Der in Nordrhein-Westfalen tätige, überparteiliche und überkonfessionelle zivilgesellschaftliche Verein FAD organisierte mit Unterstützung der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) ein Wochenendseminar im Hotel Jägerhof in der Stadt Willebadessen. Das Seminar begann mit der Begrüßung der Teilnehmer und Referenten durch den Vereinsvorsitzenden Orhan Göktan und das Vorstandsmitglied Birol Keskin, der die Moderation übernahm. Im Mittelpunkt standen wichtige Themen wie die deutsche Migrations- und Integrationspolitik, der Angriff der USA und Israels auf den Iran sowie die politischen Krisen im Nahen Osten. An dem Seminar nahmen 32 Personen teil, darunter auch Akademiker, die erst kürzlich zur Arbeit nach Deutschland gekommen sind. Als Referenten fungierten die Journalisten Mehmet Tanlı und Adnan Aytaç sowie der pensionierte Sozialberater Aydın Sayılan.
„Die Arbeitsmigration aus der Türkei nach Deutschland ist trotz allem eine Erfolgsgeschichte“
Der erste Redner, Migrationsexperte und Journalist Mehmet Tanlı, sagte in seiner Präsentation: „Weltweit befinden sich derzeit 304 Millionen Menschen aus verschiedenen Gründen auf der Flucht oder in Migration. Davon sind 107 Millionen Flüchtlinge und Asylsuchende. Auch in der Geschichte der Türkei gab es große Wanderungsbewegungen, wie etwa den ‚Bevölkerungsaustausch‘ zwischen der Türkei und Griechenland, bei dem über 1,5 Millionen Menschen von ihrer Heimat entwurzelt wurden. Deutschland hat sich lange Zeit nicht als Einwanderungsland akzeptiert, hat aber aufgrund des großen Arbeitskräftemangels und der schrumpfenden Bevölkerung in den letzten Jahren seine Migrationspolitik geändert. Aktuell konzentriert sich Deutschland darauf, ein Gleichgewicht zwischen dem Bedarf an Fachkräften und der Verschärfung der Asylverfahren zu finden. Mit Blick auf die Jahre 2025–2026 hat Deutschland die Migrationsregeln klarer gefasst, aber die Erwartungen an die Integration verschärft. Trotz aller Schwierigkeiten ist das 1961 mit dem Anwerbeabkommen begonnene Migrationsabenteuer aus der Türkei eine Erfolgsgeschichte, die jeder anerkennen sollte.“
Die Schwerpunkte in Mehmet Tanlıs Präsentation waren:
- Fachkräfteeinwanderungsgesetz und Änderungen:Der Fokus auf qualifizierte Zuwanderung.
- Verschärfung der Asylpolitik (2026):Im Rahmen der EU-Asylreform (GEAS) verschärft Deutschland seine Gesetze. Abschiebungen von abgelehnten Asylbewerbern und straffällig gewordenen Geflüchteten sollen beschleunigt werden.
- Änderungen im Staatsangehörigkeits- und Aufenthaltsrecht (2025–2026):Die zuvor diskutierten Ausnahmen für eine Einbürgerung nach bereits drei Jahren wurden bis Ende 2025 eingeschränkt. Die doppelte Staatsbürgerschaft wurde zwar ausgeweitet, jedoch werden wirtschaftliche Unabhängigkeit (kein Bezug von Sozialleistungen) und die Verpflichtung auf Grundwerte stärker betont.
- Integrationskurse:Diese bleiben für Neuankömmlinge ohne Deutschkenntnisse verpflichtend, jedoch wurde berichtet, dass es aufgrund des Migrationsdrucks ab 2026 zu Einschränkungen im Kursangebot kommen könnte.
- Abwanderung von Migranten:Studien zeigen, dass trotz des Arbeitskräftemangels etwa 21 % der akademischen Fachkräfte mit Migrationshintergrund Deutschland aufgrund von Diskriminierung oder langwierigen Integrationsdebatten verlassen haben oder dies planen.
