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„Muslimisches Leben in Deutschland ist vielfältig“

von Fremdeninfo 3 Juni 2021
von Fremdeninfo 3 Juni 2021
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„Muslimisches Leben in Deutschland ist vielfältig“

Von

Stefan Kreitewolf

–

  1. Mai 2021

Eine BAMF-Studie untersucht das Leben von Muslim:innen in Deutschland. Zwei der Macher:innen erläutern im DTJ-Interview, welchen Einfluss die Religion auf den Alltag hat – und warum der Islam kein Hindernis für Integration ist.

Frau Pfündel, Frau Dr. Tanis, zum Einstieg würde mich interessieren, wie viele Muslim:innen in Deutschland leben. Rechte und Konservative sprechen von einer Islamisierung Europas. Können Sie uns einen Einblick geben, wie die Situation wirklich ist?

Pfündel: Aktuell leben in Deutschland zwischen 5,3 und 5,6 Millionen Muslim:innen. Seit 2015 ist die Zahl um 0,9 Millionen gestiegen. Der Zuwachs ist auf die vermehrte Zuwanderung aus muslimisch geprägten Ländern im Nahen und Mittleren Osten in den vergangenen Jahren zurückzuführen. Der Anteil an der Gesamtbevölkerung in der Bundesrepublik liegt bei circa 6,5 Prozent. Des Weiteren sind wir im Forschungszentrum des Bundesamts im Rahmen unserer Studie „Muslimisches Leben in Deutschland 2020“ zu dem Ergebnis gekommen, dass das muslimische Leben in Deutschland vielfältig ist: Türkeistämmige Muslim:innen stellen zwar weiterhin die größte Herkunftsgruppe unter den muslimischen Personen in Deutschland, aber nicht mehr die absolute Mehrheit wie noch vor einigen Jahren.

In der Debatte um Kopftücher und Hinterhofmoscheen wird der Islam häufig undifferenziert für alle Muslim:innen in Deutschland als großer Einflussfaktor beschrieben. Welche Rolle spielt er wirklich?

Pfündel: Weniger als ein Drittel der Muslim:innen geben an, stark gläubig zu sein und etwas mehr als die Hälfte gibt an, eher gläubig zu sein. Es gibt hier jedoch Unterschiede, beispielsweise nach Herkunftsregion und Glaubensrichtung. Und es hat sich auch gezeigt, dass muslimische Personen, die selbst zugewandert sind, etwas gläubiger sind als ihre Kinder, die in Deutschland geboren wurden. Was das Kopftuch angeht: Nur rund 30 Prozent der Musliminnen geben an, ein Kopftuch zu tragen.

„Einfluss von Religion auf Integration wird häufig überschätzt“

Wie üben Muslim:innen in Deutschland ihre Religion aus?

Pfündel: Wir haben für die Studie verschiedene Aspekte der religiösen Alltagspraxis erhoben. Dabei hat sich gezeigt, dass sie ganz unterschiedliche Bedeutungen für die Muslim:innen haben. Zum Beispiel beten 39 Prozent täglich. Rund ein Viertel betet hingegen nie. Der Anteil, der sich an religiöse Speise- und Getränkevorschriften hält, ist deutlich höher. 70 Prozent halten sich daran. Und auch die Begehung von religiösen Festen und Feiertagen spielt eine sehr wichtige Rolle für die Mulim:innen in Deutschland. Auch hier zeigen sich Unterschiede je nach Herkunft oder Glaubensrichtung. Um da mal ein Beispiel zu nennen: 85 Prozent der muslimischen Personen aus Nordafrika halten sich an Fastenvorschriften. Bei muslimischen Personen aus Südosteuropa sind es nur 40 Prozent.

Gemeinhin wird der Einfluss des Islams auf den Integrationsprozess als groß beschrieben. Welche Rolle spielt er wirklich?

Tanis: Um das vergleichen zu können, haben wir uns Personengruppen mit anderen Religionszugehörigkeiten angeschaut, zum Beispiel der christlichen. Dabei zeigten sich kaum Unterschiede. In der Studie selbst haben wir unterschiedliche Indikatoren zu Rate gezogen, zum Beispiel Deutschkenntnisse, Bildungsabschlüsse oder die Verbundenheit zu Deutschland. Unsere Daten zeigen, dass Einflussfaktoren, wie die soziale Herkunft, die Aufenthaltsdauer in Deutschland oder die Zuwanderungsgeschichte, einen höheren Erklärungsgehalt für die Integration haben als die schlichte Religionszugehörigkeit. Um das Ganze zu verdeutlichen: Wir kommen zu dem Schluss, dass der Einfluss der Religionszugehörigkeit auf den Integrationsprozess häufig überschätzt wird.

„Mehrheit gut in Deutschland eingebunden“

Wie steht es mit der sozialen Einbindung von Muslim:innen in die Gesellschaft?

Tanis: Die soziale Einbindung ist ein wichtiger Teil des Integrationsprozesses. In dem Kontext haben wir beispielsweise nach Mitgliedschaften in deutschen und Herkunftsland bezogenen Vereinen gefragt, ebenso auch nach der Häufigkeit von Kontakt zu Personen deutscher Herkunft. Wenn wir uns diese beiden Indikatoren ansehen, stellen wir fest, dass die überwiegende Mehrheit der Muslim:innen recht gut in Deutschland eingebunden ist. Hinsichtlich der Alltagskontakte zeigt sich beispielsweise, dass zwei Drittel aller Muslim:innen häufig Kontakte zu Personen deutscher Herkunft pflegen. Das betrifft beispielsweise die Nachbarschaft, die Familie, aber auch den Freundeskreis. Am Arbeitsplatz ist die Kontakthäufigkeit am größten und liegt annähernd bei 100 Prozent.

Eine Frage noch zu den muslimischen Verbänden: Den Ergebnissen Ihrer Studie zufolge repräsentieren die islamischen Verbände maximal 25 Prozent der in Deutschland lebenden Muslim:innen. Wer ist denn nun Ansprechpartner für die Mehrheit der Gläubigen?

Tanis: Die angeführten 25 Prozent sind muslimische Religionsangehörige, die sich von mindestens einem Verband vollständig vertreten fühlen. Rechnet man diejenigen hinzu, die angegeben haben, dass sie sich zumindest teilweise von einem Verband vertreten fühlen, dann liegt der Anteil bei 38 Prozent. Dabei gilt es, aber immer zu bedenken, dass der Vertretungsgrad auch mit dem Bekanntheitsgrad der Verbände zusammenhängt und stark nach der Herkunftsregion variiert. Unseren Studienergebnissen zufolge gibt es keinen einzelnen Verband, der die Mehrheit der Muslim:innen repräsentiert

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