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Flüchtlinge

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Flüchtlinge

Flüchtende erwarten in Griechenland prekäre Jobs und Obdachlosigkeit. Aber Deutschland will Abschiebungen dorthin ermöglichen.

von Cumali Yağmur 12 Juli 2025
von Cumali Yağmur

 

Abschieben in die Schattenwirtschaft

 

 

Flüchtende erwarten in Griechenland prekäre Jobs und Obdachlosigkeit. Aber Deutschland will Abschiebungen dorthin ermöglichen.

Von Christian Jakob/ TAZ 

Lesbos taz | Vielleicht sucht ja der Wirt der Taverne, der den Touristen in der Straße hinter der Hafenpromenade hervorragenden Oktopus in Rotweinsoße serviert, noch eine Bedienung. Vielleicht braucht der Betreiber des Hotels, von dessen Zimmern aus man über das sichelförmige Hafenbecken Mytilinis, der Inselhauptstadt von Lesbos, bis zu den Bergen auf dem nahen türkischen Festland herüberschauen kann, noch jemanden, der die Betten macht. Oder vielleicht sucht auch ein Bauer auf der Insel noch eine Helferin für die Ernte, schließlich müssen ab Oktober die Oliven von den rund 11 Millionen immergrünen Bäumen auf Lesbos gepflückt werden.

Solche Jobs werden hier oft unter der Hand vergeben – prekär, temporär, schlecht bezahlt. „Schatten­wirtschaft“ heißt das dann. In Griechenlands Hotellerie, der Gastronomie, auf dem Bau oder in der Landwirtschaft ist dies weit verbreitet. Vor allem für Mi­gran­t:in­nen geht dies oft mit Lohnbetrug, Mindestlohnverstößen, extrem langen Arbeitszeiten oder ungeschützter Arbeit in großer Hitze einher.

Doch in Griechenlands „Schattenwirtschaft“ nach Beschäftigung zu suchen – das empfahl kürzlich das Bundesverwaltungsgericht ab­geschobenen Flüchtlingen, um über die Runden zu kommen. Der erstaunliche Satz dazu lautet: Ihre „Grundbedürfnisse einschließlich Ernährung können sie durch eigenes Erwerbseinkommen, anfänglich jedenfalls in der sogenannten Schattenwirtschaft, decken“. Der Satz steht in einer Mitteilung des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig vom 30. April. Das hatte zwei Urteile aus Hessen bestätigt. In den Verfahren ging es um die Frage, ob Deutschland nach rund 15 ­Jahren wieder regulär nach Griechenland abschieben darf.

So lange ist es her, dass Gerichte verboten hatten, Menschen aus Deutschland in den EU-Staat Griechenland zurückzuschicken. „Erniedrigende Haft- und Lebensbedingungen“ drohten dort, ­entschied bereits 2009 unter anderem der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte.

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Laut Verwaltungsgericht Hamburg sind verbotene Tagelöhnertätigkeiten für Abgeschobene „zumutbar“

Griechenland gewährt Asylsuchenden heute zwar minimale Leistungen. Wer aber als Geflüchtete anerkannt wird, der bekommt gar nichts mehr. Das bloße Existenz­minimum – zuletzt unter dem Schlagwort „Bett, Brot, Seife“ in der Diskussion – ist nicht gesichert. Trotzdem sehen deutsche Gerichte es erstmals wieder so, dass es „keine unmenschliche oder erniedrigende Aufnahmesituation“ gebe. „Arbeitsfähige, gesunde und alleinstehende junge“ Männer dürften also abgeschoben werden.

Vier deutsche Innenminister – Wolfgang Schäuble (CDU), Thomas de Maizière (CDU), Horst Seehofer (CSU) und Nancy Faeser (SPD) – hatten lange auf diesen Sinneswandel hingearbeitet. Mit Geld und guten Worten, aber auch mit Druck auf die griechische Regierung. Die Ampel hatte vor allem seit Anfang 2024 ihre entsprechenden Bemühungen dazu intensiviert. Das zeigen interne Dokumente aus dem Bundesinnenministerium, die die Informationsfreiheits-Plattform FragDenStaat zugänglich gemacht hat. Aus ihnen geht hervor, dass die Ministerialbeamten über den Umweg von Interventionen bei der griechischen Regierung gezielt versuchten, die „Rechtsprechungsänderungen der Obergerichte weiterhin vorantreiben“, wie die Beamten notierten.

Dabei hatten sie offenkundig Erfolg. In Griechenland seien zwar der „Zugang zu Obdach, Nahrungsmitteln und sanitären Einrichtungen“ mit „sehr großen Schwierigkeiten verbunden“ und Sozialleistungen praktisch nicht zu erlangen, befand 2024 der Verwaltungsgerichtshof Kassel. Die „größten Chancen, eine Arbeit zu finden“, gäbe es angesichts der „entspannten wirtschaftlichen Lage“ im „Sektor der Schattenwirtschaft“. Dies verwehre den dort Beschäftigten zwar „den Zugang zur sozialen Sicherheit und setzt sie anhaltender Unsicherheit aus“, so das Gericht.

Trotzdem sei es „nicht unzumutbar“, anerkannte Schutzberechtigte nach einer Abschiebung vorübergehend auf „Arbeit im Bereich der Schattenwirtschaft zu verweisen“. Ende Juni entschied auch das Verwaltungsgericht Hamburg, dass verbotene „Tagelöhnertätigkeiten“ für Abgeschobene in Griechenland „zumutbar“ seien. Dabei beklagte die Europäische Grundrechteagentur FRA schon vor Jahren „schwere Formen der Arbeitsausbeutung“ bei Mi­gran­t:in­nen in Griechen­lands Schattenwirtschaft. Eine Untersuchung der Universität Nottingham sah gar Formen „moderner Sklaverei“, etwa auf griechischen Erdbeer­plantagen.

Die Iranerin Setareh E.* sucht seit Monaten auf Lesbos nach Arbeit. Reihenweise bewarb sie sich bei Restaurants und Hotels auf der Insel – ohne Erfolg. „Keiner hat auf meine Bewerbungen auch nur geantwortet“, sagt sie. „None of Your business“ hat E. auf dem Unterarm tätowiert, die Augen­partie ist geschminkt, die Haare zusammengebunden, so kommt sie zum Gespräch in das Büro einer Hilfsorganisation in der Nähe des Fähranlegers von Mytilini. Wer sie nach ihrer Geschichte fragt, dem erzählt Setareh E. von ihrer Odysee, die damit ­endet, dass sie 2022 von Teheran bis nach Zürich geflohen war und dann wieder nach Griechenland abgeschoben wurde. Seit dem Frühjahr sitzt E. auf der Insel fest.

Am Abend, da wird das Licht weich über der Ägäis, das Blau des Meeres kriegt einen rosa­farbenen Schimmer und der Wind weht sanft aus der Türkei herüber. Seit dem vergangenen Jahr können Tür­k:in­nen für sieben Tage visafrei auf einigen griechischen Inseln Urlaub machen, und so ist jetzt, an einem Abend Anfang Juli, die Innenstadt von Mytilini gut besucht. Neue Restaurants und Hotels haben eröffnet, neue Flug- und Fährverbindungen bringen Touristen auf die Insel. „Aber die Jobs gehen alle an Griechen“, sagt Setareh E. Und so weiß sie nicht, wie sie über­leben würde, wäre sie nicht in einem Haus untergekommen, das eine NGO für queere Geflüchtete an­gemietet hat. „Ich will eine eigene Wohnung, will für mich selber kochen können, meine Ruhe haben, Besuch empfangen“, sagt E. Doch wie es aussieht, liegen diese Dinge für sie noch in weiter Ferne.

Die Iranerin Setareh E. sitzt seit dem Frühjahr wieder auf Lesbos fest und sucht verzweifelt einen Job Foto: Hibai Arbide Aza

2022 ging E. in Teheran auf die Straße, es war die Zeit der Proteste nach dem Tod von Jina Mahsa Amini. Die junge Frau war wegen „unislamischer Kleidung“ von der Sittenpolizei festgenommen worden. „Sie haben sie ermordet“, sagt E. über das Schicksal Aminis, der sie sich verbunden fühlt. E. ist ausgebildete Fitnesstrainerin, das war ihr Beruf im Iran. „Ich ging in meinem Sportoutfit auch auf die Straße“, sagt sie, sie trug das Kopftuch mit Absicht, so locker es eben ging. So geriet auch E. mit den Sittenwächtern aneinander.

