Die Wahrnehmung von Idris-i Bitlisi in der iranischen Historiographie und Wissenschaft

von Cumali Yağmur
Cumali Yağmur

Von: Cumali  Yagmur

Während Idris-i Bitlisi in der osmanischen Historiographie als „Eroberer Ostanatoliens“ und „Architekt des kurdisch-osmanischen Bündnisses“ heroisiert wird, nimmt er in der offiziellen iranischen Geschichtsschreibung und Forschung eine gegensätzliche, dezidiert negative Position ein. Die iranische Perspektive auf Bitlisi lässt sich entlang der folgenden analytischen Achsen zusammenfassen:

1. Der territoriale Verlust: „Der Mann, der Kurdistan von Iran trennte“ (Irredentismus)

In iranischen Quellen wird der Prozess vor und nach der Schlacht von Tschaldiran (1514) als eine fundamentale Zäsur und ein gewaltsamer „Abbruch“ begriffen. Bitlisi, der ursprünglich am Hof der Akkoyunlu tätig war und zeitweise im Umfeld von Schah Ismail verkehrte, wird als Überläufer charakterisiert, der in osmanische Dienste trat. Aus Sicht iranischer Historiker nutzte Bitlisi die ihm von Sultan Selim I. erteilten weitreichenden Vollmachten („Blankovollmachten“), um 25 kurdische Stammesfürsten zu instrumentalisieren. Damit entzog er Regionen wie Diyarbakır, Bitlis und Mardin, die historisch als iranische Einflussgebiete betrachtet wurden, der Herrschaft der Safawiden. Dies wird bis heute als eine dauerhafte Schrumpfung der Westgrenzen Irans und als eine strategische Niederlage gewertet.

2. Bürokratische Identität und politische Loyalität: Der Vorwurf des Opportunismus

In der iranischen Literatur wird Bitlisi weniger als ideologisch gefestigter Akteur, sondern vielmehr als ein opportunistischer Bürokrat („mütelevvin“ – der Veränderliche) porträtiert. Sein diplomatisches Changieren zwischen den Akkoyunlu, Safawiden, Mamluken und Osmanen führte dazu, dass er als „Renegat, der aus dem Perserreich (Acem) zu den Osmanen (Rum) floh“, stigmatisiert wurde. Safawidische Quellen werfen ihm vor, das geopolitische Gleichgewicht der Region allein zur Sicherung seiner persönlichen Karriere und Privilegien untergraben zu haben.

3. Konfessionelle Spaltung und gesellschaftliche Fragmentierung

Die iranische Forschung sieht in Idris-i Bitlisi einen der Hauptverantwortlichen für die Verschärfung der sunnitisch-schiitischen Spannungen in der Region. Es wird argumentiert, dass Bitlisi die lokale sunnitisch-kurdische Bevölkerung durch das Schüren von Ängsten vor einer „Schiitisierung“ gegen die Expansionsbestrebungen der Qizilbasch-Bewegung von Schah Ismail mobilisierte. Einige iranische Historiker behaupten, dass die bis heute andauernde konfessionelle Polarisierung und die Spaltung innerhalb der kurdischen Gesellschaft durch Bitlisi initiiert wurden. Insbesondere seine Rolle bei der nachrichtendienstlichen Aufklärung und Organisation während der Repressionen gegen die Qizilbasch unter Selim I. wird in der iranischen Literatur prominent hervorgehoben.

4. Die Ambivalenz in der kurdischen Perspektive (im iranischen Kontext)

Unter kurdischen Intellektuellen und Historikern innerhalb Irans ist die Figur Bitlisis ebenfalls hochumstritten:

  • Die konservativ-traditionelle Sicht: Diese betrachtet Bitlisi als geschickten Diplomaten, der den kurdischen Fürstentümern durch das System der „Hükümetlik“ und „Ocaklık“ eine jahrhundertelange Autonomie sicherte und die lokale Identität vor dem Zentralismus der Safawiden bewahrte.
  • Die modernistisch-säkulare Sicht: Diese Fraktion argumentiert, dass die von Bitlisi ausgehandelte Autonomie eine fragile Struktur darstellte, die allein vom Willen des Sultans abhing – was sich im 19. Jahrhundert durch die Aufhebung dieser Rechte bestätigte. Bitlisi wird hier als „imperialer Kollaborateur“ kritisiert, der die Kurden zum „östlichen Schutzschild“ des Osmanischen Reiches degradierte.

5. Das Narrativ von „Exil“ und „Flucht“

In iranischen Darstellungen dominiert das Motiv, dass Idris-i Bitlisi nach seinen Aktivitäten in Ostanatolien aufgrund des Drucks der lokalen Bevölkerung und rivalisierender Kräfte nicht in der Region verbleiben konnte und nach Istanbul „fliehen“ musste. Sein dortiges Leben wird oft als das eines Exilanten karikiert, der von seiner Heimat entfremdet war und zeitlebens versuchte, sich durch literarische und politische Dienste bei seinem neuen Herrn anzubiedern.

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