Sie müssen sich in kurzer Zeit parteipolitisch organisieren

von Cumali Yağmur

Der Ramadan-Erlass und die Aleviten | Aziz Tunç

Das vom Ministerium für Nationale Erziehung (MEB) veröffentlichte „Ramadan-Rundschreiben“ (Ramadan-Erlass) bringt aufgrund der Förderung religiöser Praktiken in Schulen die Debatten über Glaubensfreiheit und gleichberechtigte Staatsbürgerschaft für die alevitische Gemeinschaft erneut auf die Tagesordnung.


Der Bildungsminister des türkischen Staates hat ein als „Ramadan-Erlass“ bezeichnetes Rundschreiben an die Bildungsdirektionen der 81 Provinzen gesandt. Die entsprechenden Direktionen haben mit der Umsetzung begonnen, als hätten sie nur darauf gewartet. Die Beamten des türkischen Staates, die ohnehin äußerst kreativ sind, wenn es um Reaktionismus und Rassismus geht, haben zahlreiche eigene Beiträge zu diesem Erlass hinzugefügt.

Gemäß dem veröffentlichten Erlass ist vorgesehen, dass in allen Schulen einen Monat lang Aktivitäten zum Ramadan-Fest durchgeführt werden. Bei diesen Aktivitäten wird den Schülern aufgezwungen, religiöse Erziehung zu erhalten, zu fasten, zu beten und die Anforderungen der islamischen Religion zu erfüllen.

Wie bekannt ist, wird der Gesellschaft seit Jahren durch den „sozialen Druck“ (mahalle baskısı) auf diejenigen, die im Ramadan nicht fasten, sowie durch die Besetzung von Straßen vor Moscheen durch Betende, die Passanten beschuldigen, nicht zu beten, eine sunnitisch-islamische Mentalität im Stile des IS (DAİŞ) aufgezwungen.

Mit diesem Erlass soll ein staatlich geförderter Druck auf Kinder, die nicht beten oder fasten – allen voran alevitische Kinder –, sowie auf andere gesellschaftliche Gruppen und die gesamte Gesellschaft ausgeübt werden. Denn der Staat hat schon vor langer Zeit angekündigt, eine „rachsüchtige und religiöse Generation“ (kinci-dinci nesil) heranzuziehen; heute wird dieses angekündigte Projekt in die Tat umgesetzt.

Zusätzlich zu all dem wurden direkte Angriffe auf die Aleviten und das Alevitentum verübt, indem das „Präsidium für alevitisch-bektaschitische Cemevis“ gegründet, das ÇEDES-Projekt implementiert und Cemevis lediglich als kulturelle Orte kodiert wurden.

Der durch diese Angriffe erzeugte gesellschaftliche Druck ist keine natürliche Reaktion von Menschen, die ihre religiösen Pflichten erfüllen wollen. Ebenso können die staatlichen Regelungen nicht als Anerkennung des Alevitentums angesehen werden.

Daher ist auch der Ramadan-Erlass keine einfache Verwaltungsmaßnahme. Im Gegenteil: Dieser Erlass ist die Aufzwingung einer sunnitisch-islamischen IS-Mentalität, die zur offiziellen Staatspolitik erhoben wurde und unter Anwendung staatlicher Zwangsmethoden der Gesellschaft aufgezwungen wird.

Denn der Staat betrachtet das Alevitentum als Hindernis für den sunnitischen IS-Islam, den er vorherrschend machen will. Zudem fürchtet er die Verbundenheit der Aleviten mit ihrem Glauben und ihren Kampf. Aus diesem Grund greift der Staat das Alevitentum und die Aleviten systematisch und kontinuierlich an.

Dieser Ramadan-Erlass beinhaltet jedoch in seinem Umfang mehr als nur einen Angriff, den Raub eines Rechts oder einen Akt der Tyrannei. Dieser Erlass ist strategisch die Umsetzung eines Plans zur Vernichtung des Alevitentums und der Aleviten. Daher ist das Problem für das Alevitentum und die Aleviten eine Existenzfrage (Sein oder Nichtsein).

Eine weitere Entwicklung, die das Problem für die Aleviten so bedeutsam macht, ist der Druck, dem sie auf regionaler Ebene, in Syrien und auf dem Balkan, ausgesetzt sind. Ohne ins Detail zu gehen, muss festgestellt werden, dass die alevitische Gemeinschaft in der gesamten Region, in der ein sunnitischer IS-Islam entwickelt und zur Vorherrschaft gebracht werden soll, lebensbedrohlich gefährdet ist.

Dass die Aleviten im Laufe ihrer Geschichte ein Glaubenssystem hatten, das humanitäre Werte verteidigte, und eine entsprechende Lebenspraxis entwickelten, hat sie auch zum Ziel der heutigen tyrannischen Staaten gemacht.

Im Gegensatz zur Vergangenheit ist das Risiko heute viel umfassender, tiefgreifender, zerstörerischer und im wahrsten Sinne des Wortes lebensbedrohlich.