„Erfolg erfordert Anstrengung und Spracherwerb“
Der zweite Redner, Dr. Aydın Sayılan, verglich die Bemühungen der Migranten aus der Türkei mit denen polnischer Bergleute, die im frühen 20. Jahrhundert in das Ruhrgebiet kamen. „Ich muss betonen, dass Integration nur durch einen gesellschaftlichen Konsens, gegenseitige Toleranz und die Anstrengung beider Seiten möglich ist. Deutschland ist ein Land der Möglichkeiten, aber Erfolg erfordert Fleiß. Der Schlüssel dazu liegt im Spracherwerb und in der sozialen Anpassung. Ich kam selbst mit 15 Jahren als Lehrling in dieses Land, habe studiert, bin als Beamter in den Ruhestand gegangen und habe es geschafft“, so Sayılan.
„Syrien ist derzeit ein dschihadistischer Sumpf“
Am letzten Tag des Seminars sprach der Journalist Adnan Aytaç über die jüngsten Kriege im Nahen Osten und die Angriffe auf den Iran. Aytaç erklärte: „Die USA wollen aufstrebende Mächte in dieser Region und weltweit blockieren. Um diese Entwicklung zu stoppen, haben sie ihre Militärausgaben massiv erhöht. Die Zerstörungszüge der USA und der NATO begannen im ehemaligen Jugoslawien, im Irak, in Afghanistan und Libyen, bevor sie sich Syrien zuwandten. Sie brachten Dschihadisten aus 80 Ländern nach Syrien. Das Land, in dem Massaker an Aleviten verübt wurden, ist heute ein dschihadistischer Sumpf. Syrien wurde durch Embargos erstickt. Das einzige verbleibende Hindernis war der Iran. Als die Huthi im Jemen Widerstand leisteten, wurde auch gegen den Jemen Krieg geführt. In diesem gesamten Prozess haben die Regierenden in der Türkei den Imperialisten gedient. Letztlich wurden massive Angriffe gestartet, um den Iran, der sich nicht beugt, zu vernichten. Dies entspricht in keiner Weise dem Völkerrecht. Die USA wollen zudem ethnische Minderheiten im Iran organisieren, um sie gegen das System aufzuwiegeln. Auch aus Aserbaidschan gibt es Erklärungen, die Israel unterstützen. Was auch immer die USA tun, sie werden ihre alte Hegemonie nicht wiedererlangen. Es ist eine Illusion zu erwarten, dass eine Mentalität, die Grundschulen zerbombt und in die ‚Epstein-Akten‘ verwickelt ist, Menschlichkeit oder Völkerfreundschaft bringt.“
„Wir haben aktuelle und wichtige Themen gewählt“
Der Moderator Birol Keskin bewertete das Seminar wie folgt: „Seminare sind Bildungs- und Diskussionsveranstaltungen, die unter der Leitung von Experten den Wissens- und Erfahrungsaustausch zum Ziel haben. Wir haben ein interaktives, produktives und angenehmes Seminar durchgeführt, bei dem die Teilnehmer Fragen stellen konnten. Wir hoffen, dass es eine bleibende Lernerfahrung bot. Ich danke allen, die teilgenommen und beigetragen haben.“
Das Seminar kam zu dem Schluss, dass Deutschland die Realität als „Einwanderungsland“ zwar akzeptiert hat, jedoch versucht, diese Migration „qualifizierter“ und „kontrollierbarer“ zu gestalten.
Die Veranstaltung endete mit der Beantwortung der Teilnehmerfragen. Im geselligen Teil am Samstagabend sorgte der Künstler, Chorleiter und FAD-Vorständler İsmet Kılıç mit seiner Saz (Langhalslaute) für musikalische Momente und sang gemeinsam mit den Teilnehmern wichtige Stücke der türkischen Volksmusik (Deyişler). Unter der Leitung der FAD werden İsmet Kılıç und sein Chor am 26. April in Duisburg bei einer Gedenkveranstaltung für Ruhi Su auftreten.