Das Interview wurde von Can Taylan Tapar geführt.
Can Taylan Tapar: Herr Cumali Yağmur, Sie stehen seit Jahren auf Podien, nehmen an Diskussionsrunden teil und schreiben über die Belange von Migrantenminderheiten. Wie hat das alles angefangen?
Cumali Yağmur: Seit Beginn meines Studiums hatte ich das Gefühl, das Thema Migration sei meine persönliche Verantwortung. Wenn Professoren in den Vorlesungen lehrten, schauten sie mir oft direkt in die Augen. Da ich selbst ein „Ausländer“ war, fühlte ich mich verpflichtet, auf Fragen zu antworten. Diese Situation führte dazu, dass die Migrationsproblematik schon während meiner Universitätsjahre zu meinem Fachgebiet wurde. Ich bereitete in Seminaren Referate zu diesem Thema vor und hielt Vorträge vor Studierenden. Die Professoren hörten sich diese Präsentationen an und äußerten ihre Meinungen dazu. Ich habe damals ständig die Lebensweisen und die Schwierigkeiten, mit denen Migranten in der deutschen Gesellschaft konfrontiert waren, thematisiert.
Can T. T.: Was haben Sie während Ihrer Studienzeit konkret in Bezug auf die Migrationsproblematik unternommen?
C. Y.: Im Jahr 1985 gründete ich zusammen mit einigen deutschen und türkischen Freunden die Zeitschrift „fremdeninfo“. Wir konzentrierten uns in dem Magazin auf Migrationsfragen. Die Zeitschrift stieß insbesondere im Umfeld der Grünen auf großes Interesse. Damals unterschied sich der Ansatz der Grünen gegenüber Migrantenminderheiten stark von dem anderer Parteien. Mit unseren Artikeln trugen wir zu dieser Perspektive bei, und aufgrund ihrer positiven Haltung näherten wir uns den Grünen wohlwollend an.
Sogar Cem Özdemir begann, Artikel in unserer Zeitschrift zu schreiben. So entwickelte sich unser Blatt zu einem Medium, das den Grünen nahestand. Wir beschränkten uns jedoch nicht nur auf sie; wir untersuchten auch die Standpunkte anderer Parteien zur Migration und gaben ihren Ansichten Raum. Die Zeitschrift löste deutschlandweit ein großes Echo aus und erreichte einen Abonnentenstamm von über 60.000 Lesern.
Innerhalb der Grünen gab es eine Gruppe namens „Immi-Grünen“, mit der wir uns intensiv um Migrationsfragen kümmerten. In Frankfurt arbeitete ich eng mit Joschka Fischer, Daniel Cohn-Bendit und anderen namhaften Grünen zusammen.
Can T. T.: Später sind Sie dann aktiv in die Politik bei den Grünen eingestiegen, richtig?
C. Y.: Ja, 1995 stellten mich die Grünen als Direktkandidat für Frankfurt-Bockenheim auf. Meine Kandidatur auf der Landesliste wurde bestätigt. Damals waren die Grünen noch eine kleine Partei und konnten nur fünf Abgeordnete ins Parlament entsenden. Später wurde ich in den Ortsbeirat von Bockenheim gewählt und war dort vier Jahre lang politisch tätig. Die Grünen waren in der Migrationsfrage immer die sensibelste Partei; diese Haltung hält bis heute an. In Frankfurt-Bockenheim erhielten wir damals 17 % der Stimmen, was für die damalige Zeit ein sehr hohes Potenzial darstellte.
Can T. T.: Welche Forderungen für Migranten konnten Sie durchsetzen?
C. Y.: In Frankfurt wurde das Amt für multikulturelle Angelegenheiten (AMKA) eingerichtet; Daniel Cohn-Bendit war der Leiter dieses Amtes. Es wurden grundlegende Änderungen und Reformen am alten Ausländergesetz vorgenommen, das teilweise noch aus der Zeit des Dritten Reiches stammte. Die Tatsache, dass Deutschland ein „Einwanderungsland“ ist, wurde gesetzlich verankert.
Wir arbeiteten mit bundesweit bekannten Grünen wie Claudia Roth und anderen führenden Politikern zusammen, die uns in diesen Belangen sehr unterstützt haben. Das Thema der doppelten Staatsbürgerschaft kam dank der Grünen auf die Tagesordnung und wurde gesetzlich verankert. Wichtige Reformen wurden im Bereich des Familiennachzugs und des Asylrechts durchgeführt. Jede Änderung geschah zugunsten der Migranten. Migranten aus EU-Ländern erhielten das aktive und passive Wahlrecht bei Kommunalwahlen (für Menschen aus dem Nahen Osten, Asien, Afrika und den Balkanländern steht dieses Recht bei Kommunalwahlen jedoch noch aus). Im Bereich Asyl wurden zahlreiche Reformen umgesetzt. Selbst während der Kanzlerschaft von Angela Merkel wurde in bestimmten Asylfragen gemeinsam mit den Grünen agiert.
