Migrantin in Belgien sein am 8. März und die Sehnsucht nach der Sonne

von Fremdeninfo

Von: Ansa Suoğlu / Belgien

„Hier habe ich begriffen, wie wichtig die Sonne tatsächlich für das menschliche Leben ist.“ Für viele Frauen, die nach Belgien migriert sind, bezieht sich dieser Satz nicht nur auf das Klima. Die langen grauen Tage Nordeuropas, an denen sich die Sonne manchmal einen ganzen Monat lang nicht zeigt, symbolisieren auch das emotionale Klima der Migration. Denn die Sonne steht nicht immer nur am Himmel; manchmal ist sie die Muttersprache, manchmal der Duft der Kindheit und manchmal der Frieden, ohne langes Nachdenken verstanden zu werden.

In Belgien hat ein bedeutender Teil der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Doch die Erfahrung von Migrantinnen ist oft zweischichtig: Sie kämpfen sowohl mit den Ungleichheiten des Frau-Seins als auch mit den strukturellen Hürden der Migration. Sprachbarrieren, die mangelnde Anerkennung von Diplomen, Schwierigkeiten beim Zugang zum Arbeitsmarkt und soziale Isolation… Besonders für Frauen, die im Zuge der Familienzusammenführung kommen, kann sich der Prozess der wirtschaftlichen Unabhängigkeit verzögern. Aus der Perspektive der Sozialen Arbeit ist dies nicht nur eine Frage der Beschäftigung, sondern zugleich eine Frage der Identität, der Zugehörigkeit und des Empowerments.

Migration ist oft eine Geschichte der Aufopferung. Das gewohnte Umfeld zu verlassen, sich vom nahen sozialen Kreis zu entfernen, die Muttersprache im Alltag seltener zu gebrauchen… Für einige Frauen bedeutete dieser Prozess den Übergang von der Identität der „berufstätigen Mutter“ hin zur Rolle der „Hausfrau“. Obwohl dies auf den ersten Blick wie ein Verlust erscheinen mag, hat es für viele Frauen neue Türen geöffnet: das Miterleben jedes Augenblicks ihrer Kinder, die Entdeckung der eigenen Innenwelt und die Zuwendung zu Bereichen, in die sie sich zuvor nicht vorgewagt hatten.

Die in den vergangenen Jahren geteilten Frauengeschichten zeigen dies deutlich. Eine Frau erzählte, wie sie trotz aller Hindernisse ihr Berufsleben und ihre persönlichen Leidenschaften miteinander vereinbaren konnte; eine andere sprach von der Kraft, als Kind einer Arbeiterfamilie hoffnungsvoll am Leben festzuhalten. Eine weitere Migrantin drückte die Schwierigkeit eines Neuanfangs bei Null in einem fremden Land aus, aber auch das dadurch gewonnene Selbstvertrauen. Eine Künstlerin, die bei einer Veranstaltung ihre Lebensgeschichte teilte, war während ihrer Rede sichtlich bewegt und konnte ihre Tränen nicht zurückhalten. Auf Wunsch des Publikums sang sie anschließend ein Stück. In diesem Moment trafen die Verletzlichkeit und die Stärke der Migrantinnen auf derselben Bühne zusammen.

Diese Geschichten zeigen uns: Migrantinnen lediglich über das Narrativ der „Opferrolle“ zu betrachten, ist eine unvollständige Sichtweise. Sie sind gleichzeitig Gestalterinnen, Transformatorinnen und Brücken zwischen zwei Kulturen. Der Ansatz der Sozialen Arbeit lehrt uns: Das Empowerment von Frauen ist nicht nur durch individuelle Anstrengung möglich, sondern durch zugängliche Unterstützungsmechanismen, Chancengleichheit und gesellschaftliche Akzeptanz.

Genau deshalb ist der 8. März so wichtig. Er ist nicht nur ein Tag der Forderung nach Gleichberechtigung, sondern ein Tag, um unsichtbare Arbeit sichtbar zu machen. Migrantin in Belgien zu sein, bedeutet manchmal, die Sonne zu vermissen; aber es bedeutet auch, das eigene innere Licht zu entdecken. Die Sonne mag nicht immer am Himmel stehen, doch die Widerstandsfähigkeit der Frauen trägt das Licht an jeden Ort, an dem sie sind.

 

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