Von: Can Merey uellenangabe: HAZ
Shiwa R. hat Deutschland verlassen, um wieder zur Waffe zu greifen. In der Kurdenregion im Nordirak wartet sie auf den Moment, an dem ihre Einheit gegen das Regime in Teheran eingreifen könnte. Warum sie ihr Leben in Bayern aufgegeben hat.
Eine Wohnung in einer bayerischen Stadt, in der sie sich zu Hause fühlt. Eine Arbeitsstelle als Fluggerätmechanikerin, die sie als ihren Traumjob bezeichnet. Shiwa R. hat sich in Deutschland aus dem Nichts heraus ein neues Leben aufgebaut – das sie nun zurückgelassen hat, um in den Nordirak zu reisen und in den Krieg zu ziehen. Die aus dem Iran stammende Kurdin ist ausgebildete Peschmerga-Kämpferin und Mitglied der kurdisch-linken Komala-Partei. Ihr Feind: das Regime in Teheran. „Ich liebe mein Leben und meine Arbeit in Deutschland“, sagt die 31-Jährige. „Aber es ist meine Lebensmission, gegen diese Diktatur im Iran zu kämpfen.“
Details wie ihren Nachnamen oder ihren bayerischen Wohnort möchte Shiwa R. nicht veröffentlicht sehen. Das Treffen mit ihr findet in einem Café in der Stadt Sulaimaniyya statt. An den Tischen wird Wasserpfeife geraucht und Backgammon gespielt, doch der Frieden trügt. Das Militärcamp, in dem Shiwa gemeinsam mit anderen Kämpfern im Nordirak auf ihren Einsatz wartet, wird regelmäßig mit iranischen Raketen und Drohnen beschossen, für Reporter ist es nicht zugänglich. Auf ihrem Handy zeigt sie Fotos von der Zerstörung, die die Angriffe in ihrer Unterkunft im Camp hinterlassen haben: Die Fenster haben kein Glas mehr, das Badezimmer liegt in Trümmern. Zwei Tage nach dem Interview wird einer ihrer Kameraden bei einem Drohnenangriff getötet, ein weiterer verliert seinen Arm.
Shiwa könnte auch in einem hippen Café sitzen: Sie hat ein Nasenpiercing und ist geschminkt, trägt eine schwarze Lederjacke und ein schwarz-weißes Tuch um den Hals. Auf ihrem rechten Unterarm hat sie das kurdische Sprichwort „Der größte Name Gottes ist Brot“ tätowiert. Ihren linken Arm schmückt eine Nelke als Revolutionssymbol, an ihrem Handgelenk prangt der zentrale Slogan der Protestbewegung gegen das iranische Regime: „Jin, Jiyan, Azadî“ („Frau, Leben, Freiheit“). Ein weiteres Tattoo auf Englisch lautet: „Vergiss nie, dass du das Kind einer Nation bist, die einem Völkermord gegenüberstand.“
Auf einem Selfie aus ihrem Leben in Deutschland trägt sie ein T-Shirt mit dem Logo des Luft- und Raumfahrtunternehmens, für das sie in Bayern gearbeitet hat. Fotos aus ihrer Vergangenheit zeigen eine andere Seite: Auf einem Bild feuert sie aus einem Maschinengewehr. Auf einem anderen läuft sie mit Kameradinnen und Kameraden lächelnd eine Straße hinunter, im rechten Arm trägt sie ihr Sturmgewehr, an ihrer Uniform stecken Magazine. Shiwa gehörte damals zu den Peschmerga, die die Ölstadt Kirkuk gegen den Vormarsch der Terrormiliz IS verteidigten.
Drei Jahre im Kampfeinsatz
Shiwa sagt, im Iran habe sie ein Mädcheninternat besucht, sei aber vor dem Abschluss von der Schule geflogen. „Ich habe nicht am gemeinsamen Gebet teilgenommen“, erinnert sie sich. Auf ein Prüfungsblatt habe sie zudem auf kurdisch „Im Namen des Roten Sterns“ geschrieben. Ihr Vater habe sie 2012 in die Kurdenregion im Irak geschickt. Als sie volljährig wurde, habe sie sich von der Komala-Partei ausbilden lassen: Schießtraining, Erste Hilfe, politische Bildung. Drei Jahre lang habe sie als Peschmerga gekämpft. Bei einem Gefecht habe die Kugel eines IS-Scharfschützen sie um Haaresbreite verfehlt, die Patrone sei neben ihr in einer Wand eingeschlagen.
