Artikel von Kilian Beck/ Kreiszeitung
Landkreis Diepholz
AfD-Kandidat Matthias Körper war 2023 bei einem Neonazi-Konzert in Neumünster
Konzertabbruch: AfD-Kandidat Matthias Körper nach der Neonazi-Veranstaltung in Neumünster 2023. © Recherche Nord
verlässt die Hälfte der Gäste das Gelände. Danach fliegen Stühle, Bierdosen und auch ein Feuerlöscher auf die eingesetzten Beamten, berichtet die zuständige Polizeidirektion Neumünster. Unter den Gästen war auch Matthias Körper, Kreistags- und Ratskandidat der AfD aus Bassum, der seine Personalien bei der Polizei abgeben musste. Das bestätigt die Staatsanwaltschaft Kiel auf Anfrage der Mediengruppe Kreiszeitung. Ein Ermittlungsverfahren wegen Landfriedensbruchs gegen Körper wurde inzwischen eingestellt.
In der Neonazi-Musik-Szene gibt es Schnittmengen zu militanten Gruppen, wie den verbotenen Netzwerken „Blood & Honour“ und „Combat 18“, die beide verboten sind, erklärt Dr. Thorsten Hindrichs. Der Mainzer Musikwissenschaftler beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem rechtsextremen Musikkosmos. Der schleswig-holsteinische Verfassungsschutz sieht ein damaliges NPD-Bundesvorstandsmitglied als Organisator des Konzertes. Dabei handelt es sich laut Hindrichs um Thorsten Heise. „Ein zentraler Knotenpunkt und alter Kader“, ordnet Hindrichs die Rolle des Mannes in der Szene ein.
AfD-Kandidat Matthias Körper will erst Charakter des Konzertes erst vor Ort begriffen haben
Körper schreibt derweil auf Anfrage der Mediengruppe Kreiszeitung: Er habe mit einigen Freunden gemeinsam Musik hören wollen. „Dort angekommen stellte ich jedoch fest, dass die Musik nicht der von mir erwarteten Musikrichtung entsprach“, so Körper. Ein Foto des Recherchekollektivs Recherche Nord zeigt Körper beim Verlassen des Konzertes. Er sei froh gewesen, dass die Veranstaltung beendet wurde, schreibt der AfD-Mann. Seitdem würde er jede Veranstaltung, die er besuchen wolle, genau prüfen.
Auf solch ein Konzert geht man nicht aus Versehen“ – Rechtsrock-Experte Thorsten Hindrichs
„Auf solch ein Konzert geht man nicht aus Versehen“, hält Hindrichs dagegen. Er macht dies an den Bands (siehe Infobox), der konspirativen Organisation des Konzertes und dem Veranstalter Heise fest. Teile seines Einkommens bestreite Heise mit der Organisation neonazistischer Konzerte. Zudem sei Heise „durchaus gewaltbereit“. Im März 2026 soll er Journalisten von „Spiegel TV“ angegriffen haben.
Für das Konzert selbst gab es offenbar nur 388 Karten, und die Anreise aus dem ganzen Bundesgebiet wurde offenbar konspirativ organisiert, schildert Hindrichs. Auf den Tickets steht eine Telefonnummer, über die Konzertbesucher einen Treffpunkt erhalten, von dem aus sie dann gesammelt zum Konzert anreisen, heißt es auf einem Werbeplakat, das der Szenebeobachter der Mediengruppe Kreiszeitung vorlegt. „Man kann davon ausgehen, dass am Treffpunkt sortiert wird, ob die Personen auch wirklich ins Publikum passen.“ Beworben wurde das Konzert zwar öffentlich, aber soweit Hindrichs sehen konnte, „nur auf einschlägigen Neonazi-Kanälen“.
Neonazis sollten auf die Bühne
Angekündigt waren in Neumünster die Bands „Endstufe“, „Radikahl“ und „Hard & Smart“. Musikwissenschaftler Thorsten Hindrichs bezeichnet die Bremer Gruppe „Endstufe“ als die „dienstälteste Neonazi-Skinhead-Band Norddeutschlands“. „Ihre Feindbilder sind hauptsächlich Linke“, erklärt er. In den Texten von „Radikahl“ hingegen finde sich eine „extreme Verherrlichung von Gewalt und dem Nationalsozialismus“. Die Band „Hard & Smart“ sei vergleichsweise jung und ebenfalls in der neonazistischen Skinheadszene zu verorten.
Nach der Eskalation in Neumünster zählt die Staatsanwaltschaft Kiel 14 rechtskräftige Verurteilungen zu Geld- und Bewährungsstrafen. Ermittelt wurde in 38 Fällen wegen Landfriedensbruchs, Körperverletzung, Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte sowie Volksverhetzung oder des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen.
Für die Szene erfüllen Konzerte im Wesentlichen vier Funktionen, führt Hindrichs aus: Sie schaffen sozialen Zusammenhalt, dienen der Selbstvergewisserung, dass die eigene Ideologie die richtige ist, und finanzieren die Szene. Und: „Es geht auch immer ums Netzwerken, darum, Dinge zu besprechen, bei denen man nicht will, dass der Verfassungsschutz mithört.“
Nachdem die Gruppe „Wir sind mehr“ im Landkreis Diepholz Ende Juli darauf aufmerksam gemacht hatte, dass Körper eine sogenannte Schwarze Sonne als Tattoo auf dem linken Unterarm trägt, hatte AfD-Kreisvorsitzender Andreas Iloff eine Aufarbeitung im Kreisvorstand angekündigt. Die Schwarze Sonne wurde von den Nationalsozialisten genutzt und wird heute auch noch von Neonazis verwendet.
Wie verlief die Aufarbeitung des Tattoos und was bedeutet der Konzertbesuch für Körpers Kandidatur? Für den AfD-Kreisvorstand sei Körpers Distanzierung „von jeglichem extremistischen Gedankengut glaubhaft und nachvollziehbar“, schreibt Iloff. Körper sei seit zwei Jahren – also nach dem Konzertbesuch – Mitglied der Partei. „Was Herr Körper davor gemacht oder nicht gemacht hat, ist nicht Gegenstand unserer Gespräche“, schreibt Iloff. Die Tätowierung erkläre sich für den Kreisvorstand aus Körpers Engagement in der Mittelalterszene.
Als der Bassumer Uwe Mühlenhardt Anfang Juni in der Kritik stand, weil er Lieder mehrerer Neonazi-Bands in sozialen Medien geteilt hatte, entschied der Kreisvorstand anders: Iloff sprach damals von „parteischädigendem Verhalten in der Öffentlichkeit“ und legte Mühlenhardt den Rückzug nahe. Mühlenhardt folgte dem und zog sich zurück. Körper ist Beisitzer im Kreisvorstand.
Körper kandidiert zur Kommunalwahl am 13. September im Wahlbereich Bassum, Twistringen und Barnstorf auf dem ersten Platz der Kreistagsliste der AfD. Auch für den Bassumer Rat kandidiert er auf Platz 1