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Rückblick: Ein Jahr Ditib-Imame „made in Germany“

von Fremdeninfo 8 April 2021
von Fremdeninfo 8 April 2021
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Rückblick: Ein Jahr Ditib-Imame „made in Germany“

Von

dtj-online Dpa

–

Vor gut einem Jahr fiel der Startschuss. Nach viel Kritik bildet Ditib, die mitgliederstärkste Organisation der Muslime in Deutschland, erste Imame in und für Deutschland aus. Wie fällt die Zwischenbilanz aus?

Der Startschuss für die Ditib-Imame „made in Germany“ fand viel Beachtung. Dann wurde es still. Nach gut einem Jahr zieht die Akademieleiterin eine Zwischenbilanz: Es gebe viel Interesse und positive Resonanz aus den Moscheegemeinden, der muslimischen Community und allgemein aus der deutschen Öffentlichkeit, schildert Seyda Can. „Die Teilnehmer haben sehr viele Schritte nach vorne gemacht“, berichtet der Ausbildungsreferent für die Imam-Ausbildung, Eyüp Kalyon.

Nach Vorwürfen gegen die Ditib, als verlängerter Arm des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan zu agieren und nach Forderungen aus Bund und NRW, sich von Ankara zu lösen, hatte der Verband Reformen zugesagt. Der neue Ausbildungsgang begann Anfang 2020 im Eifel-Ort Dahlem – und weckte hohe Erwartungen. Der Bundesvorsitzende Kazım Türkmen sprach von einem „Neuanfang“, einer „historischen Entwicklung nicht nur für Ditib, sondern auch für Deutschland“. Innenstaatssekretär Markus Kerber sagte damals, die Ditib stehe vor einer Weichenstellung: „Will sie eine in Deutschland verortete Religionsgemeinschaft sein oder versteht sie sich als eine Auslandsorganisation der türkischen Religionsbehörde (Diyanet; Anm. d. Red.)?“

Imame mit Abi

Wie ist nun der Stand? Die teilnehmenden zwölf Männer und 14 Frauen aus fast allen Bundesländern sind Kalyon zufolge in Deutschland geboren und sozialisiert, haben ein deutsches Abitur und einen deutschen Pass in der Tasche. Das Bachelorstudium zur islamischen Theologie machten die meisten dann in der Türkei. „Leider haben wir pandemiebedingt vieles aus dem Lehrplan nicht umsetzen können“, bedauert Kalyon. Die Umstellung auf Online laufe gut. Der Beziehungsaufbau zur Jugend, zu Senioren, Frauen- und Familienverbänden gelinge auch unter erschwerten Bedingungen.

„Wir bilden islamische Theologen aus, es ist kein Quereinstieg für Sozialarbeiter“, beschreibt Can. „Der Startpunkt unserer Ausbildung ist der Alltag in den Gemeinden in Deutschland. Wir haben die religiösen Bedürfnisse, die religiöse Beratung und Begleitung im Fokus.“ Es gibt fast 900 Ditib-Moscheegemeinden und rund 1100 Religionsbeauftragte, darunter sind etwa 110 deutschsprachig, hieß es 2020. Die Religionsbehörde Diyanet in Ankara entsendet und bezahlt die Ditib-Imame. Von den bundesweit geschätzten 2500 Imamen insgesamt werden 90 Prozent im Ausland ausgebildet.

Lehrplan nicht von Diyanet

Wie sieht der Lehrplan aus? „Das ist wirklich ein Deutschland-Programm“, betont Can. „Es ist nicht von der Diyanet zusammengestellt.“ Also ganz in Ditib-Eigenregie entwickelt. Es gebe nicht „das eine Lehrbuch“, sondern unterschiedliches Material, meist deutschsprachig. Als externe Experten referieren Islamwissenschaftler mehrerer Unis. Referentenlisten und Ausbildungsordnung würden bald veröffentlicht. Die Ditib bezahlt die Ausbildung, spreche mit dem Bundesinnenministerium derzeit über eine Unterstützung.

Kalyon unterstreicht: „Ein Imam ist auch mit Menschen in Krisenlagen in Kontakt. Er wird damit konfrontiert, wenn Extremisten in die Moscheen kommen und versuchen, Jugendliche zu ködern.“ Kalyon war selbst Imam an der Essener Zentralmoschee. „In unseren Moschee-Gemeinden sind aber keine Radikalisierungstendenzen zu sehen.“ Und: „Ich habe ein Problem damit, wenn unsere Ausbildung nur als Präventionsprogramm gegen Radikalisierung deklariert würde. Das wird der Sache nicht gerecht.“ Ein Imam sei auch Ansprechpartner bei antimuslimischem Rassismus, ergänzt Can. Die neu ausgebildeten Imame werden wohl ebenfalls von der Diyanet bezahlt. Eine andere Lösung sei derzeit nicht in Sicht.

Khorchide: Auch Imame müssen selbstverständlicher Teil Deutschlands werden

Für Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide ist wichtig: „Muslime sind längst Teil Deutschlands geworden, aber auch deren Imame müssen ein selbstverständlicher Teil Deutschlands werden.“ Sie sollten die Lebenswirklichkeit der Muslime hierzulande kennen und auch für Fragen des Zusammenlebens in einer pluralen Gesellschaft sensibilisiert werden. Ziel müsse ein weltoffener Islam sein, der es ermögliche, „sich sowohl als Muslim als auch als Bürger Deutschlands zu identifizieren, ohne in einen Identitätskonflikt zu geraten und sich für ein Entweder-Oder entscheiden zu müssen.“

Bundesweit gibt es Khorchide zufolge acht Unis mit islamischer Theologie als Studienfach. „Das ist eine wichtige Grundlage für die akademische Auseinandersetzung mit dem Islam in Europa. Darauf aufbauend können Imame ausgebildet werden“, meint der Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Uni Münster.

Die Ditib-Ausbildung sei ein Schritt in die richtige Richtung, findet Islamwissenschaftler Jörn Thielmann aus Erlangen. „Inwieweit Diyanet direkt hineinregiert, lässt sich nicht sagen.“ Er gibt zu bedenken, dass es „bei solchen Kursgrößen Jahrzehnte bräuchte, bis sich die Versorgung der Ditib-Gemeinden gewandelt hat.“ Demnächst sollen deutschsprachige Imame auch am Islamkolleg in Osnabrück ausgebildet werden, Bund und Land Niedersachsen unterstützen das finanziell. Bedauerlich, dass die Ditib nicht dabei sei, sagt Thielmann. Es passe zur Linie, „sich als eigenständiger, starker und autarker Akteur zu sehen, der nicht mit anderen Organisationen kooperieren muss.“

dpa/dtj

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