Rojava-Kollaps: Ankaras Sieg wird zum innenpolitischen Risiko

von Fremdeninfo

 

Artikel von Aret Demirci /TP

Der Zusammenbruch der kurdischen Selbstverwaltung in Syrien verschiebt das Machtgefüge – und könnte Erdoğans Friedenskurs gefährden.

Als in Aleppo die letzten Reste eines fragilen Arrangements zwischen Damaskus und den kurdisch dominierten Kräften zerfielen, ließ sich das Geschehen noch als syrische Episode lesen. Als ein weiterer Beleg dafür, dass die Nachkriegsordnung Syriens weniger durch politische Integration als durch militärische Fakten entsteht.

Doch dieser Blick greift zu kurz. Denn was in Aleppo militärisch entschieden wurde, entfaltet seine eigentliche Wirkung jenseits der Grenze – in der Türkei.

Syrien ist für Ankara längst kein Außenkonflikt mehr. Die Entwicklungen der vergangenen Wochen zeigen, wie sehr die syrische Neuordnung und der türkische „Terörsüz-Türkiye“-Prozess zu einem einzigen politischen Raum verschmolzen sind.

Der Zerfall der Syrian Democratic Forces (SDF), die forcierte Integration der bewaffneten PYD-YPG-Strukturen in den Machtbereich von Damaskus und die gleichzeitige innenpolitische Neujustierung der Kurdenfrage in der Türkei folgen derselben Logik – und verstärken sich gegenseitig.

Der syrische Erfolg, der in Ankara gefeiert wird

Aus Sicht der türkischen Regierung sind die Ereignisse zunächst eine Erfolgsgeschichte. Die militärische und politische Marginalisierung der SDF erfüllt eine zentrale sicherheitspolitische Forderung Ankaras.

Die PYD-YPG verliert ihren Status als eigenständiger Akteur, die amerikanische Schutzgarantie wird faktisch zurückgezogen, und Damaskus signalisiert die Bereitschaft, die Kontrolle über den Nordosten des Landes wieder vollständig zu übernehmen.

Die Botschaft ist eindeutig: Es gibt keinen Raum mehr für halbautonome Strukturen, die sich auf internationale Patronage stützen. Wer politisch überleben will, muss sich integrieren – oder verschwinden. Für Ankara ist das ein Szenario, das jahrelang angestrebt wurde.

Entsprechend zufrieden fällt der Ton der regierungsnahen Medien aus. Syrien sei eine innere Angelegenheit, heißt es, doch man lasse keinen Zweifel daran, dass man den Ausgang begrüßt – und notfalls auch militärisch flankieren würde.

Doch genau hier beginnt das Problem.

Wenn außenpolitische Gewinne innenpolitisch destabilisieren

Der türkische Kommentarjournalismus liest die Entwicklung vor allem als Schwächung der PKK-nahen Strukturen. Doch diese Verkürzung verkennt die Dynamik, die der Zusammenbruch der SDF in der Türkei selbst auslöst. Denn mit dem Wegfall der syrischen Verhandlungsmasse verschiebt sich das Machtgefüge innerhalb der kurdischen Bewegung – und erhöht den Druck auf alle Beteiligten.

In der Türkei wird seit Monaten ein neuer Anlauf zur politischen Entschärfung des Konflikts diskutiert. Der Begriff „Terörsüz Türkiye“ soll Distanz zur gescheiterten Lösungspolitik der Jahre 2013 bis 2015 markieren.

Doch in der Praxis hängen beide Prozesse enger zusammen, als die politische Rhetorik suggeriert. Die syrische Entwicklung wirkt wie ein Beschleuniger: Sie zwingt Ankara, Ergebnisse zu liefern – und sie zwingt die kurdischen Akteure, sich zu positionieren.

Die Folge ist eine gefährliche Gleichzeitigkeit. Während die Regierung den syrischen Vormarsch als Beweis strategischer Stärke interpretiert, geraten die prokurdische DEM-Partei, Kandil und die verbliebenen PYD-YPG-Strukturen in eine defensive Lage. Wer verliert, radikalisiert die Sprache – selbst dann, wenn die militärischen Optionen schwinden.

