Von: Cumali Yagmur
Ein junges Frau im Rollstuhl wollte aus dem Bus aussteigen. Es dauerte eine Weile, bis der Busfahrer den entsprechenden Knopf vorne drückte. Dementsprechend nahm auch das Aussteigen des Mädchens im Rollstuhl etwas Zeit in Anspruch. Eine ältere Frau fragte, ob sie aussteigen würden oder nicht; ich glaube, das Frau im Rollstuhl und ihre Begleitperson sprachen kein Deutsch. Als ich sie mit Handzeichen fragte, ob sie aussteigen wollten, nickten sie bestätigend.
Die ältere deutsche Frau drängelte jedoch immer noch, um in den Bus einzusteigen. Ein junger deutscher Mann sagte zu ihr: „Hast du denn gar kein Gewissen? Drängle nicht so, lass erst das junge Frau im Rollstuhl aussteigen, ihr könnt später einsteigen. Der Bus steht und der Fahrer möchte helfen.“ Die deutsche Frau log und sagte: „Sie haben nicht gesagt, dass sie aussteigen wollen.“ Daraufhin erwiderte ich: „Ich habe Ihnen doch gesagt, dass sie aussteigen wollen, und sie warten gerade auf den Fahrer.“
Die Frau ignorierte das und stieg in den Bus ein. Der junge deutsche Mann wurde furchtbar wütend auf sie, und die ältere Frau schrie ihn an. Ich wiederholte: „Es gibt keinen Grund zu schreien, entschuldigen Sie sich wenigstens.“ Die Frau ließ den schreienden jungen Mann und den Fahrer stehen, drehte sich zu mir um und fing an zu schreien: „Soll ich mich etwa bei dir entschuldigen? Warum sollte ich mich entschuldigen?“ Sie schrie mir alles Mögliche ins Gesicht, was ihr gerade einfiel. Im Bus öffnete niemand den Mund, alle hielten den Kopf gesenkt. Nicht ein einziger von ihnen sagte ein Wort; sie starrten nur teilnahmslos auf das Geschehen.
Der Fahrer kam schließlich und sagte zu der Frau: „Hören Sie auf zu schreien, sonst nehme ich Sie nicht mit, steigen Sie aus!“ Ich sagte zum Fahrer: „Lassen Sie sie mit uns mitfahren, vielleicht schämt sie sich und macht so etwas nie wieder. Wenn Sie sie rauswerfen, wäre das wie eine Erlösung für sie, weil sie draußen niemand kennt. Sie soll lieber mit uns mitfahren, damit sie sich wenigstens schämt.“
An meiner Haltestelle stieg die Frau hinter mir aus. Sie hatte eine Einkaufstasche in der Hand und stieß mich von hinten leicht mit der Tasche an. Ich drehte mich um und sagte: „Wenn Sie keine Frau wären, würde ich Ihnen auf Ihre eigene Art antworten. Aber Ihre Methode ist sehr primitiv, und ich werde mich nicht auf Ihr Niveau herablassen; nur weil Sie eine Frau sind, möchte ich schweigen. Gehen Sie Ihres Weges, Sie schämen sich immer noch nicht, Sie werden nicht einmal rot. Mein Rat an Sie: Egal wie alt man ist, man kann sich ändern, wenn man will. Haben Sie ein wenig Menschlichkeit; mit solchem Verhalten kommt man nicht weit. Ich wünsche Ihnen einen guten Tag“, und ging weiter.
Was mir besonders auffiel: Im ganzen Bus gab es keine einzige Person, die aufstand und „Zivilcourage“ zeigte, um „Ruhe jetzt“ zu sagen. Sie hörten dem Geschrei der Frau einfach nur zu. Wenn dort jemand sterben würde, würde wahrscheinlich niemand einen Mucks von sich geben. „Der Kapitalismus hat die Kultur der Solidarität in der Gesellschaft vollständig zerstört. Durch die Individualisierung der Menschen ist die Kultur des Egoismus bis in ihre tiefsten Schichten vorgedrungen. Somit ist das Phänomen, das man Solidaritätskultur nennt, verschwunden.“
Ist die Gesellschaft wirklich so gleichgültig geworden? Wie soll man mit dieser Gesellschaft in die Zukunft gehen? Jetzt verstehe ich besser, warum die AfD so hohe Wahlergebnisse erzielt; genau solche Leute bleiben gegenüber gesellschaftlichen Ereignissen gleichgültig und laufen dann dieser Gesinnung hinterher.
Man sollte etwas tun, damit die Gesellschaft wieder solidarisch miteinander ist , Sonst geht die Gesellschaft auseinander und Solidarität findet nicht statt.“