Je länger die weltweit beachteten Proteste der iranischen Frauen im Herbst 2022 dauerten, desto brutaler wurde die Polizei. Mindestens 100 Menschen wurden bei den Protesten getötet, weit mehr verhaftet. E.s Angst wurde zu groß, sagt sie. Sie floh aus dem Iran, über die Türkei versuchte sie nach Griechenland zu gelangen. Drei Mal schob die ­Polizei sie Anfang 2023 über die Landgrenze am Evros-Fluss zurück. Dann bestieg E. ein Boot und erreichte Lesbos. Ende 2023 wurde ihr Asylantrag positiv beschieden. Sie musste das Flüchtlings­lager verlassen und saß auf der Straße.

So geht es jedes Jahr zehntausenden Geflüchteten in Griechenland. Das Land erkennt Schutz­suchende aus einer Reihe von Ländern vergleichsweise schnell an. Danach aber überlässt sie sie praktisch vollständig sich selbst – wohl auch in der Hoffnung, dass viele dann in andere EU-­Staaten weiterziehen.

Nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) kamen seit 2020 nahezu 100.000 Ausländer:innen, die in Griechenland bereits Schutz erhalten hatten, nach Deutschland und beantragten hier erneut Asyl. Das sei zwar unzulässig, eine Abschiebung innerhalb ­Europas aber sei bei drohender „Verelendung“ im Zielstaat nicht rechtens, so das Bamf. Doch dass Menschen wie Setareh E. in Griechenland Verelendung drohe – „diese Sichtweise wurde nun durch das aktuelle Urteil revidiert“, so das Bamf.

Dessen Präsident Hans-Eckhard Sommer begrüßte das Urteil und sah seine „Rechtsauffassung bestätigt“. Das Urteil werde seine Behörde „sofort umsetzen und Asylanträge dieses Personenkreises konsequent als unzulässig ablehnen“. Und um „deutlich zu machen, dass sich die Weiterwanderung nach Deutschland nicht lohnt, muss es nun schnell zu Abschiebungen nach Griechenland kommen“.

Deutschland hatte lange darauf hingewirkt, dass es für Geflüchtete zumindest auf dem Papier „Bett, Brot, Seife“ gibt. Denn das Innenministerium will nicht nur die bereits in Griechenland Anerkannten zurückschicken. Geht es nach Kanzler Merz und Innenminister Dobrindt, sollen auch all jene Asylsuchenden direkt dorthin zurückgewiesen werden, die künftig an den deutschen Grenzen aufschlagen, aber bereits in Griechenland behördlich erfasst wurden.

Die Bedingungen im Lager Kara Tepe auf der Insel Lesbos sind menschenunwürdig Foto: Petros Giannakouris/ap

Die Dokumente des Bundesinnenministeriums, die die Plattform FragDenStaat veröffentlicht hat, zeigen, dass die Ampel versucht hat, Griechenland zur Ausweitung eines EU-finanzierten Hilfsprogramms für Geflüchtete namens „Helios+“ zu bewegen. Dessen Vorläufer – „Helios“ – war Ende 2024 ausgelaufen. Leistungen daraus erhalten hatten in der vierjährigen Laufzeit seit 2020 insgesamt nur rund 4.200 Menschen. Das sind etwa 3 Prozent der in Griechenland lebenden Schutzberechtigten. Nur ein Bruchteil also – und kaum genug, um alle vor „Verelendung“ zu bewahren. Eine Ausweitung des Nachfolgeprogramms Helios+ aber würde die Lage für Geflüchtete in Griechenland verbessern, heißt es in einem Vermerk des Bundesinnenministeriums von 2024. „Hierdurch können wir dann auch weitere Personengruppen als lediglich junge, gesunde und erwerbsfähige anerkannt Schutzberechtigte zurückführen.“

Der Staatssekretär Bernd Krösser schickte dazu im April 2024 einen Brief an den damaligen griechischen Migrationsminister Dimitris Kairidis. Er „unterstütze ausdrücklich“, dass künftig auch jene Geflüchteten Hilfe aus dem Helios+-Programm bekommen können, die zwischendurch Griechenland verlassen hatten, so Krösser. So sollten nach dem Willen des Bundesinnenministeriums auch jene, die nach einem Aufenthalt in Deutschland abgeschoben werden, Leistungen beantragen können.

Die Rechnung ging auf: Im Urteil des VGH Kassel etwa werden – neben den Verdienstmöglichkeiten in der „Schattenwirtschaft“ – die Leistungen aus dem Helios+-Programm als Faktor genannt, der der Verelendung vorbeugen soll. Genau das aber ist höchst fraglich.

Im Juli 2024 notierten Beamte aus dem Bundesinnenministerium (BMI), dass Griechenland „Vorbehalte“ gegen die deutschen Vorstellungen zu dem Helios+-Programm habe. Eine Antragstellung noch vor einer Rückkehr aus Deutschland wollte Athen nicht gestatten. Eine Unterbringungen Abgeschobener „unmittelbar nach Rückführung“ mochte Griechenland nicht garantieren, die völlig unzureichende Wohnbeihilfe wollte es nicht erhöhen. „Gefahr der Obdachlosigkeit“, schrieben die BMI-Beamten dazu in einem internen Vermerk. Dies wäre nicht ausreichend, um die Voraussetzungen der „Bett-Brot-Seife“-Rechtsprechung der deutschen Verwaltungsgerichte zu erfüllen.

Gleichwohl tat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) seither so, als sei bei dem Existenzminimum für nach Griechenland Abgeschobene alles geritzt. Im ersten Halbjahr 2024 hatte die Behörde nur 3,6 Prozent der Anträge von Asylsuchenden mit Flüchtlingsanerkennung aus Griechenland abgelehnt. Zwischen Juli und Oktober 2024 kehrte sich dies nach einer Auswertung von Pro Asyl um: Plötzlich wurden 87,1 Prozent der Antragsteller abgelehnt. Die Schutzsuchenden mit laufendem Verfahren bekamen einen Brief, um sie zur freiwilligen Rückkehr nach Griechenland zu bewegen. Von einem Abholservice vom Flughafen, vier Monaten kostenloser Unterkunft mit „Vollverpflegung“, Beratungsgesprächen für einen „erfolgreichen Neuanfang“ und einem Griechischkurs ist in diesem Brief die Rede.

Auf Anfrage der taz gibt sich das Innenministerium zugeknöpft. Bei Helios+ handele sich um ein „rein nationales Integrationsprogramm des griechischen Staates, an dem Deutschland nicht beteiligt ist“. Das Bamf verweist auf ein ergänzendes, ominöses „Überbrückungsprogramm“, das „Obdachlosigkeit entgegenwirken“ soll.

Als Setareh E. nach ihrer Abschiebung am Flughafen in Athen landete, „hatten die Polizisten nicht einmal meine Taschen als Gespäck aufgegeben“, sagt sie. „Ich hatte gar nichts, nicht mal eine Haarbürste. Wie kann man einer Frau so etwas antun?“, fragt sie. „Ich fühlte mich verlassen, ging zur Polizei, aber die sagten nur, „raus aus dem Flughafen‘, es gab keinerlei Hilfe.“ In Athen kannte sie niemand. Also rief sie eine Aktivistin an, die sie im Vorjahr auf Lesbos kennengelernt hatte. „Die schickte mir Geld für das Fährticket und holte mich am Hafen ab.“

Im Mai 2025 beantragte sie Unterstützungsleistungen aus dem Programm. „Bis jetzt habe ich nichts von ihnen gehört“, sagt sie. Ob sie etwas bekommt, ist fraglich: Voraussetzung sind ein Mietvertrag und ein Bankkonto in Griechenland.

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Eine Untersuchung der Universität Nottingham sah in Griechenland gar Formen moderner Sklaverei

Mitarbeiter von unabhängigen Beratungsstellen auf Lesbos berichten, dass die für die Umsetzung des Programms zuständige IOM, die Internationale Organisation für Migration, noch dabei ist, Personal zu suchen. Helios+-Anträge könnten zwar gestellt werden, würden aber noch nicht bearbeitet.

