HÄNDE WEG VOM ALEVITENTUM

von Cumali Yağmur

Von: Celal Işıkon

Die innerparteilichen Debatten in der CHP dienen – in der Person von K. Kılıçdaroğlu und denjenigen an seiner Seite – dem Zweck, Aleviten zu dämonisieren und auszugrenzen. Folglich verleiht diese Debatte dem Überlegenheitsanspruch der türkisch-sunnitischen Ideologie des Staates und der Regierung über die Gesellschaft eine Rechtfertigung ve Legitimität.

Die Wahrnehmung aus den Gründungscodes der Republik, wonach jeder, der nicht Türke und Muslim ist, als unzuverlässig und als Bürger zweiter Klasse gilt, wird dadurch gestärkt und bestätigt.

Tatsächlich wäre es die größte Bosheit und Beleidigung gegenüber dem Alevitentum, diesen Glauben in der Person von Menschen wie K.K. zu diskutieren oder zu verteidigen. Denn solche Personen haben keinen Bezug zur alevitischen Philosophie und Moral, haben sich nie zu ihrer alevitischen Identität bekannt und verteidigen die offizielle Ideologie in einer Art „päpstlicher als der Papst“-Manier, während sie ihre wahre Identität verbergen.

Die demokratische Zivilgesellschaft der CHP und der DEM-Partei sollte sich nicht zum Werkzeug dieser Debatte machen lassen, die die offizielle Ideologie nährt und rechtfertigt.

Kurz gesagt: Die einzige Botschaft an diejenigen, die versuchen, das Alevitentum mit Persönlichkeiten wie Kılıçdaroğlu ve seinem Umfeld gleichzusetzen – die nach der alevitischen Lehre und dem alevitischen Recht als „gefallen“ (düşkün) gelten könnten – lautet: Lasst eure Hände vom Alevitentum! Hört auf, das Alevitentum zum Instrument eurer Karrierepolitik und eurer Hassgefühle gegenüber politischen Rivalen zu machen.

Wir alle brauchen eine neue Demokratische Republik, in der jeder mit seiner unterschiedlichen ethnischen und religiösen Identität ein gleichberechtigter Bürger ist, so dringend wie die Luft zum Atmen und das Wasser zum Leben.


Von: Cumali Yağmur

Der Gründungsprozess der Republik wurde auf der Grundlage des Türkentums geformt, wobei andere Identitäten geleugnet wurden, mit dem Ideal eines Einheitsstaates, einer Nation, einer Flagge und eines Landes. Nationalistische Slogans wie „Wie glücklich derjenige, der sagt: Ich bin ein Türke“ (Ne mutlu Türk’üm diyene) oder „Ein Türke ist so viel wert wie die ganze Welt“ wurden zu den wichtigsten Instrumenten, um das Regime aufrechtzuerhalten.

In der Gründungsphase wurde anstelle eines echten Laizismus der sunnitische Glaube in den Staatsapparat integriert und diese Struktur durch die Behörde für Religionsangelegenheiten (Diyanet) gefestigt. Obwohl Aleviten die Ideale der Republik unterstützten, erlitten sie unter dem Deckmantel der „Brüderlichkeit“ einen massiven Entzug ihrer Rechte.

Wenn eine neue Republik aufgebaut werden soll, muss eine pluralistische Struktur geschaffen werden, die alle Völker wie Armenier, Lasen, Tscherkessen, Araber und Kurden einschließt. Nur so kann jeder Teil der Gesellschaft das System annehmen, und der gesellschaftliche Friede kann dauerhaft werden. Solange die Republik an der Aufzwingung von einer Sprache, einer Religion und einer Nation festhält, wird die ausgrenzende Haltung gegenüber Aleviten, Kurden und anderen Identitäten fortbestehen. Wie man an den jüngsten Widersprüchen innerhalb der CHP sieht, wurde die alevitische und kurdisch-dersimische Identität über Kılıçdaroğlu angegriffen und gekränkt.

Innerhalb der CHP wurde Kemal Kılıçdaroğlu aufgrund seines Alevitentums sowie seiner Herkunft aus Dersim und seiner kurdischen Identität regelrecht einer sozialen Lynchjustiz unterzogen. Wir sehen selbst im 21. Jahrhundert, wie tief die Spuren der Alevitenfeindlichkeit in der Gesellschaft verwurzelt sind. Wir waren Zeugen davon, wie feindselig selbst diejenigen gegenüber Aleviten sein können, die sich als laizistisch bezeichnen und religiöse Elemente eigentlich nicht auf ihrer Agenda haben.

Während die Meinungsverschiedenheiten innerhalb der CHP auf keinerlei ideologischen Grundlagen basierten, wurde versucht, das Alevitentum, das Kurdentum und die Herkunft aus Dersim als ideologische Spaltung innerhalb der Partei darzustellen. Sogar Menschen, die mit der CHP rein gar nichts zu tun haben, versuchen dieses Thema so zu behandeln, als sei es ihr eigenes Problem. Mit der Behauptung „Ich bin zu hundert Prozent Anhänger Atatürks“ versuchen sie, Nationalismus, Rassismus und Alevitenfeindlichkeit zu betreiben.

Sogar Menschen aus der Türkei, die in Europa unterdrückt und herabgewürdigt werden, suchten sich einen Feind, nutzten die Widersprüche innerhalb der CHP aus und setzten ihre Feindseligkeit gegenüber Aleviten und Kurden fort. Indem sie ihre eigene Unterdrückung und die rassistisch-nationalistischen Angriffe im Alltag vergessen, agieren sie über Kılıçdaroğlu feindselig gegen Aleviten und Kurden. Wenn man die zugrunde liegenden Faktoren betrachtet, sieht man, dass die Spuren der Vorurteile und Feindseligkeiten gegen Aleviten sehr weit zurückreichen. Kein Mensch sunnitischen Glaubens wird innerhalb der CHP durch die Schürung einer solchen Feindseligkeit mit nationalistischen und rassistischen Angriffen gelyncht.

Selbst diejenigen, die Kurden beschimpfen, sagen: „Kılıçdaroğlu hat die Immunität von Demirtaş aufgehoben, deshalb ist er ein Verräter.“ Doch wenn man den Kern dieser Personen betrachtet, erkennt man an ihrer Rhetorik, dass sie in Wirklichkeit kurdenfeindlich sind. Diese paranoiden Angriffe haben weder eine konsistente Basis noch eine wissenschaftliche Seite. Die türkische Gesellschaft ist degeneriert; man weiß nicht mehr, was richtig oder falsch ist und was außerhalb der Ethik liegt.

Unbewusste Massen, die alles durcheinanderbringen (Sapla samanı birbirine katmak) und an die Richtigkeit ihres eigenen (Halb-)Wissens glauben, stiften Unruhe. In einer Zeit, in der kulturelle Werte mit Füßen getreten werden, können in den sozialen Medien leicht Äußerungen getätigt werden, die keine moralischen Werte besitzen und die Gegenseite herabwürdigen oder verletzen. Angesichts dessen müssen Äußerungen und Beiträge, die die Persönlichkeit und das Privatleben eines Menschen angreifen, gestoppt werden; an ihre Stelle müssen anständige und qualifizierte Diskussionen treten.

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