Es ist sinnvoll, dieses Risiko unter drei Gesichtspunkten zu betrachten:
Erstens ist eine internationale Organisierung der Aleviten zu einer zwingenden und aktuellen Aufgabe geworden. Um gegen die Angriffe auf regionaler Ebene zu kämpfen, ist eine solche Organisationsstruktur offensichtlich notwendig.

Die zweite Dimension dieses Risikos betrifft den türkischen Staat als die Hauptkraft, die das Alevitentum vernichten will, indem sie die soziale Existenz und das Leben der Aleviten in der Region gefährdet. Es ist zur grundlegenden Aufgabe der Aleviten geworden, dafür zu sorgen, dass der Kampf um Demokratie gegen den türkischen Staat effektiver und ergebnisorientierter geführt wird; hierfür ist eine aktivere Haltung der Aleviten unumgänglich.

Der dritte Punkt bezüglich des lebensbedrohlichen Risikos ist die Notwendigkeit, die bestehenden Organisationsstrukturen, Perspektiven und Möglichkeiten der Aleviten auf ein Niveau zu heben, das den heutigen Anforderungen entspricht. Ebenso müssen die Aleviten für eine erfolgreiche Kampfpraxis ihre Bündnisse stärken.

Betrachtet man diese drei Punkte als Ganzes, wird deutlich, dass der Organisationsgrad und die Kampfmöglichkeiten der Aleviten nicht ausreichen, um solch systematische und vielschichtige genozidale Angriffe der Staaten abzuwehren. Um diesen Mangel zu beheben, müssen die Aleviten ihre Ressourcen stark nutzen und ihre Allianzen mit verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen ausbauen und festigen. Zweifellos werden Verbündete die Risiken für die Aleviten nicht allein beseitigen, aber sie werden eine wichtige Kraft bieten, um diese Risiken zu überwinden.

In diesem Sinne werden die Aleviten Wege finden oder schaffen können, um die Beziehungen zu ihren zwei strategischen Hauptverbündeten zu stärken: der demokratischen kurdischen Politik und den revolutionär-demokratischen Kräften.

Unter den heutigen Bedingungen ist die auf dem Volk basierende demokratische kurdische Politik mit ihrer Existenz und ihrem Kampf die einzige demokratische Kraft, die der vom expansionistischen türkischen Staat geförderten dschihadistischen IS-Politik entgegensteht. Die große Mehrheit des kurdischen Volkes, das von der demokratischen kurdischen Politik beeinflusst wird, steht gegen dschihadistische Kreise wie IS/HTS/HÜDA-PAR. Daher ist die demokratische kurdische Politik der natürliche Verbündete der Aleviten und wird eine wichtige Rolle bei der Beseitigung der Risiken gegen die Aleviten spielen.

Ebenso sind revolutionär-demokratische Kreise direkte Verbündete der Aleviten und können einen großen Beitrag zur Verwirklichung alevitischer Forderungen leisten.

Ein weiterer Fokus, mit dem sich die Aleviten als Verbündete zweiter Ordnung auseinandersetzen sollten, sind die europäischen Völker, demokratischen Institutionen und – in dem Maße, in dem sie die Demokratie verteidigen – sogar die europäischen Staaten. Diese Kräfte werden entweder an der Seite der Aleviten stehen oder die Zerstörungen ertragen müssen, die die vom türkischen Staat genährten dschihadistischen IS- und HTS-Banden anrichten werden, was nicht nur den Aleviten, sondern der gesamten Menschheit schaden wird. Daher ist der Kampf der Aleviten zu einem Kampf der gesamten Menschheit geworden.

Diese Probleme und Schwierigkeiten der Aleviten sind nicht unüberwindbar. Zudem positioniert die Geschichte die Aleviten als eine wichtige Kraft, die diese Probleme lösen muss. Die Aleviten können sich dieser historischen Rolle und Aufgabe nicht entziehen. Es gibt auch keinen Grund für sie, dieser Aufgabe fernzubleiben. Niemand sollte daran zweifeln, dass die Aleviten diese Aufgabe willkommen heißen werden.

Im Gegenteil: Die Aleviten werden in jedem Prozess diese neue Situation als Ganzes auf ihre Agenda setzen und die notwendigen Schritte einleiten. Es ist eine ehrenvolle und historische Verantwortung für die Aleviten, diese Aufgabe zu übernehmen – sowohl um der Lebensgefahr zu entgehen als auch im Einklang mit ihrem Glauben und als Fortsetzung ihrer historischen Vergangenheit.

Die Aleviten haben sich in der Türkei und in Europa in Vereinen und Föderationen organisiert. Von nun an müssen sie rasch zur Parteibildung übergehen, ohne das „Anhängsel“ irgendeiner anderen Partei oder Institution zu sein. Ohne die Gründung einer eigenen Partei laufen sie Gefahr, sich aufzulösen oder zum „Hinterhof“ anderer Gruppen und Parteien zu werden. Sie müssen sich in kurzer Zeit parteipolitisch organisieren, um die Probleme von 25 Millionen Aleviten innerhalb und außerhalb des Parlaments zu vertreten.

 

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