İSKAN TOLUN / Rees
Der Frühling ist in diesem Jahr früh nach Europa gekommen. Seit einigen Tagen lacht die Sonne aus vollem Herzen. Ob mit der Familie, mit Freunden oder mit dem Hund an der Leine – jeder versucht auf seine Weise, diese sonnendurchfluteten, herrlichen Tage zu genießen. Ausflugsziele, Parks, Rheinufer, Cafés und Eisdielen sind belebt; kurzum, alles ist in diesen Tagen von einer wunderbaren Betriebsamkeit erfüllt. Neben jenen, die sich im Gras ausstrecken oder auf Bänken die Sonne genießen und plaudern, gibt es eine beachtliche Zahl von Menschen, die sich in eine ruhige Ecke zurückgezogen haben, um in einem Buch zu lesen.
Auch ich nutzte das schöne Wetter als Gelegenheit und mischte mich mit Emile Zolas Roman „Die Wahrheit“ unter sie. Mal nehme ich an ihren Gesprächen teil, mal lausche ich nur, und mal ziehe ich mich zurück, um in meinem Buch zu lesen. Die Gesprächsthemen sind derzeit überall ähnlich: Es geht zumeist um die Spannungen und den drohenden Krieg gegen den Iran, der sich immer weiter auszuweiten scheint. Ich muss anmerken, dass die Kommentare und Analysen dieser „einfachen“ Menschen jenen in den Zeitungen oder den Experten im Fernsehen in nichts nachstehen. Ja, die Deutschen sind ein ausgesprochen kultiviertes und intellektuelles Volk. Ich lebe nun seit über vierzig Jahren in Deutschland und nach allem, was ich beobachtet habe, ist das Bildungsniveau sehr hoch – und es wird viel gelesen…
Rees am Rhein
Dem Lesen wird hier schlichtweg eine enorme Bedeutung beigemessen! Das geht so weit, dass man auf Straßen, in Parks und an Uferpromenaden Figuren, Skulpturen und Symbole errichtet hat, die zum Lesen anspornen. Man könnte fast sagen, dass die Lust am Lesen dadurch tief in das Bewusstsein, ja sogar in das Unterbewusstsein der Menschen einsickert.
Eines kann ich nicht unerwähnt lassen: Wann immer ich in ein Haus eingeladen bin oder jemanden besuche, fällt mein erster Blick auf die Regale, Schränke und Schreibtische. Meine Augen suchen stets nach Büchern, und es ist keineswegs schwer, in den Häusern deutscher Freunde und Bekannter auf umfangreiche Bibliotheken zu stoßen. Ich war oft Zeuge davon, dass Privatpersonen Hunderte, manchmal sogar Tausende von Büchern besitzen. Während ich diese Sammlungen bewundere, ertappe ich mich jedes Mal bei dem Gedanken: „Ich wünschte, jeder würde dem Lesen eine solche Bedeutung beimessen.“
Rees-Haldern
Auch im öffentlichen Raum finden sich für Geringverdiener und Kinder offene Vitrinen voller Bücher – und das zum Nulltarif. Dabei kosten Bücher oft nicht mehr als ein oder zwei Packungen Zigaretten, die einen nur schleichend vergiften. Vielerorts wurden alte, ausgediente Telefonzellen in Bücherzellen umgewandelt, um der Bevölkerung einen kostenlosen Kulturservice zu bieten. Diesem Phänomen begegnet man in ganz Deutschland. Jeder kann sich bedienen, und nach dem Lesen werden die Bücher oft wieder zurückgebracht. Ich möchte betonen, dass dies ein ebenso wichtiger Dienst ist wie die Versorgung mit Brot und Wasser. Wie sehr würde ich mir wünschen, dass es solche Initiativen überall auf der Welt gäbe, besonders in den Entwicklungsländern!

Jeder dieser Bücherzellen nähere ich mich mit großem Interesse und betrachte die Titel für eine lange Zeit. Das macht mich ungemein glücklich. Denn je reicher die Bibliothek einer Nation ist, desto höher ist ihr Verständnis- und Zivilisationsniveau. Von Menschen mit einem hohen kulturellen Horizont kann man immer etwas lernen.