Die für die Region zuständige IOM-Vertreterin Marina Liakis hat ein Büro in dem Lager Kara Tepe, etwas außerhalb von Mytilini. Es ist ein staubiges, umzäuntes Provisorium aus Containern und Zelten für 3.000 Menschen. Wer das Lager besucht, wird von Konstantin Scarellis, dem stellvertretenden Leiter, in einem klimatisierten Bürocontainer empfangen. Er zeigt eine Präsentation. Unter anderem ist darin ein Foto zu sehen, das eine Vertreterin der EU-Kommission zeigt. Sie besucht eine der „Jobmessen“ im Flüchtlingslager von Lesbos. Geflüchtete sollen so für die Zeit nach ihrer Anerkennung mit Arbeitgebern in Kontakt kommen, berichtet Scarellis. Für die Anerkannten gebe es also sehr wohl Wege in den Arbeitsmarkt, will Scarellis damit sagen. Allerdings: Gerade einmal 55 Menschen wurden so im ersten Halbjahr vermittelt, bei wie vielen dieser Jobs es sich nicht nur um Tagelöhnerei handelt, ist offen.

Ein Gespräch mit der IOM-Vertreterin Marina Liakis zum Thema Helios+ sei „gar kein Problem“, sagt dann einer von Scarellis Mitarbeitern. Dann heißt es, Liakis sei gerade beschäftigt und zu den IOM-Containern hätten Besucher keinen Zugang. Dann steckt der Mitarbeiter sein Handy aus. „Das ist ihre Nummer“, sagt er, man könne sich „draußen vor dem Tor“ mit Frau Liakis zum Gespräch verabreden, gar kein Problem. Doch die IOM-Frau Liakis verweist dann am Telefon auf die IOM-Zentrale in Athen, die auf wiederholte Anfragen nicht reagiert. Nach einer Woche schickt Liakis dann eine Nachricht, in der steht, dass sie „mehr Zeit“ brauche, bevor sie Fragen beantworten könne.

„Das Helios+-Programm ist nichts als heiße Luft, leere Versprechungen und eine Gefahr für Geflüchtete“, sagt die Linken-Bundestagsabgeordnete Clara Bünger. Was es verspreche, gebe es in der Realität nicht: Integrationsangebote und besonders eine sichere Unterkunft. „Die Realität ist, dass Geflüchtete immer noch in der Obdachlosigkeit landen, wenn sie in Griechenland anerkannt werden oder wenn sie im Rahmen des Dublin-Verfahrens nach Griechenland abgeschoben werden.“

246 Personen schob Deutschland 2024 nach Griechenland ab, im ersten Quartal 2025 waren es dann schon 176 Personen. Ginge es nach der Bundesregierung, würde die Zahl schnell weiter steigen. Eine taz-Anfrage, wie viele Menschen das BMI nach Griechenland abzuschieben gedenke, beantwortete das Ministerium nicht – das sei Ländersache.

Im Mai besuchte der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis Bundeskanzler Merz in Berlin. Man fühle sich „gemeinsam dem Problem der Migration nach Europa verpflichtet“, hieß es in der Mitteilung des Kanzleramtes. „Die Sekundärmigration von Griechenland aus nach Deutschland muss sinken. Die Rückübernahmen müssen steigen“, sagte Merz.

Doch in Athen sieht man die Sache etwas anders. Seit jeher ist Griechenland der Meinung, überproportional durch die Flüchtlingsankünfte belastet zu sein. Die Zurückweisungen an den deutschen Grenzen hatte Mitsotakis’ Regierung sehr kritisch gesehen. Nach den Gerichtsurteilen, die den Weg für Abschiebungen nach Griechenland frei machten, sagte der – mittlerweile wegen eines Agrar-Korruptionsskandals zurückgetretene – rechtsextreme Migrationsminister Makis Voridis, dass eine Rücknahme aus Deutschland unter den derzeitigen Umständen nicht infrage komme, da Griechenland nach Zypern bereits die höchste Anzahl von Flüchtlingen pro Kopf in der EU beherberge.

„Solange es keine gerechte Lastenverteilung innerhalb der Europäischen Union gibt, wird Griechenland keine Rückführungen akzeptieren“, sagte Voridis. Anfragen zu Rücknahmen aus Deutschland werde man „nicht sehr freundlich gegenüberstehen.“

* Name geändert.

Die Reisekosten wurden von der ­Rosa-Luxemburg-Stiftung getragen.

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12 Juli 2025 0 Kommentare
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Information

Erste Videobotschaft Öcalans seit Jahrzehnten – Waffenübergabe der Terrororganisation beginnt im Nordirak

von Cumali Yağmur 12 Juli 2025
von Cumali Yağmur

Erste Videobotschaft Öcalans seit Jahrzehnten – Waffenübergabe der Terrororganisation beginnt im Nordirak

Von Mirjam Schmitt / Haz

Ankara. Der inhaftierte Chef der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, Abdullah Öcalan, hat sich nach 26 Jahren zum ersten Mal in einer Videobotschaft an seine Anhänger gewandt. Darin bekräftigte er, dass er nach einem jahrzehntelangen blutigen Konflikt mit dem türkischen Staat hinter seinem Aufruf für Frieden stehe. 

Der Befreiungskampf der PKK, der zum Ziel hatte, einen kurdischen Nationalstaat zu errichten, sei beendet worden, sagte Öcalan in einem Video, das von dem PKK-nahen Medium ANF verbreitet wurde. Mit Blick auf die Kurden sagte er: „Ihre Existenz wurde anerkannt, somit ist das Hauptziel erreicht.“ Die Aufnahme ist auf den 19. Juni datiert. Der heute 75-jährige Öcalan sitzt seit 1999 auf der Gefängnisinsel Imrali in Haft. Die PKK, die in der Türkei, der EU und den USA als Terrororganisation gelistet wird, hatte im Mai ihre Auflösung angekündigt und war damit einem Aufruf Öcalans von Februar gefolgt. Am Freitag begann offenbar die Waffenniederlegung im Nordirak. Türkische Medien verbreiteten Bilder, auf denen 30 PKK-Kämpfer und -Kämpferinnen zu sehen waren, die etwa Kalaschnikows in einer Art Feuerschale nahe der Stadt Sulaimanija in der Autonomen Region

PKK legt erste Waffen nieder

Ankara/Erbil. Die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK hat damit begonnen, einen Teil ihrer Waffen niederzulegen. Türkische Medien verbreiteten Bilder, auf denen 30 PKK-Kräfte zu sehen waren, die etwa Kalaschnikows im Ort Sulaimanija in der Autonomen Region Kurdistan im Irak verbrannten. Die PKK hatte ihre Auflösung nach einem entsprechenden Aufruf des inhaftierten Führers Abdullah Öcalan im Mai angekündigt.

Weiter auf Kehrtwende der PKK Weiter auf S

Kurdistan im Irak symbolisch verbrannten.

Öcalan sagte, es verlange nun nach konkreten Schritten. Er forderte seine Kämpfer erneut dazu auf, die Waffen freiwillig niederzulegen, zudem müsse der Friedensprozess von einer Kommission im türkischen Parlament begleitet werden. Unklar ist bisher, ob die Kurden Zugeständnisse erhalten haben. Die prokurdische Partei Dem fordert für einen nachhaltigen Friedensprozess eine Demokratisierung und mehr Rechte für Kurden, die rund 20 Prozent der Bevölkerung in der Türkei ausmachen. 

Die PKK ist 1978 von Öcalan in der Türkei gegründet worden – hauptsächlich als Reaktion auf die politische, soziale und kulturelle Unterdrückung der Kurden in dem Land. Seit den Achtzigerjahren kämpft sie mit Waffengewalt und Anschlägen für einen kurdischen Staat oder ein Autonomiegebiet im Südosten der Türkei. In dem Konflikt sind Zehntausende Menschen ums Leben gekommen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hofft, im Zuge des Friedensprozesses die Unterstützung der Kurden zu erhalten. Er geht massiv gegen die Oppositionspartei CHP vor. Mehr als ein Dutzend Bürgermeister der Partei wurden zuletzt abgesetzt.

Unterdessen hat die Bundesanwaltschaft in Berlin Anklage gegen ein mutmaßliches PKK-Mitglied erhoben. Dem türkischen Staatsangehörigen wird die Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Seit 2014 soll der Mann mehrfach als hauptamtlicher Kader der PKK tätig gewesen sein.

12 Juli 2025 0 Kommentare
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Politik

PKK-Kämpfer verbrennen ihre Waffen im Nordirak

von Fremdeninfo 11 Juli 2025
von Fremdeninfo

PKK-Kämpfer verbrennen ihre Waffen im Nordirak

Kämpfer der kurdischen Arbeiterpartei haben in einem symbolischen Akt damit begonnen, ihre Waffen zu übergeben. Kurz davor gab es einen Drohnenangriff.