Can T. T.: Was haben Sie auf kommunaler und Landesebene konkret umgesetzt?
C. Y.: Nachdem das Ausländergesetz auf Bundesebene in Kraft trat, haben wir in den Bundesländern und Kommunen große Sorgfalt darauf verwendet, dass Migranten in der Alltagspolitik keinen Schaden nehmen. Wie Sie wissen, bin ich seit Jahren unermüdlich in der täglichen Politik präsent und entwickle Ideen. Ich habe gegen Rassismus und Nationalismus in Bildung, Kultur und im Alltag gekämpft. Ich habe Artikel geschrieben und an Protestaktionen teilgenommen. Auf jeder Plattform habe ich Verantwortung übernommen und Lösungsvorschläge eingebracht. Mein gesamtes Leben ist mit diesem Kampf verschmolzen, und er geht immer noch weiter. Es ist wie mein Schicksal; es wird mich bis ins Grab begleiten.
Can T. T.: Nach Ihrem jahrelangen Kampf in Frankfurt sind Sie nun seit 10 Jahren in Hannover. Wie läuft Ihre Arbeit dort?
C. Y.: Sofort nach meiner Ankunft in Hannover nahm ich Kontakt zum dortigen Ableger der Grünen auf und begann meine Arbeit in Niedersachsen. Ich habe mich bemüht, die Stadt Hannover kennenzulernen, mich in die lokalen Parteistrukturen zu integrieren und meine politischen Erfahrungen hier einzubringen.
Neben den Grünen habe ich auch andere demokratische Parteien und Politiker in Hannover sowie zivilgesellschaftliche Organisationen und Migrantenvereine kennengelernt. Ich war aktiv bei Kommunal-, Landtags- und Bundestagswahlen tätig. Bei der Oberbürgermeisterwahl habe ich Belit Onay unterstützt. Ich habe intensiv dafür gekämpft, dass die Migrantenminderheit an der Wahl teilnimmt und Belit Onay unterstützt. Schließlich wurde mit der Unterstützung aller Parteimitglieder und Wähler zum ersten Mal in einer Großstadt ein Grüner, nämlich Belit Onay, zum Oberbürgermeister von Hannover gewählt.
Bevor ich nach Hannover kam, wurde die Printausgabe der „fremdeninfo“ eingestellt, und wir wechselten in die digitale Welt. Unter www.fremdeninfo.de publizieren wir weiter. Wir haben wieder eine große Leserschaft in ganz Deutschland erreicht. Wir veröffentlichen Artikel zu jedem Thema und versuchen, unsere Leser zufrieden zu stellen.
Can T. T.: Was planen Sie für die Zukunft?
C. Y.: Ich werde weiterhin Politik bei den Grünen machen und Artikel für „fremdeninfo“ schreiben. Dabei möchte ich ein Vorbild für eine neue Generation von Journalisten sein und mich um deren Ausbildung bemühen. Ich entwickle die Beziehungen zur Presse in Hannover weiter und wir tauschen Ideen aus. Meine Kontakte zur Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ) sind sehr gut. Wir unterstützen uns gegenseitig im Sinne der presseüblichen Solidarität.
Can T. T.: Auf welche Schwierigkeiten stoßen Sie bei der Arbeit mit den Migranten in Hannover?
C. Y.: In Hannover habe ich zuerst die Migrantenvereine kennengelernt und bin mit ihnen in den Dialog getreten. Wenn sie mich einladen, gehe ich als Journalist dorthin und schreibe über ihre Probleme und Aktivitäten. Auch andere Kollegen von mir berichten darüber. Da die Probleme in Hannover denen in Frankfurt ähneln, sind sie mir bereits bestens bekannt.
Can T. T.: Sind die Migrantenvereine in Hannover aktiv?
C. Y.: Hannover ist eine überschaubare Stadt, und wir haben die Organisationen, die in der Stadt und in Niedersachsen tätig sind, kennengelernt. Sie schicken uns ihre Pressemitteilungen. Wir schreiben über kulturelle Aktivitäten, Sportveranstaltungen und Ähnliches.
Can T. T.: Sie haben in Hannover mehrmals über die Spuren der Migrantenkultur geschrieben?
C. Y.: Da ich solche Artikel bereits für die Frankfurter Rundschau verfasst hatte, habe ich dieselbe Methode und denselben Stil auch in Hannover angewandt. Es fand großen Anklang, und die türkischen sowie kurdischen Geschäftsleute waren sehr erfreut. Da sie zum ersten Mal mit einer solchen Berichterstattung konfrontiert wurden, waren sie erst überrascht und dann sehr begeistert. Ich plane, solche Artikel immer mal wieder zu schreiben. Sogar auf der Website „fremdeninfo“ überlege ich, jeden Monat das Porträt eines Migranten zu veröffentlichen, der sich einen Namen gemacht hat.
Can T. T.: Herr Cumali Yağmur, ich danke Ihnen für dieses aufschlussreiche Gespräch.