Wenn man von Literatur spricht (einmal abgesehen von der ägyptischen, antiken griechischen oder römischen Literatur), denkt man meist zuerst an die russische oder die damit konkurrierende französische Literatur. Doch meines Erachtens sollte man die deutsche Literatur keinesfalls unterschätzen. Seit Jahren lese ich mit großem Vergnügen die Werke bedeutender deutscher Dichter, Philosophen und Schriftsteller wie K. May, F. Nietzsche, A. Schopenhauer, F. Schiller, H. Hesse, G. Grass, I. Kant und J. W. v. Goethe. Von vielen habe ich sogar das Gesamtwerk gelesen. Oft vertiefe ich mich mit deutschen Freunden stundenlang in Gespräche darüber. Von der deutschen, russischen und französischen Literatur kommen wir dann ganz natürlich auf die Weltklassiker zu sprechen – auf Romane, die uns beeindruckt haben oder die unvergessen bleiben. Neulich erwähnte ein deutscher Freund Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werthers“. Ich erzählte ihm, wie sehr ich dieses Buch geschätzt habe.
Aus irgendeinem Grund erinnert mich Goethes „Werther“ immer an Ahmedê Xanês Epos „Mem û Zîn“, auch wenn die Umstände und Kontexte natürlich verschieden sind. Ich erzählte ihm davon und versuchte auch, ihm Yaşar Kemals „Ince Memed“ (Memed mein Falke) ausführlich nahezubringen. Später sprach ich über Cegerxwîn und Mehmet Uzun – doch leider kannte er keinen von ihnen, sodass ich sie ihm auf Google zeigen musste. Aber zurück zum eigentlichen Thema:
Es heißt, dass Johann Wolfgang von Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ der erste Roman des großen Literaten war. Der legendäre Autor beschrieb sein Werk sinngemäß so: „Ich habe alles, was ich über die Geschichte des armen Werther finden konnte, sorgfältig gesammelt und lege es euch hier vor; und ich weiß, dass ihr mir dafür danken werdet.“
Tatsächlich beeindruckte die Geschichte des armen Werther sogar den französischen Kaiser Napoleon. Als Napoleon den Roman las, war er so fasziniert, dass er ihn nicht nur einmal, sondern insgesamt sieben- oder achtmal gelesen haben soll. Napoleon, der die Macht der Literatur vollends erkannt hatte, begnügte sich nicht damit, sondern wollte den Autor persönlich kennenlernen. Das Hauptmotiv für Napoleons Treffen mit Goethe war sein Wunsch, die Kraft von Literatur und Kunst aus der Perspektive eines Herrschers zu verstehen. Er bewunderte Goethes Ruf als weltweites Genie und suchte den künstlerischen Dialog. Während ihres historischen Treffens im Jahr 1808 in Erfurt standen jedoch die Diskussionen über den „Werther“ und eine Kritik an der Romantik im Vordergrund.
Napoleon, der später auch großes Interesse an Goethes wissenschaftlichen Arbeiten zeigte, drückte seine Bewunderung aus, versuchte aber auch geschickt, Goethe in seine eigene Einflusssphäre zu ziehen. Durch das Treffen wollte Napoleon sowohl eine persönliche Bindung aufbauen als auch tiefgründige Gespräche über Kunst, Natur und Politik führen.
Mit „Die Leiden des jungen Werthers“ erlangte Goethe Weltruhm, leitete die Epoche des „Sturm und Drang“ ein und wurde zu einer legendären Figur. Der Roman stieß besonders bei jungen Menschen auf eine ungeheure Resonanz. Goethe verstand es meisterhaft, die Intensität der Gefühle durch seine Feder fließen zu lassen und löste unter den Jugendlichen seiner Zeit einen regelrechten Sturm aus. Es kam sogar zu einer Welle von Suiziden, weshalb der Roman in einigen europäischen Ländern zeitweise verboten wurde. Dieser Roman, der weltweit ein gewaltiges Echo auslöste, führte dazu, dass die Menschen ihren eigenen Schmerz in Werthers Leiden wiederfanden und sich mit ihm identifizierten. Kurz um, „Die Leiden des jungen Werthers“ ist ein dramatisches und zugleich monumentales literarisches Werk. Der legendäre Autor verstand es in seinen Dramen und anderen Schriften meisterhaft, mystische Elemente mit Erkenntnissen aus anderen Sozialwissenschaften zu verweben.
Alles Gute zum Internationalen Frauentag am 8. März!..