von Fremdeninfo

            von Ulrike Hummel

Von der Idee bis zur Baugenehmigung hat es 18 Jahre gedauert, aber jetzt ist es amtlich: Deutschlands erster Friedhof für Muslime in eigener Trägerschaft entsteht in diesem Herbst in Wuppertal.

Bislang sind muslimische Bestattungen auf Länderebene so geregelt, dass einzelne kommunale Friedhöfe Gräberfelder für Muslime bereitstellen. Das setzt jedoch voraus, dass die gesetzlichen Regelungen jeweils eine sarglose Bestattung zulassen – wie etwa im Hamburger Bestattungsrecht, wo dies seit 2010 erlaubt ist. In der islamischen Tradition ist die Erdbestattung in Leinentüchern eine religiöse Pflicht.

Wenn der Tod zur Zerreißprobe wird

An einem Ort bestattet zu werden, an dem die Liebsten leben, ist für viele ein großer Wunsch. Für Muslime mit Zuwanderungsgeschichte ist es jedoch oft problematisch, wenn Angehörige sterben. Zugewanderte der ersten, sogenannten „Gastarbeitergeneration“, wollen oft noch in ihren Herkunftsländern beerdigt werden. Nach islamischer Tradition soll die Bestattung jedoch so schnell wie möglich, idealerweise innerhalb von 24 Stunden, erfolgen. Die Überführung des Leichnams sowie gesetzliche Vorschriften, etwa eine zweite Leichenschau, führen jedoch oft zu Verzögerungen, die die Angehörigen unter Stress setzen.

Burcu Temel erinnert sich an den Tod ihres Großvaters: „Allein der Transport des Leichnams ist immer mit großen Hürden verbunden. Die ganze Familie möchte an der Bestattung teilnehmen. Doch die Flugkosten sind hoch, und oft gibt es vor Ort keine Möglichkeit, alle unterzubringen.“ Damals ging Burcu noch zur Schule und bekam nicht frei, um bei der Beerdigung ihres Großvaters in der Türkei dabei zu sein.

Die Grabfelder sind voll – und der Bedarf wächst

Mittlerweile hat sich die Situation verändert, weiß Samir Bouaissa vom Vorstand des Trägervereins „Muslimische Friedhöfe in Wuppertal“: „Die zweite und dritte Generation möchte hier bestattet werden. Es gibt immer mehr Menschen, die keine zweite Heimat mehr haben, in die sie überführt werden könnten – seien es hier geborene Muslime oder Geflüchtete, die nicht zurückkehren können. Die bisherigen muslimischen Gräberfelder in Wuppertal sind bereits belegt.“

Auch in Städten wie Hamburg ist die Zahl muslimischer Bestattungen deutlich gestiegen, sagt Daniel Abdin, Landesvorsitzender des Zentralrats der Muslime. Angesichts der alternden muslimischen Bevölkerung rechne man auch hier mit einem steigenden Flächenbedarf.

Ein langer Weg zur Baugenehmigung

Um dem Wandel in der Bestattungskultur gerecht zu werden, haben sich vor Jahren zehn Moscheegemeinden in Wuppertal zusammengeschlossen. Ihr Ziel: ein eigener muslimischer Friedhof. Möglich wurde dies erst durch die Änderung des Bestattungsgesetzes in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2015. Nun liegt die Baugenehmigung für Deutschlands ersten muslimischen Friedhof in eigener Trägerschaft vor – ein Meilenstein. Im Herbst dieses Jahres beginnt die erste Bauphase, und die ersten Bestattungen sollen bereits im Frühjahr 2025 möglich sein.

Ruhe mit Ewigkeitsgarantie

Im Unterschied zu kommunalen oder christlichen Friedhöfen ist die „Ewigkeitsgarantie“ für gläubige Muslime von zentraler Bedeutung. In Wuppertal wird dies nun erstmals umgesetzt: „Man stellt sicher, dass der Bestattete dort für ewig seine Ruhe hat“, erklärt Bouaissa. „Das bedeutet nicht, dass ein Grab nie wieder belegt werden darf. Wenn der Verwesungsprozess abgeschlossen ist, kann eine erneute Belegung erfolgen. Vorgefundene Überreste müssen jedoch an Ort und Stelle bleiben, um die ewige Ruhe zu garantieren.“

Muslime, Christen, Juden – Seite an Seite

Der künftige Friedhof soll mehr sein als nur ein Ort der Ruhe. „Die Besonderheit ist nicht nur die muslimische Trägerschaft, sondern auch die direkte Nachbarschaft zu einem christlichen und einem jüdischen Friedhof. Wir wollen dort einen gemeinsamen Platz der Begegnung schaffen“, so Bouaissa. Geplant ist zudem, die Zufahrtswege für alle drei Friedhöfe gemeinsam zu gestalten – ein bundesweites Novum.

Der Kreis schließt sich

Für Burcu Temel und ihre Familie ist es eine große Erleichterung, Angehörige künftig zeitnah und in Würde in Wuppertal beerdigen zu können: „Man lebt hier, man verbringt sein Leben hier. Dann ist es nur konsequent, auch sein Grab in Deutschland zu haben, sodass sich der Kreis von der Geburt bis zum Tod schließt.“

Das durch Spenden finanzierte Projekt wird von der Stadt Wuppertal mit 200.000 Euro gefördert. Auf rund 10.000 Quadratmetern sollen nach und nach Grabfelder für bis zu 1.800 Bestattungen allein im ersten Bauabschnitt entstehen. Geplant sind auch Gebäude für die rituelle Totenwaschung und Gebete.


Dieser Beitrag erschien im Rahmen des Freitagsforums – Berichte und Reportagen aus dem Alltag von Muslimen.

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