                                                                              Von : DIE ZEIT, AFP

                                                                   

                                                                  Kämpferinnen der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) während einer Zeremonie in Suleimanija am 11. Juli 2025 © Shwan Mohammed/​AFP/​Getty Images

Die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) hat mit ihrer Entwaffnung begonnen. Im Norden des Irak hat sie eine Zeremonie zur Niederlegung der Waffen abgehalten. 30 PKK-Kämpferinnen, darunter vier Kommandeure, verbrannten dabei ihre Waffen, wie eine Reporterin der Nachrichtenagentur AFP beobachtete. Die kurze Zeremonie wurde in einer Höhle in der Nähe von Suleimanija in der autonomen Region Kurdistan im Irak abgehalten.

Die Region dient als Rückzugsort für Kämpferinnen und Kämpfer der von der Türkei als Terrororganisation verbotenen PKK. Kurz zuvor hatte die kurdische Peschmerga im Nordirak nach eigenen Angaben noch zwei Drohnen abgewehrt. Eine der Drohnen sei bei Suleimanija abgeschossen worden, die zweite in der Provinz Kurki, sagte ein Peschmerga-Sprecher. 

Die Zeremonie ist Teil des Friedensprozesses zwischen der in der Türkei verbotenen und als Terrororganisation eingestuften PKK und der Regierung in Ankara. In türkischen Regierungskreisen hieß es, die Entwaffnung der PKK sei ein „unumkehrbarer Wendepunkt“. Die Regierung in Ankara werde die Abrüstung, Stabilität und dauerhafte Versöhnung in der Region unterstützen.

Über dem Berg, wo der Entwaffnungsprozess begann, kreisten Hubschrauber. Zahlreiche irakisch-kurdische Sicherheitskräfte hatten das Gebiet umstellt. Dutzende PKK-Kämpfer hätten in der Jasana-Höhle in der Stadt Dukan die Waffen abgegeben, teilten ein Angehöriger der irakischen Sicherheitskräfte und ein Vertreter der Regionalregierung mit. Der Ort liegt rund 60 Kilometer nordwestlich von Suleimanija in der Region Kurdistan im Norden des Irak.

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Die Waffen sollen später im Rahmen einer weiteren Zeremonie zerstört werden, an der türkische und irakische Geheimdienstmitarbeiter, Vertreter der irakischen Regionalregierung Kurdistans und hochrangige Mitglieder der prokurdischen türkischen DEM-Partei teilnehmen werden. Diese spielte auch eine Schlüsselrolle dabei, dass die PKK sich zur Waffenabgabe entschieden hat.

Die Waffenabgabe sei Teil der dritten von fünf Phasen des umfassenderen Friedensprozesses, in dessen Mittelpunkt die Entwaffnung und Auflösung der PKK stehe, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf einen Insider. Eine weitere mit der Angelegenheit vertraute Person sagte, die nächsten Schritte umfassten die rechtliche Wiedereingliederung der PKK-Mitglieder in die Gesellschaft sowie Bemühungen um eine Versöhnung.

Abdullah Öcalan rief zu Auflösung auf

Die PKK hatte im Mai nach einem öffentlichen Aufruf ihres seit 1999 inhaftierten Chefs Abdullah Öcalan beschlossen, sich aufzulösen und ihren mehr als vier Jahrzehnte dauernden Kampf zu beenden. Seit Beginn des Aufstands der PKK gegen die Türkei im Jahr 1984 sind in dem Konflikt mehr als 40.000 Menschen getötet worden. Ziel der PKK war ein eigenständiges Kurden-Gebiet.

Die PKK hat seit Jahren in den Kandil-Bergen im Norden des Irak ihr Hauptquartier. Die türkische Armee hatte sie weit über die südöstliche Grenze der Türkei hinaus verdrängt. Die türkische Armee hat ihre Kämpfe gegen die PKK immer wieder auch auf irakisches Gebiet ausgedehnt und 2019 damit begonnen, auf irakischem Territorium an der Grenze zur Türkei dauerhafte Stützpunkte zu errichten und eine bis zu 30 Kilometer breite sogenannte Sicherheitszone geschaffen

11 Juli 2025 0 Kommentare
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Politik

Ist der „Atatürk-Mythos“ das Hindernis für die Kurdenfrage?

von Cumali Yağmur 11 Juli 2025
von Cumali Yağmur

 Ist der „Atatürk-Mythos“ das Hindernis für die Kurdenfrage?

 

                                       Von Taner Akcam 

                       

 

 

                                               

                                                               Das Bild von Taner Akcam (Archiv)

Wir erleben eine große Verwirrung und haben Schwierigkeiten, den aktuellen Prozess zu verstehen und ihm einen Sinn zu geben. Einerseits gibt es einen enormen Druck, insbesondere auf die CHP. Die CHP soll quasi zerschlagen – ja vernichtet – werden. Andererseits will man eine Lösung für die Kurdenfrage finden, und es werden ernsthafte Schritte unternommen. Viele von uns schreien: „Das ist nicht möglich!“, weil wir die Situation als einen eklatanten Widerspruch empfinden.

Wir betrachten den Druck auf die Medien und insbesondere die Verhaftungen in CHP-geführten Gemeinden als ein klares Beispiel für „Willkür“ und „Rechtsmissachtung“. Angesichts dieses Drucks und der Verhaftungen vertreten wir die Meinung, dass „die Kurdenfrage ohne einen Rechtsstaat nicht gelöst werden kann“. Wenn kein gesellschaftlicher Konsens gesucht wird, eine Partei, die schätzungsweise 35 Prozent der Gesellschaft hinter sich hat, zerschlagen werden soll und die kurdische Öffnung nicht als Demokratisierungsprozess gesehen wird, kann das nur eines bedeuten: Man will die Kurdenfrage nicht lösen. Das ist die Schlussfolgerung, zu der wir gelangen…

Das Geschehen können wir nur auf eine Weise erklären: Erdoğan will die Kurden auf seine Seite ziehen, um wiedergewählt zu werden. Am Ende dieses Prozesses wird es weder eine Demokratisierung noch eine Lösung der Kurdenfrage geben. Denn ohne Demokratie, ohne die Etablierung eines Rechtsstaates, kann die Kurdenfrage nicht gelöst werden!

Doch es gibt noch eine andere Möglichkeit: nämlich dass die obige Erklärung die Situation nicht vollständig erfasst…

Die Unterscheidung zwischen Akteur und Beobachter

Hannah Arendt ist eine von mir sehr geschätzte Politikwissenschaftlerin. Sie empfiehlt bei der Annäherung an und Analyse von Fakten eine Unterscheidung: die zwischen Akteur und Beobachter. „Die Herangehens- und Wahrnehmungsweise eines Akteurs an ein Ereignis unterscheidet sich grundlegend von der eines Beobachters“, sagt sie. Mit Arendts Blickwinkel möchte ich das oben skizzierte Bild als die ‚Haltung eines Akteurs‘ erklären.

Die Sicht des Akteurs sieht das Geschehen als großen Widerspruch und bewertet es als „unverständlich“.

Vielleicht ist es uns möglich, etwas anderes in dem Geschehen zu sehen, wenn wir es als Beobachter betrachten. Nämlich, dass es keine „Unverständlichkeit“ gibt. Es gibt keinen Widerspruch zwischen der Zerschlagung der CHP – bis hin zur Absicht, sie zu eliminieren (ob es gelingt, ist eine andere Frage) – und der Lösung der Kurdenfrage. Im Gegenteil, diese beiden Tatsachen ergänzen sich.

Wenn es um „Zerschlagen und Lösen“ geht, dann meinen es Erdoğan (und der Staat) in beiden Punkten sehr ernst. Das heißt, die Regierungskreise denken tatsächlich daran, die Kurdenfrage zu lösen, während sie eine Partei zerschlagen, die von fast 35 Prozent der Bevölkerung unterstützt wird! Was wir für unmöglich halten, ist genau das, was Erdoğan als Lösung anbietet! Es gibt also keinen Widerspruch!

Meine Frage ist einfach: Wissen und sehen diejenigen, die die Kurdenfrage lösen wollen, nicht, was wir für „unmöglich“ halten? Sind sie zu dumm, um das zu erkennen? Hier muss vielleicht ein Beobachter eingreifen.

