Grenze

von Fremdeninfo
Haydar Doğan

von Haydar Doğan

Als ich das Gedicht „Grenze“ schrieb, stand in den Zeitungen: „Das Mittelmeer ist zum Grab für 40.000 Menschen geworden.“ Es ist noch nicht lange her, es waren die 2000er Jahre.
Menschen aus dem Nahen Osten und Nordafrika, wo Besatzungen und Massaker wüteten, versuchten mit morschen Booten nach Europa zu gelangen.
An einem Ort gab es den Tod, am anderen das Leben. Es gab viel Tod. Die Zahlen waren es leid, nur mit Toten in Verbindung gebracht zu werden, nur durch Reichtum zu existieren…

Es ist Nacht geworden, ich blicke zu einer Wolke hinauf.
Ich befinde mich auf einer Straße, an der sich drei Länder treffen. Beruflich habe ich meine Ladung in Belgien abgeliefert und fahre nun über die Niederlande zurück nach Deutschland. Über mir schwebt eine Wolke. „Zu welchem Land gehört diese Wolke?“, frage ich mich. Über diese verrückte Frage muss ich wahnsinnig lachen; meine Geschwindigkeit beträgt 120 Stundenkilometer.
Die Wolke blieb nicht stehen. Sie folgte mir. Die Wolke überquerte die Grenzen… Dies ist Westeuropa, hier gibt es schließlich keine Grenzkontrollen! Sie kam, genau wie ich, ohne beim Zoll hängenzubleiben hindurch!

Der Name „GRENZE“ wurde so auf einem Parkplatz auf ein leeres Blatt Papier geschrieben. Und die ersten Zeilen begannen zu fließen…

Diese Wolke gehorcht keinem Wort,
Überwindet gezogene Grenzen,
Trägt die in ihr verborgenen Lieben
Von Grenze zu Grenze fort.

Ich fahre über die Brücke am Rhein. Auf dem Fluss transportieren lange, schmale Schiffe ihre Ladung. Schiffe, an denen Flaggen aus Holland, Belgien, Frankreich, der Schweiz und Deutschland wehen. Mir kommt das Bild des Flusses vor Augen, wie er in den Schweizer Bergen entspringt und die Länder durchquert.

Dieser Strom gehorcht keinem Wort,
Mit seinem schlammigen Gesicht
Durchzieht er die Länder,
Bis er die Meere erreicht.

So begannen sich die Zeilen der zweiten Strophe in mir zu formen.
Ich versuche lediglich zu schreiben, was ich sehe. Ich habe weder einen Anteil daran, dass die Wolke die Grenzen überquert, noch daran, dass der Fluss die Länder passiert. Alles geschieht außerhalb von mir, aber es entwickelt sich mit mir, und meine Aufgabe in diesem Leben ist es, das Gesehene niederzuschreiben. Das habe ich mir zur Pflicht gemacht. Sieh und schreib.

Vögel… Ach, die Vögel. Die mich nirgendwo allein lassen, wohin ich auch gehe. Wie viele Worte hatte ich für sie in Gedichte eingewoben. Als einer gegen meine Balkonscheibe schlug und starb, hob ich ihn auf und warf ihn in den Müll, ohne jemandem davon zu erzählen. „Selbstmordvögel“, nannte der Dichter solche Vögel. Auch die schönste Zeile an meine Geliebte habe ich mit Vögeln geschrieben:
„Wenn ich deine Haare flechte, werde ich die Vögel rufen.“

Bisher passte keines meiner Worte in einen Rahmen. Entweder habe ich kein Herz berührt oder ich habe sie immer verletzt zurückgelassen. Vielleicht auch…

Ein Flügelpaar am Himmelszelt
Begeht eine Grenzverletzung,
Den Jahreszeiten zum Trotz
Überquert es Kontinente.

Tage später nahmen diese Zeilen als dritte Strophe ihren Platz im Gedicht ein. Alles war wahr. Alles war an seinem richtigen Platz verwendet worden.
„Grenze“ wuchs.

Dann reiste ich in meine Kindheit. Dort verweilte ich lange. Ich kletterte auf den Apfelbaum. Und die Aprikosenbäume, die doch der schönste Geschmack meiner Heimat sind.

Sieh das Kind, es gehorcht keinem Wort,
Übersteigt errichtete Zäune,
Erklimmt den Apfelbaum,
Greift nach den Sternen dort.

Das Mittelmeer ist zum Grab für Tausende, Zehntausende geworden. Und wird es auch weiterhin. Wenn es so weitergeht, werden es noch mehr werden.
„In den Bergen von Van ist der Schnee geschmolzen, Leichen sind aufgetaucht.“
Das war die ganze Nachricht in der Zeitung.

Nur dem Menschen ist es verwehrt,
Von Grenze zu Grenze zu laufen,
Hinter Stacheldrahtzäunen:
Vermintes Land.

Ähnliche Beiträge