Schließlich habe sie sich im Jahr 2016 entschieden, nach Deutschland zu gehen und dort Asyl zu beantragen. „Ich hatte genug vom Krieg“, sagt sie. „Wir sind nicht dafür geboren, lebenslang zu kämpfen.“ In Deutschland macht Shiwa den Schulabschluss nach, sie wird Klassenbeste. Dann lässt sie sich zur Industriemechanikerin aus- und zur Fluggerätmechanikerin weiterbilden. „Ich liebe das deutsche Bildungssystem“, sagt sie. „Man kann sich ständig weiterbilden.“ Shiwa findet Arbeit und Freunde. „Aber egal, was ich gemacht habe: Ein Teil von mir war immer bei meiner Familie, dort, wo ich geboren wurde. Ich hatte Deutschland im Blick, aber meine Heimat im Herzen.“
Manchmal habe sie gedacht, sie habe mit den Konflikten aus ihrem früheren Leben abgeschlossen. „Aber immer, wenn es wieder eine Eskalation im Nahen Osten gab, wenn ich die Krisen in den Nachrichten gesehen habe, war ich in meinem Kopf wieder dort“, sagt sie. „Wenn man versucht, wegzuschauen, betrügt man sich selbst. Ich habe gemerkt, dass ich in zwei unterschiedlichen Welten lebe, die nicht zusammenpassen.“ Nachdem sie beschlossen habe, in den Nordirak zu reisen, habe sie die Sachen aus ihrer Wohnung in den Keller geräumt. „Ich habe zehn Jahre meines Lebens in Kartons gepackt. Ich hatte das Gefühl, dass ich nirgendwo Wurzeln habe.“
Tatenlos zuschauen sei angesichts der Eskalation im Iran aber keine Option gewesen. Im Nordirak habe sie sich bei ihrem alten Kommandeur gemeldet und sei wieder zu den Peschmerga gestoßen. Ob sie keine Angst habe? „Natürlich ist Krieg nichts, was ich mir wünsche. Aber man kämpft für etwas, das Bedeutung hat.“ Mehr als den Tod fürchte sie, verstümmelt zu werden.
Mehr Rechte für die Kurden
Die Komala-Partei bezeichnet sich selbst als sozialdemokratisch und fordert ein föderales System mit mehr Rechten für die kurdische Minderheit im Iran. Sie gehört zu einer Koalition aus insgesamt sechs iranischen Kurdenparteien im Nordirak, deren Kämpfer sich auf einen Einmarsch in den Iran vorbereiten – und die dabei auf die Unterstützung der USA und Israels hoffen.
„Ich war nie für Angriffe von ausländischen Streitkräften im Iran“, sagt Shiwa. Das habe sich nach den Protesten vom Januar geändert, bei deren Niederschlagung nach Angaben von Menschenrechtsgruppen Tausende Menschen getötet wurden. „Wir können das Regime nicht alleine stürzen“, sagt Shiwa. „Die Amerikaner spielen eine wichtige Rolle. Aber wir folgen nicht ihren Anordnungen. Wir entscheiden, wann die Zeit für unser Eingreifen ist.“
Nicht alle iranischen Kurden sind sich einig darüber, ob sie vom Regime befreit werden wollen – oder von den amerikanisch-israelischen Bombardements. Am Grenzübergang Bashmakh reisen Iraner in den Nordirak ein, um dort zu arbeiten oder Verwandte zu besuchen. Flüchtlinge finden sich an diesem Tag keine. Nur Lastwagen und Fußgänger dürfen die Grenze passieren. Taxen transportieren die Grenzgänger weiter. Die Straße führt durch sattgrüne Hügel, auf denen Schafe grasen. In der Ferne strecken sich die schneebedeckten Gipfel des Zagros-Gebirges in den Himmel.