Kann die Kurdenfrage nicht gelöst werden, ohne die „Weißen Türken“ zu zerschlagen?

Als Beobachter lohnt es sich zu fragen, ob die Kreise um Erdoğan und Bahçeli vielleicht so etwas denken: „Wenn wir die in der CHP verkörperte Mehrheit der ‚Weißen Türken‘ nicht unter Druck setzen, werden sie sich gegen die Lösung der Kurdenfrage stellen. Wenn wir sie aber unter verschiedenen Vorwänden zerschlagen, werden sie nach breiter Unterstützung suchen. Und letztendlich werden sie zu dem Punkt kommen, an dem sie sagen: ‚Wir sind für die Lösung der Kurdenfrage‘.“

Ich kann sagen, dass es ein Bild gibt, das diese Denkweise stützt. Es wird ein Unterschied zwischen der Haltung der CHP-Führung zur kurdischen Öffnung und der Basis beobachtet. An der Spitze zeigen die CHP-Führer eine positive Haltung gegenüber der kurdischen Öffnung, während es an der Basis eine starke Tendenz zur Ablehnung gibt. Zeitungen wie die Sözcü

 und Journalisten wie Fatih Altaylı können als Vertreter dieser „Basis“ angesehen werden.

Diejenigen, die ein so umfassendes Projekt wie die kurdische Öffnung in Angriff nehmen, denken möglicherweise: „Wenn wir die CHP-Kreise völlig frei agieren ließen, würden sie sich um den ‚Atatürk-Mythos‘ scharen und die kurdische Öffnung definitiv verhindern. Durch diese Politik der Zerschlagung bringen wir sie in eine Position, in der sie der kurdischen Öffnung nicht mehr widersprechen können.“

Es gibt noch einen weiteren wichtigen Faktor, der diese Argumentation stützt. Das hiesige „Zerschlagen (CHP) und Lösen (kurdische Öffnung)“ ist eigentlich Teil eines größeren Bildes. Das Problem ist also nicht auf das Dilemma „Zerschlagen – Lösen“ beschränkt, das innerhalb des heutigen Systems/Regimes behandelt werden kann.

1923 ist vorbei, eine Neugründung ist notwendig

Der Prozess, in den wir eingetreten sind, ist ein Prozess der „Neugründung“. Bahçeli hat dies mehrfach zum Ausdruck gebracht. Aus diesem Grund bezeichnete er auch Öcalan als „Gründervater“. Wir können getrost behaupten: Die kurdische Öffnung ist nicht darauf ausgerichtet, die Kurdenfrage innerhalb dieses Regimes zu lösen, sondern sie ist eigentlich ein Projekt zur Gründung eines neuen Staates. Also ein Projekt, um einen Staat zu beenden, der 1923 versucht wurde und nicht funktionierte. Das eigentliche Ziel ist 1923.

Es geht also um das Dilemma „Zerstören – Aufbauen“. Die Zerstörung des alten Regimes (1923) und der Aufbau des neuen Regimes können nur dann erfolgreich sein, wenn die Gründerpartei von 1923, die CHP, zerstört oder so weit zerschlagen wird, dass sie ihre Stimme nicht mehr erheben kann. Anders ausgedrückt: Erdoğan und Bahçeli versuchen, den „Atatürk-Mythos“ zu überwinden, auch wenn sie ihm nicht direkt widersprechen können. Ist es so schwer zu sehen, dass die Kurdenfrage nicht mit dem „Atatürk-Mythos“ gelöst werden kann?

Wenn es um eine Neugründung geht, werden wir noch lange vor den Wahlen über eine neue Gründungsverfassung sprechen. Es wird bereits gesagt, dass ein solcher Verfassungsentwurf existiert. Die Frage ist: Was werden wir tun, wenn uns ein Entwurf vorgelegt wird, in dem die Staatsbürgerschaft neu definiert wird und dem die Kreise, die einen „Rechtsstaat“ fordern, nicht viel entgegensetzen können?

Betrachtet man das Problem aus dieser Perspektive, wird besser verständlich, welches Ergebnis vom Druck auf die CHP erwartet wird. Es geht darum, den kemalistischen Widerstand gegen den mit den Kurden zu gründenden neuen Staat wenn nicht zu beseitigen, so doch zu minimieren… Das heißt, wenn die CHP das Problem nicht wie Erdoğan und Bahçeli mit einer neuen Gründungsmission angehen und eine Perspektive entwickeln kann, die sich mit 1923 auseinandersetzt, könnte sie zum Verlierer des Prozesses werden.

Ob Erdoğan aus dieser Rechnung als Präsident hervorgehen kann, weiß ich nicht! Angesichts der Metallermüdung von 25 Jahren und des Ausmaßes der Wirtschaftskrise erscheint es ziemlich schwierig, aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass dies für diejenigen, die dieses Projekt zur Neugründung eines Staates in Angriff nehmen, ein unwichtiges Detail ist. Könnte es sein, dass die „mehr oder weniger“ sichtbaren Spannungen und Differenzen zwischen Bahçeli und Erdoğan genau hier liegen?

11 Juli 2025 0 Kommentare
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Antisemitismus

Kampf gegen Diskriminierung

von Fremdeninfo 10 Juli 2025
von Fremdeninfo

 

Kampf gegen Diskriminierung

                          Artikel von Bianca Treffe/ R.P

Nettetal. An der Gesamtschule Nettetal lief der zweite Antidiskriminierungstag. Rund 200 Schüler beteiligten sich an den unterschiedlichen Projekten

                         

                              

Beim Antidiskriminierungstag an der Gesamtschule Breyell wurden auch T-Shirts mit aussagekräftigen Statement versehen.⇥ © Bianca Treffer

Die Aussage `Black lives Matter` soll auf den Rücken und das dazugehörige Symbol auf die Vorderseite vom T-Shirt kommen. Wir müssen jetzt aber erst einmal schauen, wie groß alles werden soll“, sagt Gjesika mit Blick auf das Tablet in ihrer Hand, das die drei Wörter und das Symbol zeigt. Elissa hat derweil schon zum Zentimeterband gegriffen und beginnt auf der Folie, die für das spätere Plottern notwendig ist, abzumessen, um sie entsprechend abschneiden zu können. Im Raum 513 der Gesamtschule Nettetal sind Philip Sieben und Andrea Woopen zusammen mit mehreren Schülern damit beschäftigt, T-Shirts mit eigens ausgesuchten Statements zu versehen, die sich alle rund um das Thema Antidiskriminierung bewegen. „Ich denke, mit Black lives matter setze ich ein klares Statement, wenn ich das T-Shirt anziehe“, sagt Elissa.

Ein klares Zeichen setzen, genau darum geht es rund 200 Schülern an diesem Tag. Der zweite Antidiskriminierungstag ist an der Gesamtschule angelaufen. Knapp ein Viertel der Schülerschaft hat sich entschieden, an den verschiedenen Projekten teilzunehmen, die sich allesamt um das Thema Antidiskriminierung drehen. Waren es im vergangenen Jahr bei der Premiere rund 80 Schüler, die sich einbrachten, so ist das Interesse diesmal deutlich größer geworden. „Wir haben seinerzeit einen Workshop von Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage besucht. Damals haben wir uns entschlossen einen eigenen Event an unserer Schule durchzuführen“, erinnert sich Ally Beeren.

Gemeinsam mit Stufenkollegin Kiara Schmidt trugen sie die Idee in den didaktischen Ausschuss der Gesamtschule. Die Idee wurde positiv aufgenommen, und es bildetet sich eine eigene Arbeitsgruppe, die Projekte für einen ersten Antidiskriminierungstag ins Leben rief. Die gute Resonanz und das positive Feedback ließen jetzt den zweiten Tag dieser Art folgen.

Obwohl Beeren und Schmidt ihr Abi schon im vorigen Jahr gemacht haben, sind sie nach wie vor in der Arbeitsgruppe aktiv und nehmen sich auch die Zeit, am Tag selber vorbei zu schauen. „Das ist uns wichtig“, betonen die beiden. Während die einen T-Shirts mit Botschaften versehen, beschäftigt sich eine weitere Schülergruppe um die Sozialpädagogin Lisa Heimbucher mit dem Entwurf eines eigenen Logos für den Antidiskriminierungstag. Es sollen dabei so viele Aspekte wie möglich berücksichtigt werden, denn Diskriminierung findet in unzähligen Bereichen statt, angefangen von Ausgrenzungen aufgrund der Hautfarbe bis hin zu einer Behinderung.

