Von:Mehmet Tanli
Der Geschichtsforscher und Autor des Buches „Die verlorenen Mädchen von Dersim“, Kazım Gündoğan,
hielt anlässlich des 111. Jahrestags des Völkermords an den Armeniern eine Rede bei einer Gedenkveranstaltung in der Hauptkirche St. Petri in Hamburg. In seiner Rede sagte Gündoğan Folgendes:
Sehr geehrte Gäste, liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer,
wir haben uns heute hier versammelt, um des Armenischen Völkermords vom 24. April 1915 zu gedenken – nunmehr zum 111. Mal. Doch dieses Zusammenkommen sollte nicht allein als rückwärtsgewandte Erinnerungspraxis verstanden werden, sondern zugleich als öffentliche Intervention: als eine Intervention, die historische Gewaltformen analysiert, ihre Kontinuitäten sichtbar macht und gegenüber diesen Kontinuitäten eine ethisch-politische Position bezieht.
In diesem Rahmen möchte ich meine Rede um vier Grundbegriffe gliedern: Leugnung, Erinnerung, Aufarbeitung und Gerechtigkeit.
Leugnung: Kontinuität und Legitimierung struktureller Gewalt
Der Armenische Völkermord, der sich 1915 in der Spätphase des Osmanischen Reiches ereignete, wird häufig als singulärer historischer Bruch behandelt. Diese Betrachtungsweise ist jedoch sowohl analytisch als auch historisch unzureichend.
Der Völkermord ist weniger als Bruch denn als radikalisierte Phase eines langfristigen strukturellen Gewaltregimes zu verstehen.
So war etwa das osmanische Steuersystem Dschizya keineswegs bloß eine fiskalische Regelung, sondern eine juridisch-politisches Strategie, die nicht-muslimische Gemeinschaften – Armenier, Griechen, Syrer und andere Christen – systematisch zu Bürgerinnen und Bürgern zweiter Klasse machte. Diese Ordnung der Ungleichheit brachte am Ende des 19. Jahrhunderts, besonders mit den Armenischen Pogromen von 1894-96, massenhafte Gewaltformen hervor.
Auf diesem historischen Fundament entwickelte das Komitee für Einheit und Fortschritt (İttihad ve Terakki) ein umfassendes Transformationsprogramm, das den Aufbau eines rassenbasierten Nationalstaats ins Zentrum rückte. Dieses Programm lässt sich jedoch nicht allein als säkulares Nationalismusprojekt lesen. Es handelt sich vielmehr um einen vielschichtigen Restrukturierungsprozess, in dem Türkisierung, Islamisierung und Enteignung ineinandergreifen.
In diesem Zusammenhang ist der Völkermord nicht nur eine Folge des türkischen Nationalismus oder des ethnischen Nationalismus. Er ist zugleich ein Prozess, in dem der politische Islam als mobilisierender und legitimierender ideologischer Rahmen fungierte. Die Kodierung nicht-muslimischer Gemeinschaften als „Andere“, ihre Feindmarkierung mittels religiöser Referenzen und ihre Degradierung zu Zielscheiben spielten eine entscheidende Rolle in der gesellschaftlichen Legitimationsproduktion von Gewalt.
Dieser Prozess funktionierte gleichzeitig als ein großangelegter Mechanismus zu Eigentumstransfer und Kapitalakkumulation. Eingezogene Ländereien, Handelsvermögen und Wirtschaftsnetzwerke spielten eine prägende Rolle bei der Herausbildung einer neuen muslimisch-türkischen herrschenden Klasse.
Der Völkermord ist damit nicht nur ein Vernichtungs-, sondern zugleich ein Neuschöpfungsprozess auf ökonomischer, demographischer und politischer Ebene.
Mit der Gründung der Republik verschwand dieses strukturelle Erbe nicht; es gewann unter verschiedenen Formen Kontinuität. Es ist daher nicht möglich, völkermörderische Politik auf eine historisch abgeschlossene Epoche zu begrenzen. Auch die ausgrenzenden und gewaltförmigen Politiken gegenüber den Gemeinschaften der Kurden und Kızılbaş/Aleviten sind Bestandteile dieser Kontinuität.
Die Leugnungspolitiken fungieren als ideologischer Apparat, der diese Kontinuität verdeckt.
Erinnerung: Epistemologie des Widerstands
Der grundlegendste Bereich, der der Leugnung entgegentritt, ist die Erinnerung. Doch Erinnerung ist hier nicht nur als Gedenkpraxis zu verstehen, sondern zugleich als Form der Wissensproduktion und als erkenntnistheoretische Basis des Widerstands.
In diesem Zusammenhang sind die Arbeiten über den Völkermord von Dersim und die alevitisiert-armenischen Überlebenden konkrete Beispiele eines kollektiven Widerstands durch Erinnerungsarbeit gegen die Leugnung. Solche Arbeiten bilden ein wichtiges Glied in der Kette der Völkermorde, sind aber auch Teil der Gedächtnisbildung.
Die Armenier, die die Pogrome von 1894-96 und den Völkermord von 1915 überlebten, waren vielfach ohne gesellschaftliche und institutionelle Stützen, die eine öffentliche Fortführung ihrer Identität ermöglicht hätten. Ein Teil von ihnen wurde innerhalb alevitischer Gemeinschaften alevisiert, ein anderer Teil musste innerhalb muslimischer Gemeinschaften seine Identität verbergen.
