Von: Ergin Doğru / Avrupa Demokrat
Um die Situation der Aleviten in Syrien am Jahrestag der Massaker an Aleviten zu verstehen, müssen wir nicht nur auf einen Ausschnitt des Bildes schauen, sondern auf das Ganze. Denn im Nahen Osten ist keine gesellschaftliche Angelegenheit unabhängig von den aktuellen Kalkülen der hegemonialen Mächte und ihrem historischen Kontext. Daher muss man, wenn man über die Aleviten in Syrien spricht, nicht nur das Heute, sondern auch die historische Positionierung, die konfessionellen Gleichgewichte und die regionale Machtpolitik gemeinsam betrachten.
Das in den letzten Jahren in Rojava entstandene Gesellschaftsmodell hat die Idee des Zusammenlebens in Vielfalt gegenüber der monistischen und sektiererischen Politik des Nahen Ostens gestärkt. Dieses Paradigma, in dem unterschiedliche Glaubensrichtungen, Identitäten und Völker auf derselben politischen Grundlage Platz finden können, hat für die Völker der Region eine hoffnungsvolle Erfahrung geschaffen. Dasselbe Modell wurde jedoch von regionalen und globalen Hegemonialmächten auch als Bedrohung wahrgenommen.
Wenn wir uns die neuen Gleichgewichte ansehen, die sich heute auf syrischem Boden abzeichnen, wird eine Linie deutlich, in der versucht wird, den iranischen Einfluss und die schiitische Achse zu schwächen, während im Gegenzug sunnitische politische Blöcke an Stärke gewinnen. Diese Situation bringt das Risiko neuer konfessioneller Spannungen mit sich. Wir befinden uns in einem Prozess, in dem die „konfessionelle Karte“ im Nahen Osten erneut ausgespielt wird.
In dieser Gleichung gibt es starke Anzeichen dafür, dass versucht wird, bestimmte Glaubens- und Identitätsgruppen relativ abzusichern, während andere Regionen in neue Verhandlungsmasse umgewandelt werden. Doch die vulnerabelsten Gruppen bleiben dieselben: Kurden und Aleviten. Daher gleichen sich sowohl die Sicherheitsbedenken als auch die Zukunftssorgen beider Völker immer mehr an.
Die jüngsten Angriffe auf Rojava sind nicht nur militärische Manöver; sie sind gleichzeitig Teil einer Politik, Völker und Religionen gegeneinander aufzuhetzen. Gegenüber dem dem kurdischen Diskurs aufgezwungenen Narrativ eines „Krieges gegen Schiiten“ ist Mazlum Abdis Satz „Wir sind nicht so niederträchtig, Karbala anzugreifen“ daher Ausdruck einer historischen Haltung. Dieser Satz stützt sich auf ein kollektives Gedächtnis, das die Politik der konfessionellen Konfrontation ablehnt.
Die Solidarität, die Kurden den Aleviten während vergangener Massaker an Aleviten entgegenbrachten, ist eines der konkreten Beispiele für diese Linie des gemeinsamen Schicksals. Heute befinden wir uns an einer ähnlichen historischen Schwelle. Denn die grundlegende Methode hegemonialer Interventionen ändert sich nicht.