In der deutschen Stadt Duisburg veranstalteten der Verein „Fikir Atölyesi“ (Denkwerkstatt), die Kölner Solidaritätsplattform und die AWO International eine beeindruckende Solidaritätskundgebung für Merdan Yanardağ. Moderiert wurde der Abend von Müge Erciyas.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand Dr. Merdan Yanardağ, der Chefredakteur des bedeutenden, mittlerweile unter Zwangsverwaltung gestellten Nachrichtensenders Tele1. Yanardağ befindet sich seit 95 Tagen im Gefängnis Silivri in Haft. An der Solidaritätsveranstaltung nahmen rund 250 Gäste teil – darunter Schriftsteller, Journalisten, Künstler sowie Vorstandsmitglieder und Angehörige von Migrantenverbänden. Es war ein Zusammentreffen von Lesern, Zuschauern und Freunden Yanardağs, die in Deutschland leben.

Die Veranstaltung, die in den Räumlichkeiten der AWO International in Duisburg-Hamborn stattfand, war geprägt von reger Teilnahme und einer hoffnungsvollen Atmosphäre. Neben der politischen Solidarität gab es auch eine Büchersignierstunde.
Eröffnet wurde das Programm mit Grußworten von Orhan Göktan (Vorsitzender des Vereins Fikir Atölyesi) und Düzgün Can Küçükdoğan (Vorsitzender der AWO International). Im Namen der „Kölner Solidaritätsplattform für Merdan Yanardağ“ sprach der Journalist und ehemalige Deutschland-Repräsentant von Tele1, Mehmet Tanlı. Er begrüßte die Anwesenden und betonte in seiner Rede:
„Als seine Freunde in Deutschland fordern wir Gerechtigkeit und Freiheit für Merdan Yanardağ. Kein Patriot kann ein Spion sein. Wir hegen großen Respekt vor Yanardağs Journalismus und seinem Kampf. Die Einsetzung eines Zwangsverwalters für Tele1 ist inakzeptabel. Er wird widerrechtlich und ohne juristische Grundlage in Silivri festgehalten.“
Auch Hıdır Ateş, Vorsitzender des Kulturzentrums Odak in Münster, sowie der Schriftsteller Mevlüt Asar, Sprecher der Initiative türkischer Autoren in Europa und ein enger Weggefährte des unvergessenen, lange in Duisburg lebenden Autors Fakir Baykurt, hielten kurze Ansprachen.

„Wir stehen einem drittklassigen Komplott gegenüber“
Sevim Kahraman-Yanardağ, die Ehefrau des inhaftierten Journalisten und selbst Autorin, hielt ebenfalls eine Rede und signierte sowohl ihre eigenen Bücher als auch die ihres Mannes. In ihrer Ansprache verlas sie einen Brief, den Merdan Yanardağ aus dem Gefängnis Silivri geschrieben hatte.
In seinem Brief schrieb Yanardağ zusammengefasst Folgendes:
„Wir werden uns all diesen Ungerechtigkeiten und Rechtswidrigkeiten niemals beugen. Ich danke allen Organisationen, dem Verein Fikir Atölyesi und der Solidaritätsplattform herzlich für diese Veranstaltung. Die AKP hat zwar die Institutionen der Republik zerstört, konnte jedoch ihr eigenes Regime nicht vollständig etablieren; sie konnten uns nicht zur Kapitulation zwingen. Deshalb haben sie uns mit Lügen, Verleumdungen und Intrigen in Gefangenschaft genommen. Sie haben ein Regime der Plünderung und des Raubes errichtet, doch erleben sie derzeit einen Niedergang.
Wir haben den Widerstand unter allen Bedingungen gemeinsam fortgesetzt. Jeder Kampf fordert seinen Preis. Der Säkularismus genießt immer noch breite gesellschaftliche Unterstützung. Tele1 war eine Stimme dieses gesellschaftlichen Widerstands und dieser Unterstützung. Genau deshalb haben sie unseren Sender beschlagnahmt. Für den Vorwurf der Spionage gibt es nicht einen einzigen Beweis. Der Richter, der uns verhaften ließ, konnte mir bei der Urteilsverkündung nicht in die Augen sehen und verließ den Gerichtssaal fast fluchtartig. Wir stehen einem drittklassigen, stümperhaften Komplott gegenüber. Gemeinsam mit unserem Volk werden wir diesen Kreis aus Unrecht und Gesetzlosigkeit durchbrechen. Vergessen wir nicht: In unserem Land besitzen die Republikaner ein großes Widerstandspotenzial.“

Volksmusikkünstler auf der Bühne
Im musikalischen Teil der Veranstaltung traten Merdan Yanardağs Künstlerfreunde İsmail Türker und Muzaffer Gürenç sowie die Gruppe „Yola Türküler“ unter der Leitung von İsmet Kılıç auf. Sie interpretierten Werke berühmter Dichter wie Nâzım Hikmet, Ozan Belli und Fazıl Hüsnü Dağlarca. Ihre Lieder handelten von Sehnsucht, Brüderlichkeit, Freiheit und der Liebe zum Heimatland – ein musikalischer Aufruf zum Kampf gegen Ungerechtigkeit.

Den Abschluss der Solidaritätsveranstaltung in Duisburg bildete ein gemeinsamer Gesang. Die drei Künstler und der Chor „Yola Türküler“ sangen zusammen mit dem Publikum das bekannte, von Tahsin İncirci vertonte Gedicht von Fazıl Hüsnü Dağlarca:
„Hey, ihr Berge, deren Gipfel im Rauch stehen, hey!
Nicht jeden Tag treibt der Wind die Mühle an.
Hör zu Agha, hör zu Pascha, hör zu Bey:
Du sprichst, doch wird er schweigen? Darauf ist kein Verlass.“
Text: Mehmet Tanlı
Fotos/Visuelles: Hüseyin Gül, Serkan Uçar, Suzan Toraman, M. Tanlı