Wie körperliche und geistliche Handicaps das Leben schwer machen können, erfährt eine Schülergruppe dank einem Besuch der Lebenshilfe und dem Haus Maria Helferin. In einem großen Stuhlkreis zusammensitzend sprechen Menschen mit Handicap unter anderem über ihre Probleme, einen Job außerhalb vom HPZ zu finden. „Die meisten Barrieren bestehen im Kopf“, bemerkt André Sole-Bergers, Inklusionsmanager der Lebenshilfe Kreis Viersen, in diesem Zusammenhang.

„Hand in Hand gegen Diskriminierung“ heißt es einen Klassenraum weiter. Dabei wird auch der Alltagsrassismus in der Sprache in den Blickwinkel genommen. Anouk, Pia und Anna, Abiturienten des aktuellen Jahrgangs, haben indes mit Schülern einen Tanz gegen Gewalt einstudiert.

Aber nicht nur in der Schule laufen die Projekte. Schulleiter Leo Gielkens ist mit 13 Schülern vom Wanderparkplatz De Meinweg aus auf eine grenzüberschreitende 16 Kilometer lange Wanderung gestartet. Ein Ziel ist dabei die Gedenkstätte für fünf Ostarbeiterinnen. Die fünf Frauen im Alter von 23 bis 33 Jahren wurden am 13. Oktober 1944 an dieser Stelle von zwei Gestapo-Bediensteten hingerichtet. „Wir sind auf historischen Spuren unterwegs und tragen den Europagedanken mit, da wir grenzüberschreitend wandern“, sagt Gielkens.

Eine weitere Gruppe ist in der Lobbericher Innenstadt aktiv. Vor dem Hintergrund, dass dort der erste Christopher Street Day (CSD) am 12. Juli stattfindet, verwandelt eine Schülergruppe den Platz vor dem alten Rathaus mit Straßenmalkreide in eine einzige bunte Fläche. Es entsteht ein Kunstwerk, das nicht nur auf den CSD hinweist, sondern auch ein sichtbares Zeichen für Vielfalt, Akzeptanz und Gleichberechtigung setzt.

(tre oli)

10 Juli 2025 0 Kommentare
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Flüchtlinge

Irreguläre Migration: Sichere Herkunftsländer per Rechtsverordnung – Grüne empört

von Cumali Yağmur 10 Juli 2025
von Cumali Yağmur

 

Irreguläre Migration: Sichere Herkunftsländer per Rechtsverordnung – Grüne empört

Von: dpa

Vor allem die Grünen hatten sich bei den Verhandlungen über das sogenannte Rückführungsverbesserungsgesetz der Ampel-Koalition für den Anspruch auf einen Pflichtanwalt bei Abschiebehaft und Ausreisegewahrsam eingesetzt. (Archivfoto) © Boris Roessler/dpa

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hat kurz vor der parlamentarischen Sommerpause noch zwei weitere Bausteine seiner „Migrationswende“ im Bundestag vorgestellt. Menschen, denen Abschiebehaft oder Ausreisegewahrsam droht, sollen künftig keinen Anspruch mehr auf einen staatlich finanzierten Anwalt haben, der sie bei der Wahrung ihrer Rechte unterstützt. 

Rechtsbeistand vom Staat gibt es seit 2024 

Dieser Anspruch war erst im vergangenen Jahr eingeführt worden, als Teil des sogenannten Rückführungsverbesserungsgesetzes der damaligen Ampel-Koalition, mit dem unter anderem die maximale Dauer des Ausreisegewahrsams verlängert wurde. Durch den Pflichtanwalt sei das Gesetz zu einem „Rückführungsverhinderungsgesetz“ geworden, sagte Dobrindt. Mit der Streichung dieses Anspruchs folge man einer Empfehlung der Justizministerkonferenz, betonte der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Sebastian Fiedler.

Sichere Herkunftsländer per Rechtsverordnung

Erstmals beraten hat der Bundestag zudem über die Möglichkeit, Staaten per Rechtsverordnung als sogenannte sichere Herkunftsländer einzustufen. Das bedeutet, dass der Bundesrat dem dann nicht zustimmen müsste. Möglich wird das, indem die relativ kleine Gruppe von Schutzsuchenden, die als politisch Verfolgte Asyl beantragen, hier ausgeklammert wird. „Staaten werden nicht sicher, weil Sie es sich wünschen“, sagte Helge Limburg (Grüne) an die Adresse des Bundesinnenministers.

Maghreb-Staaten und Indien zuerst

In ihrem Koalitionsvertrag hatten CDU, CSU und SPD vereinbart, mit der Einstufung von Algerien, Indien, Marokko und Tunesien als sichere Herkunftsstaaten zu beginnen. Entsprechende Initiativen waren in den vergangenen Jahren im Bundesrat am Widerstand von Ländern mit Regierungsbeteiligung der Grünen und der Linken gescheitert.

Asylanträge von Menschen aus den als sichere Herkunftsstaaten geltenden Ländern lehnt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in der Regel als offensichtlich unbegründet ab. Dies schließt die Anerkennung eines Schutzstatus im Einzelfall aber nicht aus. Abgelehnte Antragsteller können jedoch leichter und schneller abgeschoben werden.

Als sichere Herkunftsländer gelten in Deutschland aktuell neben den Mitgliedstaaten der Europäischen Union Albanien, Bosnien-Herzegowina, Ghana, Kosovo, Nordmazedonien, Montenegro, Senegal, Serbien, Georgien und Moldau. Die Einstufung soll irreguläre Migration aus diesen Staaten verringern.

Christian Wirth (AfD) sagte, der Entwurf gehe in die richtige Richtung, sei aber „mutlos“. (dpa)

10 Juli 2025 0 Kommentare
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Frauen

Islamismus-Experte Mansour: „Auch eine Frau im Bikini ist eine ehrenhafte Frau!“

von Fremdeninfo 10 Juli 2025
von Fremdeninfo

Islamismus-Experte Mansour: „Auch eine Frau im Bikini ist eine ehrenhafte Frau!“

Artikel von Judka Strittmatter/ Berliner Zeitung

 

                     

                          Islamismus-Experte Ahmad Mansour am 09.07.2025 bei Markus Lanz © Screenshot/Markus Lanz

Deutsche Freibäderfüllen das Sommerloch – so könnte es kommen, haben doch vor zwei Wochen die Geschehnisse in einem Schwimmbad im hessischen Gelnhausen für einen republikweiten Furor gesorgt. Jetzt sind sie bei Markus Lanz in der Sendung gelandet. Vier Afghanen belästigten acht Mädchen im Alter von 11 bis 16 Jahren. Immer mehr scheinen Freibäder generell zu Orten der Unsicherheit und Angst zu verkommen. Der Vorfall wird bei Markus Lanz vornehmlich von zweien betrachtet, die sich in der Sache einig sind. Da ist zum einen der Psychologe und Islamkritiker Ahmand Mansour und der Gelnhauser FDP-Politiker Kolya Saß, der den politischen Aufruhr ob des Vorfalls im Stadtparlament beschreibt.

„Ich möchte hier die Stimme von Menschen in ganz Deutschland sein“, so der Auftakt von Mansour, „die mittlerweile bei alltäglichen Situationen und Unternehmen, bei denen sie vor zehn Jahren noch nicht mal eine Sekunde überlegt haben, ob sie das machen wollen oder nicht, sich inzwischen unsicher fühlen. Dazu gehören der Schwimmbadbesuch mit den Kindern, öffentliche Silvesterfeiern, Bus- oder S-Bahn-Fahrten oder nachts als Frau in Berlin allein nach Hause gehen zu wollen. Wir verlieren öffentliche Räume.“ Und der Islamismus-Experte setzte nach: „Das ist ein Symptom für eine überforderte Gesellschaft, die so viele Menschen aufgenommen, aber nicht dafür gesorgt hat, unsere Werte in aller Deutlichkeit zu vermitteln.“

Zu diesen Werten gehöre auch eine aufgeklärte Sexualität. Junge Männer aus muslimischen Herkunftsländern seien oft so patriarchalisch großgeworden, ihre Sexualität so tabuisiert worden, dass sie Schwierigkeiten hätten, mit dem anderen Geschlecht umzugehen. In Deutschland würden sie die Frauen „als verfügbar“ ansehen. „Aber auch eine Frau, die einen Bikini trägt, ist eine ehrenhafte Frau, die nicht angefasst werden will. Wenn jemand ein zwölfjähriges Mädchen sexuell belästige, müsse man davon ausgehen, „dass dieses Mädchen ihr ganzes Leben ein Trauma davonträgt“. Solche Fälle könnten ganze Familien zerstören.

