und die Zukunft, die wir uns wünschen. Vielen Dank.“

Nach Şahin ergriff der Regierende Bürgermeister Kai Wegner das Wort. Er drückte seine Freude über die Einladung aus und begrüßte den Cemevi-Vorsitzenden, den Vorstand und alle Teilnehmer mit den Worten „Merhaba Canlar“.

Wegner betonte, dass dieses Kulturzentrum der alevitischen Gemeinde seit über 25 Jahren zu einem „bunten, lebendigen Glaubens- und Kulturzentrum“ transformiert wurde, und hob folgende Punkte hervor:

„Ich sehe, dass Sie Wurzeln geschlagen haben“

„Ihre Aktivitäten hier seit 25 Jahren zeigen nicht nur Ihre Verbundenheit, sondern auch, wie tief Sie in Berlin verwurzelt sind. Das lässt sich auch an der großen Anzahl politischer Vertreter ablesen, die heute hier sind. Ich sehe viele Abgeordnete aus dem Abgeordnetenhaus und dem Bundestag. Man kann festhalten: Es gibt nicht viele Veranstaltungen, bei denen so viele politische Vertreter zusammenkommen.

Herr Özdemir, gegen Ende Ihrer Rede sprachen Sie davon, ‚gemeinsame Brücken zu bauen‘ und ‚in Solidarität gemeinsam zu handeln‘. Gerade in diesen schwierigen Zeiten, in denen viele Menschen Sorge und Angst verspüren, glaube ich, dass wir mehr denn je stabile Brücken und Solidarität brauchen. Leider wenden sich viele Bürger von der demokratischen Mitte ab und rechtsextremen Parteien zu. Wir müssen immer deutlich sein: Wir sind zahlreicher und unsere Stimme ist lauter als die dieser rechtsextremen Kräfte, die unsere Gesellschaft spalten wollen.“

„Ihre Vielfalt macht Berlin zu Berlin“

„Was das Thema Körperschaftsstatus angeht: Bei meinem Besuch im letzten Jahr haben wir ausführlich darüber gesprochen. Deshalb freue ich mich besonders, heute wieder bei Ihnen zu sein. Berlin ist die Stadt der Freiheit; vor wenigen Tagen haben wir den 35. Jahrestag des Mauerfalls gefeiert. Aber Berlin ist für mich nicht nur die Stadt der Freiheit, sondern auch eine Stadt der Vielfalt, der Toleranz und der Internationalität. Genau für diese Werte müssen wir weiter kämpfen, denn das ist es, was Berlin zu Berlin macht. Diejenigen, die Hass und Diskriminierung verbreiten, sind kein Teil von Berlin. In unserer Stadt leben Menschen aus verschiedenen Ländern, mit unterschiedlichen Geschichten und Glaubensrichtungen zusammen. Für mich ist es unwichtig, woher jemand kommt, was er glaubt oder wie er lebt. Wichtig ist, dass wir uns gemeinsam in eine gute Richtung bewegen. Wie stärken wir die Solidarität? Wie sorgen wir für Chancengleichheit für alle Kinder in dieser Stadt? Berlin kann all diese Chancen bieten, wenn wir die Potenziale nutzen und jeden einbeziehen, der Verantwortung übernehmen möchte.“

„Warum sollte mein Sohn nicht Alevitentum lernen?“

„Zum Thema Schirmherrschaft: Ich nehme gerne an! Ich bin offen für Gespräche und hoffe, dass wir dies bis zum kommenden September realisieren können. Und zum Thema Religionsfreiheit: Glauben stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt, er bringt Menschen zusammen. Wir sollten ein inklusives Modell für religiöse Bildung entwickeln, nicht nur für das Christentum, sondern auch für das Alevitentum, den Islam und alle anderen Glaubensrichtungen. Warum sollte mein Sohn in der Schule nicht die Grundwerte des alevitischen Glaubens kennenlernen? Gute Beispiele dafür gibt es in Brandenburg und Hamburg. Die Werte der alevitischen Gemeinschaft – Menschenliebe, Solidarität, Toleranz und Respekt – können wertvolle Beiträge leisten, um diesen Weg gemeinsam zu gehen. Ebenso wichtig ist die Stärkung des interreligiösen Dialogs in unserer Gesellschaft, was durch Ihre Anwesenheit hier unterstrichen wird. Gerade in einer so vielfältigen Stadt muss dieser Dialog fortgesetzt werden. Sie sind bereits aktiv im Berliner Forum der Religionen engagiert. Für diese wertvollen Beiträge danke ich Ihnen herzlich. Kurz gesagt: Lassen Sie uns gemeinsam Verantwortung übernehmen. Ich freue mich über Ihr Angebot und blicke dem erwartungsvoll entgegen. Wir werden diesen Weg gemeinsam gehen. Ich freue mich schon jetzt auf das Festival im kommenden September. Ich bin sicher, wenn wir diesen Weg frei von Vorurteilen und mit mehr Miteinander und Solidarität gehen, muss ich mir um unsere gemeinsame Zukunft keine Sorgen machen. Ich wünsche Ihnen allen einen schönen Abend, danke Ihnen und verbleibe ‚Aşk ile Canlar‘!“

Nach der Rede von Bürgermeister Wegner klang der Empfang mit einem offenen Buffet und Gesprächen aus.

Neben Bürgermeister Wegner nahmen zahlreiche Persönlichkeiten an dem Empfang teil, darunter Vertreter des AABF, des BAT-Cemevi-Vorstands, der Frauen- und Jugendverbände (BDAS-BDAJ), des AABF-Geistlichen Rates und des AABF-Geistlichen Rates der Region Nord. Zu den Gästen zählten zudem Steffen Krach (SPD-Spitzenkandidat), Elif Eralp (Spitzenkandidatin der Linken), Aziz Bozkurt (Staatssekretär für Soziales, Berlin), Andreas Kraus (Staatssekretär), Urban Aykal (Stellvertretender Bezirksbürgermeister Steglitz-Zehlendorf), Filiz Keküllüoğlu (Bezirksstadträtin Lichtenberg), Sevim Aydın (MdA, SPD), Elif Eralp (MdA, Die Linke), Ferat Koçak (MdB, Die Linke), Hakan Demir (MdB, SPD), Celal İrgi (Unternehmer), Pater Prof. Dr. Felix Körner sowie fast 30 weitere Abgeordnete und Vertreter von befreundeten Verbänden, der Zivilgesellschaft und politischer Parteien.

von Avrupademoktat

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