Der Völkermord von Dersim von 1937-38 war zwar in erster Linie ein Völkermord an Kızılbaş-Kurden und Zaza-Gemeinschaften, richtete sich aber zugleich auch gegen die verbliebenen Armenier. Die Bevölkerung von Dersim nennt diese Ereignisse Tertele; das ist ein Wort, das eigentlich Weltuntergang bedeutet. Man bezieht es in Dersim auf den ersten und zweiten Völkermord.
Diese historische Erfahrung der Menschen von Dersim verweist auf eine Kontinuität zweier Gewaltmomente:
• Erster Tertele: Armenischer Völkermord 1915
• Zweiter Tertele: Völkermord von Dersim 1937-38
Dieses doppelschichtige Trauma macht den ausgrenzenden Charakter des rassenbasierten Aufbaus eines Nationalstaates und die Kontinuität struktureller Gewalt klar sichtbar.
Diese Erinnerung sichtbar zu machen und zu bewahren, ist nicht nur eine akademische Tätigkeit, sondern zugleich eine offen politische Intervention.
Aufarbeitung: Historische und aktuelle Dimension
Solange Erinnerung sich nicht in Aufarbeitung wandelt, bleibt ihre politische Wirkungsmacht begrenzt.
Aufarbeitung bedeutet nicht nur die Anerkennung des Geschehenen, sondern auch die Anerkennung der Wirkungen dieser Prozesse auf die heutigen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen.
Aus diesem Grund sollten Völkermorde nicht allein als identitätsbasierte Gewalt betrachtet werden, sondern auch als gewaltsame Neuordnung von Boden-, Eigentums-, Wirtschafts- und Kapitalverhältnissen.
Dieser Ansatz hebt die Aufarbeitung aus der Beschränkung auf den ethischen Bereich heraus und verlagert sie auf eine politische und ökonomische Befragungsebene. Eine solche Aufarbeitung ermöglicht sowohl die Anerkennung der Wahrheit als auch die Schaffung der Bedingungen eines Heilungsprozesses.
Gerechtigkeit: Vom bescheidenen Beitrag zum Kampf für restorative Gerechtigkeit
Die geleisteten Arbeiten erheben keinen Anspruch auf eine abschließende Lösung, sondern streben einen bescheidenen Beitrag zum Kampf für Aufarbeitung und Gerechtigkeit an.
Doch sosehr kleinmaßstäbige Arbeit an Erinnerung und an Wahrheit auch wertvoll ist: Um Völkermorde wirklich aufzuarbeiten und neuen Gewaltformen vorzubeugen, brauchen wir umfassendere kollektive Kämpfe. Dieser Kampf um die Aufarbeitung und Gerechtigkeits ist nicht durch einzelne Ereignisse, sondern durch die Auseinandersetzung mit den systemischen und institutionellen Strukturen möglich, die diese Ereignisse hervorgebracht haben. Dafür muss nicht nur Gerechtigkeit, sondern ein Kampf um restorative Gerechtigkeit als Strategie aller Gesellschaften anerkannt werden.
Gemeinsamer Widerstand und Solidarität
In diesem Zusammenhang ist die heutige Veranstaltung nicht nur eine Gedenkfeier, sondern zugleich eine Praxis des Erinnerungswiderstands und ein starker politischer Appell.
Dieser Appell richtet sich nicht nur an eine bestimmte Gemeinschaft, sondern an alle Völker, die Opfer von Völkermorden geworden sind.
Völkermörderische Ideologien – Nationalismus, Rassismus und auf religiöser Politik basierender Exklusivismus – setzen in unterschiedlichen Formen ihre Existenz fort. Deshalb muss auch der Kampf gegen diese Ideologien nicht fragmentiert, sondern gemeinsam, organisiert und solidarisch geführt werden.
Kleine Widerstandsbewegungen sind wertvoll. Doch für die Vertiefung historischer Aufarbeitungen und den Schutz der Zukunft brauchen wir weitaus stärkere Gemeinschaften und gemeinsame Strategien des Widerstands.
Abschließend:
Werte Teilnehmerinnen und Teilnehmer,
was wir heute hier tun, ist nicht nur eine Gedenkfeier. Es ist zugleich Widerstand durch Erinnerung, epistemische Intervention und politische Haltung.
Unsere Arbeiten über den Völkermord von Dersim und die alevitisierten armenischen Überlebenden sind ein konkreter Ausdruck davon: die Erinnerung gegen die Leugnung zu verteidigen, die Wahrheit sichtbar zu machen und zum Kampf für Gerechtigkeit beizutragen.
Zugleich tragen diese Arbeiten einen weiterreichenden Appell in sich:
Erinnerung gegen Leugnung – von der Erinnerung zur Wahrheit, von der Wahrheit zur Aufarbeitung, von der Aufarbeitung zur Gerechtigkeit und von der Gerechtigkeit zu einem gemeinsamen, demokratischen, freiheitlichen Leben…
Gemeinsam…
Ich danke Ihnen.
Mit herzlichen Grüßen,
Kazım Gündoğan