Der FDP-Fraktionschef im Stadtradt in Gelnhausen, Kolja Saß, konnte ihm da nicht widersprechen: „Das hätte vermieden werden können!“ Schon im Winter hätte seine Partei einen Antrag im Stadtparlament eingebacht, so etwas präventiv zu verhindern, denn solche Übergriffe seien ja nun „kein überraschendes Ereignis“. Sogar die SPD habe dem Antrag zugestimmt, die CDU hingegen nicht. Selbst Kollegen hätten ihm gesagt, sie fühlten sich nicht mehr sicher im Freibad. Lanz konfrontiert ihn daraufhin mit dem Fakt, dass die Gelnhausener Antragseinbringer vom Bürgermeister im Nachgang dafür bezichtigt wurden, „billigsten Populismus zu verbreiten und Angst schüren zu wollen“.

Da konnte Mansour den FDP-Mann nur verbal abklatschen: „Solche Reaktionen bekomme ich auch immer, wenn ich über diese Themen spreche: Dass ist dann populistisch, rassistisch, Wasser auf die Mühlen der AfD.“ Da fährt Lanz ihm kurz, aber zustimmend, in die Parade: „Aber das Problem nicht zu beheben, ist das nicht eher Wasser auf die Mühlen der AfD?“ Mansour, sonst nie zaghaft, muslimische Migranten für Verfehlungen direkt anzusprechen, betonte allerdings, die Debatte differenziert führen zu wollen: „Es geht dabei nicht um Muslime generell.“ Es gehe um die, die den Rechtsstaat verachten.

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Information

Scharfe Kritik: Radikale israelische Siedler greifen deutsche Journalisten an

von Cumali Yağmur 10 Juli 2025
von Cumali Yağmur

Scharfe Kritik: Radikale israelische Siedler greifen deutsche Journalisten an

 

                                            Von: dtj-online

                                      

Im Westjordanland wurden am Freitag Journalist:innen der Deutschen Welle während ihrer Berichterstattung über Proteste gegen Gewalt von radikalen Siedlern mit Steinen attackiert. Es ist bei Weitem kein Einzelfall.

Denn dieser Vorfall ist Teil einer gefährlichen Entwicklung: Während Palästinenser:innen schon seit Langem angegriffen und vertrieben werden, geraten inzwischen sogar internationale Journalist:innen ins Visier radikaler Siedler. Mehr noch: Der Gazastreifen ist aktuell der tödlichste Ort der Welt für Journalist:innen.

Schon vor dem 7. Oktober war der Gazastreifen gefährlich

Wie gefährlich der Gazastreifen bereits vor dem aktuellen Krieg war, verdeutlichen zahlreiche Beispiele. Der Tod der erfahrenen Al-Jazeera-Korrespondentin Shireen Abu Akleh hatte internationale Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Sie wurde am 11. Mai 2022 während einer Deckungsoperation im Westjordanland von israelischen Streitkräften gezielt erschossen.

Gezielt deshalb, da ihre Presseweste deutlich sichtbar war, wie Monitor, das investigative Flaggschiff der ARD, in einer ausführlichen Recherche darlegen konnte. Dieser Tod kam deutlich vor dem 7. Oktober 2023, den die israelische Regierung als Begründungsgrundlage für die kollektive Bestrafung der Palästinenser:innen seither nimmt.

Gefährlichster Ort für Journalist:innen weltweit

Laut International Federation of Journalists wurden bisher mindestens 174 Journalist:innen und Medienmitarbeiter:innen im aktuellen Gaza‑Krieg getötet. Die Committee to Protect Journalists meldete einige Fälle mehr: 178 Tote. Das palästinensische Journalisten‑Syndikat beziffert die Opfer indes auf über 220.

Nach dem jüngsten Angriff radikaler israelischer Siedler hat sich auch der Deutsche-Journalistenverband zu Wort gemeldet. DJV-Bundesvorsitzender Mika Beuster fühle sich erleichtert, „dass die beiden Kollegen unversehrt geblieben sind“. Ein Satz, der Bände spricht. Denn während die deutsche Politik nach wie vor und viel zu oft das Narrativ der extremistischen Netanjahu-Regierung an die Hand nimmt, ist die Freude Beusters vielsagend. „Es kann nicht sein, dass radikale Siedler ungestraft Jagd auf Medienschaffende machen. Das darf nicht ohne Folgen bleiben“, so Beuster weiter.

Al Jazeera gezielt unter Beschuss

Die Zahl der verletzten und getöteten Journalist:innen durch Israel hat in Gaza einen grausamen Höhepunkt erreicht. Insbesondere muss bislang der Sender Al Jazeera Verluste beklagen. Besonders viele Al-Jazeera-Mitarbeiter:innen wurden von der israelischen Armee bislang getötet.

Darunter Hossam Shabat, der am 24. März 2025 in Gaza gezielt durch einen Luftangriff getötet wurde. Die IDF rechtfertigte den Angriff unbegründet mit angeblicher Beteiligung an Milizen. Wie so oft kommen die Stimmen der Protestierenden für diese grausame Willkür hierzulande kaum an. Auch Samer Abu Daqqa, Kameramann der Al Jazeera-Crew, starb bei einem israelischen Drohnenangriff im Dezember 2023 in Khan Yunis. Weitere bekannte tote Journalisten sind Yahya Sobeih, getötet bei einem Luftangriff am 7. Mai 2025, sowie Hassan Aslih, der nach schwersten Verletzungen ins Krankenhaus gebracht wurde – und dennoch am 13. Mai 2025 von einer israelischen Drohne getötet wurde.

Israel: Quo vadis Demokratie?

Damit reiht sich Israel in eine erschreckende Reihe von Akteuren ein, die gezielt Pressevertreter:innen töten – ein klarer Bruch humanitären Völkerrechts. Es ist ein global einmaliger Angriff auf Grundrechte: Der Gazastreifen übertrifft sogar Kriegsgebiete wie Afghanistan oder Jugoslawien. Die Zerstörung von Presseinfrastruktur und Angriffe auf Medienhäuser stellen systematische Gewalt dar.

Der Angriff auf das DW‑Team im Westjordanland ist Ausdruck einer Strategie: Pressefreiheit wird unter Beschuss genommen, journalistisches Arbeiten kriminalisiert – und in Gaza bezahlen Journalist:innen mit ihrem Leben für ihr Engagement.

10 Juli 2025 0 Kommentare
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Die türkische Moschee in Tirana
Religion

Moschee, Macht und strategische Allianzen: Türkei baut Einfluss auf dem Balkan aus

von Fremdeninfo 10 Juli 2025
von Fremdeninfo

Von: dtj-online

Obwohl der EU-Beitritt der Türkei schon länger stagniert, intensiviert Ankara seine Einflussnahme auf dem Balkan. Mit Moscheebauten, Bildungsinitiativen und politischem Druck sichert sich die türkische Regierung eine strategische Position – gerade in muslimisch geprägten Ländern wie Albanien. Dabei trifft sie auf alte Verbindungen, neue Machtvakuen und kaum Widerstand aus Brüssel.

Der Beitrittsprozess der Türkei zur EU liegt mittlerweile seit Jahren auf Eis, und es spricht wenig dafür, dass die Regierung in Ankara ihn in absehbarer Zeit überhaupt von sich aus wiederbeleben wollte. Allerdings strebt die EU bis 2030 eine Erweiterung an, die sich unter anderem auf mehrere Staaten des Westbalkans beziehen soll. Und vieles spricht dafür, dass die Türkei damit zumindest indirekt einen Fuß in den innereuropäischen Willensbildungsprozess bekommen wird.

Die Namazgja-Moschee in Tirana – finanziert von der Diyanet

Zu den Staaten, die man in Brüssel noch innerhalb des laufenden Jahrzehnts in die europäische Staatengemeinschaft aufnehmen will, gehören Albanien, Bosnien und Herzegowina und das Kosovo. Alle drei Länder verfügen über zahlenmäßig starke muslimische Communitys, die nach Jahrzehnten der Unterdrückung durch den Kommunismus und die blutigen Balkankriege identitätsbewusster geworden sind.

