Der historische Prozess der alevitischen Gemeinschaft und die Notwendigkeit einer politischen Organisierung

von Cumali Yağmur
Cumali Yağmur

 

Von: Cumali Yağmur

Aleviten waren im Laufe der Geschichte immer wieder verschiedenen Massakern und systematischer Unterdrückung ausgesetzt. Die Verfolgungen von Aleviten, die bereits in der osmanischen Ära begannen, setzten sich bedauerlicherweise auch in der Zeit der Republik fort. In unserer jüngeren Geschichte verloren bei den Massakern von Malatya, Maraş, Çorum und Sivas zahlreiche Aleviten ihr Leben. Zu keiner Zeit erfuhr der alevitische Glaube in der Türkei die Anerkennung, die er verdient; im Gegenteil, er wurde herabgewürdigt, ausgegrenzt und ignoriert.

In der Gründungsphase der Republik unterstützten die Aleviten das Regime bedingungslos. Doch die Republik, die mit der großen Unterstützung der Aleviten aufgebaut wurde, übernahm später den sunnitischen Glauben als faktische Staatsreligion. Obwohl den Aleviten gegenüber von „Brüderlichkeit“ gesprochen wurde, wurden ihre Grundrechte beschnitten.

Im Zuge dieses Prozesses haben Aleviten – insbesondere nach dem Massaker von Sivas – in Europa und in der Türkei eine rasche Organisierung vorangetrieben und Vereine, Föderationen sowie Konföderationen gegründet. Durch diese Massenorganisierungen konnten insbesondere die Aleviten in Europa eigene Vereinsgebäude erwerben und Eigentum bilden. Dennoch konnte in Europa und generell in Deutschland noch nicht in allen Regionen ein vollständiger rechtlicher Status für die Cem-Häuser (Cemevi) erreicht werden. Während meist Aleviten der ersten Migrantengeneration diese Cem-Häuser besuchen, zeigen die zweite und dritte Generation kein ausreichendes Interesse oder Zugehörigkeitsgefühl gegenüber diesen Strukturen. Die bestehenden Strukturen und diese Form der Organisationsmodelle sind nicht mehr in der Lage, auf die Bedürfnisse der neuen Generationen zu reagieren.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist der Organisationsprozess ins Stocken geraten. Während ein qualitativer Sprung nötig wäre, bleiben chronische Probleme weiterhin ungelöst. Dass Menschen sich gegenseitig bekämpfen, ist nicht die eigentliche Ursache des Problems; das Hauptproblem liegt in den Managementfehlern und dem Mangel an Strategien innerhalb der organisatorischen Strukturen, die ihre Orientierung verloren haben. Diese Mängel haben dazu geführt, dass sich die Strukturen eher miteinander als mit den eigentlichen Zielen beschäftigen.

Auch wenn sich Aleviten als „überparteilich“ deklarieren, entspricht dies in der Realität nicht den Tatsachen, und dieses Verständnis findet in der Gesellschaft nicht den erhofften Widerhall. Die bestehenden politischen Parteien betrachten Aleviten lediglich als „Wählerpotenzial“. In Wahlkampfzeiten nähern sie sich ihnen an, thematisieren deren Unterdrückung und Ausgrenzung, verfolgen dabei jedoch ausschließlich den eigenen Wahlerfolg.

Die Aleviten müssen endlich erkennen, dass jede Partei sie nur als „Wählerreservoir“ betrachtet und ihnen keinen echten Status einräumt. In der Türkei gibt es zahlreiche Parteien mit sunnitisch-religiöser Basis. Die Aleviten sollten ab diesem Punkt eine Debatte über eine „Parteibildung“ anstoßen und perspektivisch eine linke Partei gründen, die ihre eigenen Werte vertritt.

Die Parteibildung ist eine historische Notwendigkeit, und dieser historische Moment muss gut genutzt werden. Der Prozess der Parteibildung sollte zügig mit den Massen diskutiert werden, um eine neue alevitische Partei zu gründen, die auch Jugendliche, Frauen und Kreise mit einer linken Weltanschauung einschließt. Durch die Parteibildung muss der Stillstand in der alevitischen Organisierung überwunden und eine solide gesellschaftliche Basis für die Partei geschaffen werden. Dieser Prozess sollte durch breite Diskussionen an der Basis mit gesundem Menschenverstand gesteuert werden, um die Partei ohne interne Zerwürfnisse aufzubauen.

Ohne sich dem Pessimismus und dem Klima der Angst der Vergangenheit zu ergeben, müssen die Massen motiviert und höhere Ziele angestrebt werden, um Unterstützung für die zu gründende alevitische Partei zu gewinnen. Mit dieser Motivation muss ein Verständnis zum Leben erweckt werden, das die alevitische Gemeinschaft voranbringt und sie befähigt, ihre eigenen Probleme selbst in die Hand zu nehmen.

Nach Abschluss der Parteibildung sollten Allianzen mit anderen Parteien eingegangen werden, um den Kampf um Demokratie in der Türkei gemeinsam fortzuführen. Während der türkische Arm der Partei organisiert wird, sollte in Europa ein anderes Modell zur Basisbildung entwickelt werden, das die Massen in Europa auf den Kampf um ihre Rechte entsprechend den Bedingungen ihrer jeweiligen Wohlländer vorbereitet. Angesichts der Tatsache, dass die in Europa lebenden alevitischen Migranten nun dauerhaft dort ansässig sind und nicht in ihre Herkunftsländer zurückkehren werden, muss ein spezielles Organisationsmodell für sie entwickelt werden.

Dieses Organisationsmodell sollte nicht identisch mit dem Modell in der Türkei sein, sondern sich nach den Strukturen der jeweiligen Gesellschaften richten, in denen sie leben. In Europa sollten Organisationsmodelle und politische Formationen umgesetzt werden, die sich gemeinsam mit anderen Migrantengruppen für ihre Belange einsetzen. Der Prozess der Parteibildung und Institutionalisierung in Europa sollte so erweitert werden, dass er alle Migranten umfasst. Diese politische Struktur in Europa sollte eher eine auf Solidarität ausgerichtete Beziehung zur Partei in der Türkei entwickeln, anstatt eine rein organische Bindung einzugehen.

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