Von: Zeynep Hayir/ Hannover
Staatstradition, Glaube und kulturelle Kontinuität
Irans Platz in der Weltgeschichte ist von besonderer Bedeutung, da die Idee des Staates auf diesem Boden bereits in sehr frühen Epochen Wurzeln schlug. Die heutige Geografie Irans trat im 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. mit dem Aufstieg des Mederreichs auf dem iranischen Hochland in das Licht der Geschichte. Die Meder errichteten eine flexible, aber funktionale politische Struktur, die verschiedene Stämme zusammenhielt und ein empfindliches Gleichgewicht zwischen lokalen Herrschern und einer zentralen Militärmacht schuf. Diese Struktur bereitete in kurzer Zeit den Boden für eine weitaus größere politische Organisation.
Die Perser, die als ein Zweig der Meder aus diesem historischen Fundament hervorgingen, lebten zunächst unter medischer Vorherrschaft, stiegen jedoch im 6. Jahrhundert v. Chr. zu einer unabhängigen Macht auf. Das unter Kyros dem Großen gegründete Perserreich expandierte nicht nur durch militärische Eroberungen, sondern auch durch administratives Genie. Obwohl die persische Macht auf dem Königtum basierte, stützte sie sich nicht auf bloße Tyrannei; die Könige erlangten Legitimität durch den Anspruch, Gerechtigkeit zu stiften. Durch das Satrapien-System wurden lokale Verwaltungen gewahrt, während die zentrale Autorität stark blieb; das Steuersystem und die Armee bildeten das Rückgrat des Staates. Anstatt die eroberten Gebiete zu vernichten, zogen es die Perser vor, sie in ihr Gefüge zu integrieren und so zu wachsen.
Die geografischen Bedingungen des iranischen Hochlands sind die grundlegenden Elemente, die den Charakter des Staates bestimmen. Der begrenzte Zugang zu Wasser erforderte eine landwirtschaftliche Organisation, während der Verteidigungsbedarf eine zentrale Struktur unumgänglich machte. In dieser Hinsicht entstand der Staat in Iran nicht als Wahl, sondern als historische Notwendigkeit. Der Zoroastrismus, der in dieser Geografie entstand und sich verbreitete, war nicht nur eine Religion, sondern ein moralischer Rahmen, der festlegte, wie der Staat geführt werden sollte und wo die Grenzen der Gerechtigkeit lagen. Dass die Legitimität des Königtums nicht an Tyrannei, sondern an der Fähigkeit, Gerechtigkeit zu schaffen, gemessen wurde, legte den Grundstein für die Beziehung zwischen Staat und Ethik in Iran. Es lässt sich sagen, dass dieses Erbe durch die Übertragung auf spätere Epochen eine Kontinuität aufweist.
Die persische Kultur hat tiefe Spuren in der Weltzivilisation hinterlassen. Während das Schahname (Königsbuch) und die klassische Poesie die Bindung zwischen Staat und Gesellschaft festigten, schufen Miniaturmalerei und Palastkunst eine ebenso ästhetische wie ideologische Sprache. Errungenschaften in den Bereichen Philosophie, Wissenschaft, Medizin und Astronomie blieben nicht auf Iran beschränkt, sondern beeinflussten einen weiten geografischen Raum von der griechischen und römischen Welt bis hin zum Osmanischen Reich. Als sich die iranische Kultur mit der Staatstradition verband, gewann sie eine enorme Widerstandskraft und Beständigkeit. Kunst, Literatur und Denken verbreiteten sich vom Palast bis auf die Straße und schufen ein gemeinsames Gedächtnis, das die Gesellschaft zusammenhielt.
Die Architektur ist der greifbarste Ausdruck dieses kulturellen Reichtums. Zentren wie Persepolis und Pasargadae, die während der Zeit der Achämeniden errichtet wurden, spiegeln die multikulturelle Struktur des Reiches wider. Die riesigen Säulen und Reliefs sind nicht nur Symbole der Pracht, sondern auch eine visuelle Erzählung der politischen Ordnung. Dieses architektonische Verständnis hat über Jahrhunderte hinweg in veränderter Form fortbestanden.
Als der Islam Iran erreichte, kam es entgegen der landläufigen Meinung nicht zu einem kulturellen Untergang. Der Islam, der während der Abbasidenzeit und durch die arabischen Eroberungen in die Region gelangte, wurde von Iran nicht passiv hingenommen, sondern im eigenen historischen und kulturellen Kontext neu interpretiert. Auf diesem Boden wurde der Schiitismus nicht nur zu einer Glaubensrichtung, sondern zu einer politischen und gesellschaftlichen Identität. Die Staatstradition und die kulturelle Kontinuität bestanden unter dem Dach des Islam ungebrochen fort.
Diese lange historische Linie beweist, dass Staat, Glaube und Kultur in Iran einander nicht vernichtet, sondern transformiert haben. Diese ununterbrochene Verbindung, die von den Medern zu den Persern und vom Zoroastrismus zum Schiitismus reicht, erklärt, warum die iranische Gesellschaft nicht leicht auseinanderfällt und warum sie in jedem Moment des Umbruchs erneut Staat und Sinn stiften kann.
Doch dieses tief verwurzelte Erbe sieht sich in der Moderne einer großen Prüfung gegenüber. Diese Prüfung betrifft die Frage, in wessen Namen und wie der Modernisierungsanspruch verfolgt wird. Der unter dem Namen der Modernisierung begonnene Prozess der Verstaatlichung des Erdöls löste externe Interventionen aus; die kolonialen Interessen und hinterlistigen Pläne Großbritanniens waren in dieser Zeit prägend. Dieser durch wirtschaftlichen Druck und politische Einmischung geformte Prozess stürzte einst die Pahlavi-Dynastie und brachte stattdessen das Mullah-Regime an die Macht. Heute sind symbolische Handlungen, wie das Teilen der alten Flagge Irans durch Elon Musk auf der Plattform X, Zeichen des Versuchs, die Zukunft über die Symbole der Vergangenheit neu zu konstruieren. Auch wenn sich die Formen der Einmischung ändern, bleibt die Absicht dieselbe.
Im zweiten Teil unserer Artikelserie werden wir untersuchen, wie der Modernisierungsanspruch den Bruch zwischen Gesellschaft und Staat vertieft hat. Wir werden die Umwandlung des Glaubens in eine Staatsideologie, die Verstetigung der Auslandsabhängigkeit und die Frage behandeln, wie dieses Potenzial im Jahr 1979 zu einer Explosion führte. Wir werden versuchen zu verstehen, warum die Revolution in eine andere Richtung abdriftete, die Vorherrschaft des Mullah-Regimes und wie das iranische Volk, das heute auf den Straßen ist, eine Verbindung zu diesem tiefen historischen Erbe herstellt. Denn das heutige Iran ist nicht nur das Ergebnis aktueller Ereignisse, sondern die in die Gegenwart getragene Form eines jahrtausendealten, tiefen Erbes.