In Albanien erhob Diktator Enver Hoxha einst den Atheismus zur Staatsideologie und verbot jede religiöse Organisation und Praxis. Nach dem Ende des Regimes im Jahr 1990 wurden vor allem christliche und muslimische Gottesdienststätten und Gemeinden wieder aufgebaut. Im Jahr 2014 wurde auch der Bau der imposanten Namazgja-Moschee in Tirana nach dem Vorbild der Blauen Moschee in Istanbul bewilligt. In dieser sollen rund 8.000 Gläubige Platz finden.

Der Bau kostete nicht weniger als 30 Millionen Euro – und das Geld hat die türkische Religionsbehörde Diyanet aufgebracht. Im Oktober 2024 reiste der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan persönlich zur Einweihungszeremonie an. Bei dieser Gelegenheit unterzeichnete er auch Wirtschaftsabkommen, versprach Investitionen in die Bildung und spendete Drohnen für Albaniens Armee.

Baustopp zur Erzwingung von Maßnahmen gegen Gülen-Bewegung

Das Engagement der Türkei kommt nicht von ungefähr, und das Wiederbeleben geschichtlicher Verbindungen auf dem Balkan ist nur ein Teilaspekt davon. Die Führung in Ankara hat sich im Gegenzug zur Finanzierung den bestimmenden Einfluss auf den Vorstand der Moschee gesichert. Sogar ein türkischer Imam ist dort tätig, was unter den albanischen Gemeindemitgliedern nicht auf ungeteilte Zustimmung stößt.

Auch politische Zugeständnisse hat die türkische Regierung in nicht zu knappem Umfang eingefordert. In den vergangenen Jahren betraf das unter anderem auch die Gülen-Bewegung. Deren Mitglieder hatten in Albaniens muslimischer Gemeinschaft ein hohes Ansehen erlangt, insbesondere aufgrund ihrer engagierten Bildungsarbeit. Auch deshalb war die Bereitschaft der Regierung in Tirana, Gülen-Anhänger an die Türkei auszuliefern, überschaubar.

Nach dem gescheiterten Putschversuch von 2016, für den die türkische Regierung die Bewegung zum Drahtzieher und Sündenbock erklärt hat, verschärfte Ankara jedoch auch in Albanien ihren Druck. Über zwei Jahre hinweg standen die Bauarbeiten zur Namazgja-Moschee still, weil die Türkei auf diese Weise Auslieferungen erzwingen wollte. Erst nachdem Albanien einigen Auslieferungswünschen stattgegeben hatte, nahm die Diyanet 2019 die Bauarbeiten wieder auf.

Saudi-Arabien zieht sich vom Balkan zurück – und Türkei will Vakuum füllen

Außerdem erzwang die Türkei im Jahr 2022 die Schließung des „Mehmet Akif Ersoy“-Kollegs und des Kindergartens „Zübeyde Hanım“ in Tirana. Beide Einrichtungen wurden der Gülen-Bewegung zugerechnet. Offiziell begründeten die albanischen Behörden die Schritte mit angeblich fehlenden Genehmigungen und nicht erfüllten Baustandards. Mit der Materie Vertraute halten dies jedoch für Vorwände: Tatsächlich sei diplomatischer Druck vonseiten der Türkei der eigentliche Beweggrund gewesen.

Ein weiterer Grund für die Türkei, proaktive Einflusspolitik auf dem Balkan zu betreiben, ist der Wunsch, eine Hegemonie innerhalb der muslimischen Gemeinden herzustellen. Dabei geht es insbesondere darum, das Vakuum zu füllen, das der Rückzug Saudi-Arabiens herbeigeführt hat. Das Königreich hatte in der Zeit der Balkankriege Fuß gefasst, als Riad muslimische Einheiten bewaffnete und Moscheen errichtete. Zum damaligen Zeitpunkt war es noch Strategie Riads, Bestrebungen im Ausland zu unterstützen, die eine wahhabitische Auslegung des Islam fördern.

Anfang der 2020er Jahre hat das Königshaus jedoch eine Kehrtwende vollzogen. Die Förderung besonders streng religiöser Kräfte auch in Europa hatte dem Ansehen der Saudis geschadet. Zudem hat man in Riad den strategischen Schwerpunkt auf die Modernisierung des eigenen Landes verlegt. Deshalb ließ Kronprinz Mohammed Bin Salman die mit saudischer Hilfe aufgebauten Gemeinden und Gebäude an lokale Akteure übergeben. Für die Einflusspolitik Erdoğans stellt dies eine willkommene Möglichkeit dar

10 Juli 2025 0 Kommentare
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Archive

Lange nach ihrem Tod: „Mevlüde Anne“ wird Namensgeberin eines neues Verein

von Cumali Yağmur 10 Juli 2025
von Cumali Yağmur

Lange nach ihrem Tod: „Mevlüde Anne“ wird Namensgeberin eines neues Verein

Von: Dtj 

Als Mevlüde Genç noch lebte, war sie nicht nur die moralische Instanz ihrer Familie, sondern auch eine der wichtigsten Stimmen der Bundesrepublik Deutschland gegen Hass und für Versöhnung. Nach dem rechtsextremen Brandanschlag von Solingen im Mai 1993, bei dem fünf Mitglieder ihrer Familie ums Leben kamen, erhob sie sich nicht zum Racheengel, sondern zur Friedensbotschafterin. Diese Rolle wird ihr auch lange nach ihrem Tod zuteil.

Seit ihrem Tod im Oktober 2022 ist eine Lücke entstanden, die mehr ist als eine familiäre. Es ist eine Lücke im öffentlichen Gedächtnis. Um diesem Verlust aktiv zu begegnen, hat ihre Familie nun den Verein Mevlüde Genç e.V. gegründet. Die Kinder und Enkelkinder von Mevlüde Genç – namentlich ihr ältester Sohn Kamil Genç sowie Özlem Genç-Evran und Cihat Genç – wollen ihr Vermächtnis sichern, weitertragen und neue Räume für Erinnerung, Bildung und Empowerment schaffen.

Die Botschaft weitertragen

Auf der Vereinswebseite formulieren die Mitglieder ein klares Ziel: „Unser Verein wurde gegründet, um die wertvollen Botschaften von Mevlüde Anne weiterzutragen: Botschaften der Versöhnung, des Zusammenhalts und des friedlichen Zusammenlebens.“

Diese Botschaft wird konkret durch verschiedene Projekte. Allen voran durch die jährliche Mevlüde-Genç-Rede, die künftig immer am 29. Mai stattfinden soll – dem Jahrestag des Brandanschlags. Eingeladen werden herausragende Persönlichkeiten, die sich für die Ideale von Genç stark machen. Die erste Mevlüde-Genç-Rede hielt 2024 Ferda Ataman, die unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung.

Erinnern heißt handeln

Der Verein will nicht nur für Worte stehen, sondern auch für Taten. In der Bildungsarbeit und Gedenkkultur engagiert er sich mit Schulworkshops, Podiumsdiskussionen und der Mitorganisation des Gedenktags in Solingen. Damit wird die Erinnerung wachgehalten und in konkrete antirassistische Arbeit überführt.

Ein besonderes Symbolprojekt ist der geplante Wiederaufbau des Hauses in der Unteren Wernerstraße, das beim Anschlag 1993 zerstört wurde. Es soll ein Ort des Gedenkens, des Lernens und der Begegnung entstehen. Ein Mahnmal gegen das Vergessen – und für die Zukunft.

Mevlüde Genç Fellowship: Gegen antimuslimischen Rassismus

Mit dem neu gestarteten Mevlüde Genç Fellowship geht der Verein noch einen Schritt weiter: Es ist ein bundesweites Förderprogramm, das gezielt junge Menschen stärkt, die selbst von antimuslimischem Rassismus betroffen sind und aktiv in ihren Communities Veränderung bewirken wollen.

Das Programm wird unterstützt vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und der Landeszentrale für politische Bildung NRW im Rahmen von „Demokratie leben!“. In einem intensiven Jahresprogramm erhalten Fellows nicht nur Weiterbildung, sondern auch Mentoring, Coaching und die Möglichkeit, ein eigenes Projekt umzusetzen.

Das Ziel: Junge Vorbilder befähigen, lokal wie bundesweit Wirkung zu entfalten – ganz im Geiste von Mevlüde Genç.

10 Juli 2025 0 Kommentare
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