„Nicht jeden Lebensbereich regeln“: Özdemir grenzt sich von Grünen-Besserwisserei ab

von Fremdeninfo

 

Artikel von Jens Kiffmeier/ Merkur

Cem Özdemir setzt vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg auf Abgrenzung zur Bundespartei. Die Grünen-Spitze ist irritiert. Geht seine Strategie auf?

Hannover – Wenn Cem Özdemir über seine Partei spricht, klingt das oft wie eine Therapiesitzung. „Wir müssen mal selbstkritisch fragen, warum wir immer noch im Verdacht stehen, die Menschen zu belehren oder noch alles besser zu wissen“, sagte der 59-jährige Grünen-Spitzenkandidat vor wenigen Tagen der Wochenzeitung Die Zeit. Es ist ein Satz, der in der Bundespartei für Stirnrunzeln sorgt – und doch eindeutig für Özdemirs Kurs der Abgrenzung steht.

Während seine Parteifreunde in Hannover auf dem Grünen-Bundesparteitag über Taurus-Raketen für die Ukraine und die Anerkennung Palästinas diskutieren, inszeniert sich Özdemir als baden-württembergischer Sonderweg auf zwei Beinen. „Wir Grünen in Baden-Württemberg wollen nicht jeden Lebensbereich regeln, sondern mit den Leuten gemeinsam die Dinge verändern“, betonte er in dem Interview – eine kaum verhüllte Kritik an der Berliner Parteizentrale.

Parteitag in Hannover: Grüne läuten Wahlkampf in Baden-Württemberg mit Cem Özdemir ein

Es ist eine besondere Beziehung zwischen Cem Özdemir und den Grünen. Der ehemalige Bundesminister tritt bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg im kommenden Jahr als Spitzenkandidat an. Er soll den langjährigen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann beerben, der nach drei Amtszeiten nicht mehr antritt. Am Sonntag (30. November) machten die Grünen den Auftakt zum Wahlkampf im Ländle. Beim Bundesparteitag in Hannover durfte Özdemir zum Abschluss eine Rede halten.

Auf ihrem Parteitag diskutierten die Grünen über die Wehrpflicht, die Haltung zur Israel-Politik, das 9-Euro-Ticket oder über Homöopathie – doch aus Sicht von Özdemir sind das alles keine Themen, um die Wahl in Baden-Württemberg 2026 zu gewinnen. Dem Ex-Bundesparteichef geht es vor allem um Wirtschaftsthemen – und dabei setzt er immer wieder auf „knallharte Abgrenzung zur Bundespartei“, wie die Süddeutsche Zeitung kürzlich berichtete. Etwa bei der Aufweichung vom Verbrennerverbot, was im Autoland Baden-Württemberg durchaus eine Bedeutung hat. Jedoch löse er damit regelmäßig „Irritationen“ aus und gelte in Berlin inzwischen als „beratungsresistent“, hieß es in dem Bericht.

Landtagswahl in Baden-Württemberg: Özdemir macht den Rebell – und grenzt sich in Wirtschaftskurs ab

Besonders die Parteilinke warnt vor Özdemirs konservativen Kurs, doch der ehemalige Bundeslandwirtschaftsminister lässt sich nicht beirren. Seine Strategie ist kalkuliert: Während die Grünen bundesweit in Umfragen abstürzen, versucht Özdemir vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg das zu kopieren, was Winfried Kretschmann über Jahre perfektioniert hatte. „Eine Sensibilität für das Wohlergehen der Wirtschaft ist bei uns Teil der DNA“, erklärte Özdemir seine Haltung gegenüber der Zeit und fügte hinzu: „Dies hat vielleicht auch mit meinem baden-württembergischen Hintergrund zu tun.“

Tatsächlich kultivierte Kretschmann die Distanz zur Bundespartei über Jahre geradezu. Als der Ministerpräsident 2011 das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 nicht stoppen wollte, schäumten Kretschmanns Parteifreunde in Berlin, sogar von Verrat war die Rede. Seine Beliebtheit aber stieg. Özdemir zitiert gerne den Parteifreund Reinhard Bütikofer: „Die Grünen müssten Winfried Kretschmann nicht kopieren, aber kapieren.“

Özdemir braucht Aufholjagd: Umfragen zur Wahl im Südwesten sehen Grüne im Nachteil

Das Problem: Özdemir muss bei der Baden-Württemberg-Wahl ohne Amtsbonus kämpfen. Während Kretschmann als amtierender Ministerpräsident seine Distanz zur Partei zelebrieren konnte, geht Özdemir als jemand ins Rennen, der den Großteil seiner Karriere als Bundesparteichef und Bundesminister im fernen Berlin vorangetrieben hat. Die aktuellen Umfragen zur Landtagswahl 2026 in Baden-Württemberg zeigen die Herausforderung: Die Grünen liegen mit 20 Prozent nur noch auf Platz drei, hinter der CDU (29 Prozent) und knapp hinter der AfD (21 Prozent).

Paradoxerweise ist Özdemir persönlich deutlich beliebter als seine Partei. Könnten die Menschen in Baden-Württemberg den Ministerpräsidenten 2026 direkt wählen, würden sich laut SWR-Umfrage 41 Prozent für ihn entscheiden – sein CDU-Konkurrent Manuel Hagel müsste sich mit nur 17 Prozent geschlagen geben. Özdemirs Problem sei derzeit seine Partei, analysierten die Experten des Senders.

Der scheidende Ministerpräsident Kretschmann macht für den Absturz der Grünen vor allem die Bundespolitik verantwortlich: „Der Absturz der Ampel, der Absturz im öffentlichen Ansehen von Robert Habeck, das sind die Gründe, die da einfach durchschwingen“, erklärte er in der SWR-Sendung „Zur Sache Extra“. Özdemir, selbst Teil der gescheiterten Ampel, kontert: „Hier stehen die Grünen Baden-Württembergs zur Wahl. Nicht die Grünen in Berlin oder anderswo.“

Wirtschaft statt Klimaschutz: Özdemir will in seiner Heimat 2026 die Wahl gewinnen

Seine Abgrenzung zur Bundespartei zeigt sich besonders beim Kernthema der Grünen. Während in Hannover über Klimaschutz debattiert wird, setzt Özdemir auf Wirtschaftskompetenz. „Beim Klimaschutz müsse man etwa zuallererst die Akzeptanz in der Bevölkerung in den Blick nehmen“, sagte er der Zeit – eine Position, die in der Bundespartei umstritten ist.

Doch im Wahlkampf wirft er alles in die Waagschale. In Metzingen besichtigt er KI-gesteuerte Roboter, witzelt über Reinigungsroboter („Das wär doch was für den schwäbischen Markt in Sachen Kehrwoche“) und inszeniert sich als bodenständiger Pragmatiker. Gerne bringt er dabei auch seine kurze Doppelrolle als Landwirtschafts- und Bildungsminister in der Endphase der Ampel-Koalition ins Gespräch: „Baden-Württemberger können sowas, zwei Minischterien, ein Gehalt“, scherzt er dann in der schwäbischen Mundart – auch um seine Herkunft aus dem Ländle deutlich zu machen. Zumindest seine 170.000 Instagram-Follower honorieren diese Strategie – damit hat er weit mehr als andere Spitzenkandidierende.

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