Die Rückkehr der Rhetorik

Auffällig ist weniger eine neue militärische Eskalation als vielmehr die Rückkehr einer politischen Sprache, die an frühere Bruchstellen erinnert. Mobilisierungsaufrufe, „Rojava“-Symbolik, Grenzdemonstrationen, provokative Gesten – all das wirkt wie ein Echo der Jahre, in denen der letzte Lösungsprozess scheiterte.

Damals wie heute gilt: Nicht ein einzelnes Ereignis zerstört den politischen Raum, sondern die kumulative Wirkung von Symbolen, Missverständnissen und kalkulierten Grenzüberschreitungen.

„Rojava“ steht weniger für ein klar definiertes Territorium als für ein politisches Projekt: den Versuch, im Machtvakuum des syrischen Bürgerkriegs eine kurdisch geprägte Selbstverwaltung zu etablieren – international bewundert, von Ankara jedoch als strategische Bedrohung interpretiert.

Der türkische Staat reagiert darauf mit einer Mischung aus Härte und Beschwichtigung. Provokationen würden nicht toleriert, heißt es, zugleich betonen Präsident Erdoğan und MHP-Chef Bahçeli, dass man an dem Prozess festhalten wolle.

Diese Doppelstrategie ist kein Widerspruch, sondern Ausdruck einer nüchternen Kosten-Nutzen-Rechnung. Ein Abbruch des Dialogs wäre innenpolitisch riskanter als seine kontrollierte Fortsetzung – selbst unter verschärften Bedingungen.

Öcalan als Scharnier – und als Risiko

In diesem fragilen Gefüge rückt der inhaftierte PKK-Chef Abdullah Öcalan erneut ins Zentrum. Seine jüngsten Botschaften werden von allen Seiten als Legitimation herangezogen – allerdings mit gegensätzlichen Lesarten. Ankara betont seine Distanz zu bewaffneter Eskalation, Kandil verweist auf den Schutz Rojavas, die DEM-Partei interpretiert ihn als Mahner zur politischen Lösung.

Gerade diese Vieldeutigkeit macht Öcalan zugleich unverzichtbar und gefährlich. Je mehr Akteure sich auf ihn berufen, desto weniger kontrolliert er den Prozess. Sein Einfluss wirkt nicht mehr ordnend, sondern fragmentierend.

Die politische Autorität, die einst deeskalierend wirkte, wird heute selektiv instrumentalisiert – ein klassisches Symptom für einen Prozess, der zwar weiterläuft, aber an innerer Kohärenz verliert.

Warum der Prozess dennoch weitergeht

Trotz aller Spannungen spricht wenig dafür, dass Ankara den Kurs abrupt ändert. Zu hoch wären die Kosten eines offenen Bruchs – national wie international.

Die USA haben signalisiert, dass sie Damaskus als neuen Ansprechpartner akzeptieren. Europa verfolgt die Entwicklung mit wachsender Sorge, aber ohne echte Einflussmittel. Und innenpolitisch weiß die Regierung, dass jede Eskalation unmittelbar in die türkische Gesellschaft zurückschlägt.

Der Prozess lebt daher weniger von Vertrauen als von gegenseitiger Erschöpfung. Niemand hat ein Interesse an einem offenen Konflikt, aber niemand besitzt die Macht, ihn endgültig zu befrieden. Das Ergebnis ist ein politisches Gleichgewicht auf Zeit – stabil genug, um nicht zu kollabieren, instabil genug, um jederzeit zu kippen.

Die deutsche Perspektive: näher, als es scheint

Für Deutschland und Europa ist diese Entwicklung alles andere als fern. Jede Eskalation in der Türkei wirkt unmittelbar in die Diaspora, polarisiert Communities und verschärft gesellschaftliche Spannungen. Gleichzeitig nährt die scheinbare Stabilisierung Syriens die Illusion, man habe es mit einer abgeschlossenen Nachkriegsordnung zu tun.

Doch was in Aleppo entschieden wurde, ist kein Ende, sondern eine Verschiebung. Die Gewalt verschwindet nicht – sie verlagert sich politisch. Wer in Berlin glaubt, Syrien sei nach Jahren des Krieges endlich „eingefroren“, unterschätzt, wie eng die syrische Ordnung mit der türkischen Innenpolitik verwoben ist. Aleppo liegt näher an Europa, als viele wahrhaben wollen.

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