„Wir haben kein Problem mit der Regierung“, sagt Mahmud Rahimi (45), der in einer Geflügelfarm auf der irakischen Seite arbeitet – wie alle Gesprächspartner hier will er seinen echten Namen nicht veröffentlicht sehen. „Die Wirtschaftslage im Iran ist nicht gut, aber wir bekommen jeden Monat Essensrationen.“ Der Staat versorge die Menschen mit Joghurt und Eiern, Fleisch und Reis, Öl und Zucker. „Wenn man das alles hat, warum geht man dann auf die Straße?“
Rahimi wiederholt die Propaganda des Regimes, wonach hinter den Protesten vom Januar die USA und Israel steckten. „Die Demonstranten sind einer Gehirnwäsche unterzogen worden.“ Die Angriffe der USA und Israels machten ihn wütend. „Wir wollen, dass sie mit den Bombardements aufhören.“ Aus seiner Heimatstadt Sanandaj seien rund die Hälfte der Menschen vor dem Krieg aufs Land geflohen – manche nähmen dafür sogar in Kauf, in Zelten leben zu müssen. „Die Städte sind leer.“
Der Messerschmied Qadir Karim hat Angst zu reden, selbst wenn er nicht mit seinem echten Namen zitiert wird. Aus seiner Unzufriedenheit mit den Verhältnissen im Iran macht der 48-Jährige zwar keinen Hehl, Schuldige will er aber lieber nicht benennen. „Seit der islamischen Revolution vor 47 Jahren sind die Preise nur gestiegen“, kritisiert er. „Niemand übernimmt dafür Verantwortung.“ Seit dem Krieg sei die wirtschaftliche Lage noch verheerender. „Alles hat mit dem Krieg aufgehört. Die Menschen kaufen nichts mehr, sondern suchen nur noch nach Lebensmitteln.“
Anders als Rahimi hofft der Arbeiter Saru Mohammadi (35) auf den Sturz des Regimes. In seiner Heimatstadt Marivan nahe der Grenze hätten die Amerikaner und Israelis inzwischen alle Stützpunkte der Sicherheitskräfte zerstört, sagt er. „Es sind keine militärischen Ziele mehr übrig.“ Die Regierung habe in seiner Stadt keine Macht mehr.
Unzureichende Ausrüstung
Shiwa sagt, noch sei das Regime in Teheran nicht geschwächt genug für einen Einmarsch der Peschmerga aus der Kurden-Allianz. „Jetzt reinzugehen wäre Suizid.“ Zumindest müsse vorher die iranische Luftwaffe außer Gefecht gesetzt werden. Auch die Ausrüstung der Peschmerga, die eigentlich für den Partisanenkampf ausgebildet seien, sei unzureichend. Shiwa ist überzeugt davon, dass die Lage noch weiter eskalieren wird. Das Regime greife nicht nur die iranisch-kurdischen Camps im Nordirak an, sondern habe Kopfgelder auf die Führer der Oppositionsparteien ausgesetzt.
Ihre Familie hat Shiwa nicht mehr gesehen, seit sie den Iran vor fast 15 Jahren verlassen hat. Ihre Eltern und ihre Geschwister würden wegen ihres Engagements vom Regime schikaniert, sagt sie. „Sie werden vom Geheimdienst vorgeladen, verhört und überwacht. Ich kann sie bis heute nicht direkt anrufen.“
Die Komala-Partei ist im Iran, aber nicht in Deutschland verboten. Den deutschen Behörden habe sie ihre Vergangenheit nie verschwiegen, sagt Shiwa. „Sie wissen, was ich gemacht habe.“ Wogegen sie sich allerdings immer gewehrt habe, sei das auch im Asylverfahren gezeichnete Bild von hilflosen, unterdrückten Frauen aus dem Nahen Osten, die Opfer seien. „So bin ich nicht.“
Inzwischen habe sie die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt, sagt Shiwa – denn Deutschland sei ihr inzwischen auch zur Heimat geworden. Der Abschied sei ihr daher nicht leichtgefallen und sei hoffentlich auch nicht auf Dauer. Ihre Wohnung habe sie vorsichtshalber nicht gekündigt, die Miete bezahle sie weiterhin. Auch ihre Pflanzen habe sie nicht weggegeben, um sie kümmere sich ein Freund. „Ich kämpfe für unterdrückte Völker“, sagt Shiwa. „Aber ich denke, dass ich nach dem Krieg wieder nach Deutschland zurückkehren werde.“
und Mitarbeit: Sardar Abdullah
Natürlich ist Krieg nichts, was ich mir wünsche. Aber man kämpft für etwas, das Bedeutung hat.
Shiwa R. Peschmerga-Kämpferin