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Deniz Undav und das Özil-Trauma: Unsere Liebe zu Integrations-Helden hat manchmal ein Verfallsdatum

von Fremdeninfo 26 Juni 2026
von Fremdeninfo 26 Juni 2026
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            Artikel von Boban Dukic / Berliner Zeitung

Deniz Undav und das Özil-Trauma: Unsere Liebe zu Integrations-Helden hat manchmal ein Verfallsdatum

Die Geschichte von Deniz Undav ist Stoff, aus dem die Träume von Sportredakteuren und Integrationsbeauftragten gleichermaßen gewebt sind. Ein Junge, der bei Werder Bremens Jugendmannschaft als zu klein, zu langsam, nicht formbar genug aussortiert wurde, sich über die vierte Liga und eine Ausbildung zum Maschinenführer nach oben biss und schließlich als WM-Held beim 2:1 gegen die Elfenbeinküste beide Tore erzielte – und dabei auch noch einen kurdischen Migrationshintergrund hat. Besser geht’s doch nicht.Doch während das Land im Undav-Fieber taumelt, stellt sich eine unbequeme Frage: Ist diese Liebe echt – oder nur geleast? Droht uns ein „Özil-Effekt“? Wir erinnern uns: Auch Mesut Özil war einst das Aushängeschild gelungener Integration. Fotos mit der Kanzlerin und Bambi-Preise schmückten den Weltmeister von 2014 – bis die sportliche Kurve nach unten und die politische Brisanz nach oben ging. Sein Satz „Ich bin Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Immigrant, wenn wir verlieren“ wurde zum Sinnbild dafür, wie schnell gesellschaftliche Anerkennung kippen kann.Die Parallelen sind zunächst oberflächlich. Mesut Özil scheiterte nicht nur an unsachlicher Kritik an seiner Herkunft, sondern auch an eigener politischer Instinktlosigkeit. Seine Nähe zum türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan sowie die Kontroversen um ein Tattoo mit Bezug zu den sogenannten Grauen Wölfen machten ihn zusätzlich angreifbar. Cahit Başar, Generalsekretär der Kurdischen Gemeinde Deutschland, stellt auf Anfrage dieser Zeitung klar, dass man hier „keinen Vergleich zu Mesut Özil ziehen“ könne. Özil habe durch die Nähe zu ultranationalistischen Symbolen den „Grundsatz der Völkerverständigung, der dem Sport zugrunde liegen sollte, in besonderer Weise verletzt“.Dennoch bleibt Özils bitteres Resümee wie ein Echo im Raum. Es ist die Angst, dass auch Undav bei der nächsten Torflaute plötzlich wieder „der andere“ ist. Die Anfrage beim DFB, ob man befürchte, dass Undav bei Misserfolg einem ähnlichen Mechanismus ausgesetzt sein könnte, blieb bezeichnenderweise unbeantwortet. Man vertröstete auf die „aktuelle Zeitverschiebung in die USA“ – ein klassisches kommunikatives Dribbling ins Aus.Befragt nach diesen Parallelen konnte Staatsministerin Natalie Pawlik, Beauftragte der Bundesregierung für Integration, wegen „Mutterschutz“ gegenüber dieser Zeitung keine Stellungnahme abgeben.Stattdessen lieferte das Büro der Berliner Integrationsbeauftragten Katarina Niewiedzial Antworten. Deren Pressesprecherin, Barbara Berninger, mahnte zur nötigen Erdung der Debatte. Sie gab zu bedenken, dass man die Bedeutung von Spitzensportlern nicht überschätzen dürfe. „Leistungssportlerinnen und Leistungssportler gehören einer sehr kleinen, elitären Gruppe an“, so Berninger. Ihre Lebenswege unterschieden sich erheblich von den Erfahrungen der „großen Mehrheit der Menschen mit Flucht- oder Migrationsgeschichte“. Integration entscheide sich nicht im Scheinwerferlicht, sondern im Alltag, in „Schulen, Betrieben, Vereinen, Nachbarschaften und öffentlichen Institutionen“.Berninger sieht zudem die Tendenz kritisch, erfolgreiche Spieler besonders schnell zu „Symbolfiguren gelungener Integration“ zu erklären, nur um sie bei Misserfolg schärfer zu attackieren. Diese „Überhöhung im Sinne eines ‚guten Migranten‘“ sei ebenso unangemessen wie eine Abwertung als „Heimatverräter“.

Es ist genau dieser Mechanismus, den auch die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt 2024 unbewusst bediente, als sie twitterte: „Stellt euch mal vor, es wären nur weiße deutsche Spieler“.Dass Undav – anders als Özil – kein Foto mit einem kurdischen Staatschef machen wird, liegt in der Natur der Sache: Kurdistan ist kein souveräner Staat und hat keinen Präsidenten. Ironisch zugespitzt müsste Undav für ein politisch ähnlich brisantes Foto ein türkisches Gefängnis besuchen, um Abdullah Öcalan die Hand zu schütteln. Da er das wohl kaum tun wird, bleibt er für die deutsche Mehrheitsgesellschaft vorerst „sicher“.Cahit Başar betont, dass Undav zeige, wie „Herkunft und Identität kein Widerspruch zu einem starken Bekenntnis zu Deutschland sind“. Wenn ein Spieler mit kurdischen Wurzeln das Trikot der deutschen Nationalmannschaft trage und auf höchstem Niveau erfolgreich sei, empfänden viele Menschen dies als Zeichen von „Zugehörigkeit, Anerkennung und gesellschaftlicher Teilhabe“.Es bleibt die Hoffnung, dass wir als Gesellschaft aus dem Fall Özil gelernt haben. Die Aufgabe besteht darin, Undav bei schlechten Leistungen nicht anders zu behandeln als einen Joshua Kimmich oder Manuel Neuer. Kritik am Stellungsspiel? Gerne. Kritik an der Identität? Ein Armutszeugnis. „Wer für die deutsche Nationalmannschaft spielt, sollte als Sportler beurteilt werden – nach Leistung, Fairness und Teamgeist“, so das Plädoyer aus dem Berliner Integrationsbüro.Vielleicht macht es uns Deniz Undav aber auch einfach leicht und hört gar nicht erst auf, Tore zu schießen. Solange er trifft, ist er der authentische Kumpel, der „Maschinenführer“ der Herzen. Doch wahre gesellschaftliche Reife beweist sich nicht im gemeinsamen Jubel, sondern im gemeinsamen Scheitern.Erst wenn Undav eine Torflaute durchleidet und wir dabei über seine Chancenverwertung diskutieren statt über seine Familiengeschichte in Achim oder Ostanatolien, ist er wirklich angekommen. Bis dahin bleibt er ein Held unter Vorbehalt – ein Schicksal, das er sich mit fast der Hälfte der aktuellen Nationalmannschaft teilt

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Redaktioneller Fokus auf Recht, Politik und Soziales im Kontext von Migration. Wir beobachten Hintergründe und stärken die Position von Einwanderern und Geflüchteten.

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