Religion und Rassismus als Bedrohung: Eine Rede von Abbas Khider

                                                                             Artikel von Abbas Khider/ FAZ

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Der Schriftsteller Abbas Khider floh 1996 aus dem Irak und bekam 2000 Asyl in Deutschland. Seit 2007 ist er deutscher Staatsbürger. © Andreas Pein

 Kriege, Krisen, Extreme. Die Welt brennt. Und ich halte eine Dankesrede. Sollte ich über Literatur sprechen oder über die Asche, die uns umgibt? Ursprünglich wollte ich über mein Verständnis von Literatur sprechen und hatte Ende Dezember bereits eine Rede vorbereitet. Doch etwas in mir widersetzte sich. Tagelang spukte mir ein Satz von Hannah Arendt im Kopf herum: „Es gibt keinen Bedarf mehr, die Vergangenheit zu verzaubern, die Gegenwart ist verhext genug.“ Also musste ich einen neuen Text schreiben.

Ich werde persönlich sprechen, aus der Perspektive der Widersprüche, aus dem Zustand des Dazwischenseins. Und ich beginne mit dem Exil.

Spreche ich über Literatur in Zeiten politischer Extreme, muss ich zurückblicken – auf die Jahre 1933 bis 1945. Damals verloren viele deutschsprachige ­Autoren nicht nur ihr Zuhause, sondern auch ihre Leserschaft. Bertolt Brecht beschrieb diese Erfahrung im Exil treffend: „Ich war ein Autor ohne Publikum.“

Das Exil als Tunnel ins Nichts

Diese Erfahrung habe ich selbst gemacht. Ich kämpfte nicht nur gegen die irakische Diktatur, sondern auch gegen die Schatten einer ungewissen Existenz in den arabischen Ländern. Das Exil war ein Tunnel, der ins Nichts führte. Man war ständig bedroht – durch die Gefahr, keinen Aufenthalt zu erhalten, keine Arbeit zu finden oder, wie es die ägyptische Regierung damals tat, einfach an die Grenze gesetzt zu werden mit den Worten: „Hau ab!“ In genau dieser Zeit veröffentlichte ich meine ersten Texte. Aus Libyen, wo ich eine Zeitlang weilte, schickte ich sie nach London, Paris, Beirut – dorthin, wo es arabische Exilzeitungen gab.

Das Exil formte mich als Autor. Ich wusste nicht, ob es überhaupt ein Publikum für Exilanten gab. Doch das Exil war nie nur Flucht. Es war auch ein Bewusstsein. Ein Zustand zwischen Verlorensein und Widerstand, ein ständiges Pendeln zwischen Fremde und Selbstbehauptung.

Mit meiner Ankunft in Deutschland begann ein neues Exil – nicht nur geographisch, sondern sprachlich. Der Wechsel vom Arabischen ins Deutsche war mehr als nur ein literarischer Schritt – er war ein Sprung ins Ungewisse. Die deutsche Sprache eröffnete mir neue Möglichkeiten, verlangte jedoch zugleich, alte Gewohnheiten aufzugeben und eine neue Stimme zu finden.

Manche Deutsche sahen meine Satiren als Angriff auf ihr Kulturgut

In einem satirischen Buch über meine Erfahrungen mit der deutschen Sprache nannte ich sie ein Ungeheuer, die Deklination eine Foltermethode. Ich erfand neue Grammatikregeln, um sie erträg­licher zu machen, und nannte meine Schöpfung augenzwinkernd „das wohltemperierte Deutsch“. Nicht jeder verstand meinen Humor. Für manche war meine Satire ein Angriff auf ihr Kulturgut. Manche drohten mir offen: Eines Tages würde man mich ausbürgern und endgültig abschieben – als wäre meine bloße Existenz eine Gefahr für die Reinheit ihrer heiligen Sprache.

Trotz aller humoristischen Annäherung an dieses Thema weiß ich, dass die Entscheidung gegen das Arabische in mir viel durcheinandergebracht hat. Oft habe ich das Gefühl, die beiden Sprachen säßen in mir wie entfremdete Geschwister – stumm, abgewandt, ohne Brücke zueinander.

Seit fast zwei Jahrzehnten schreibe ich auf Deutsch. Und doch weiß ich nicht, ob ich noch im Exil lebe oder längst ein Zuhause gefunden habe. Denn das Exil existiert nicht wirklich, und das Zuhause, das ich hier suchte, fühlt sich nicht wie eines an. Zwei Mauern trennen mich davon: die Religion auf der einen Seite, der Rassismus auf der anderen.

Die erste Mauer, die mich davon trennt, mich in Deutschland zu Hause zu fühlen: die Religion

Religion – ein Dilemma von solcher Komplexität, dass selbst Minenfelder und Frontgräben geradezu simpel erscheinen. Zu Beginn eine Klarstellung: Als ­Agnostiker ist mir die Gottesfrage gleichgültig. Wichtiger wäre mir sogar, endlich zweifelsfrei die Unterschiede zwischen Gurken und Zucchini zu verstehen. Ob Gott existiert oder nicht, verändert nichts an meinem Eintopf. Und doch werden Kriege geführt, als hinge der Geschmack der Welt von genau dieser Frage ab.

Immer wieder werde ich gefragt, warum ich mich nicht klarer positioniere – gegen den politischen Islam auf der einen Seite und gegen seine ideologische Verzerrung durch die Gegner auf der anderen. Die Wahrheit ist: Ich habe es längst getan – in beinahe jedem meiner Romane, wenn auch subtil.

Doch was den öffentlichen Diskurs betrifft, insbesondere die Islamkritik in deutschsprachigen Ländern und Frankreich, so bleibe ich zurückhaltend – nicht aus Feigheit, sondern aus Erkenntnis: Solche Diskussionen verderben nur die Laune. Und laufen ohnehin in festgelegten Bahnen.

Dieser Diskurs ist häufig tief in koloniale Narrative eingebettet, in denen der Islam als der ewige „Andere“ und als Bedrohung inszeniert wird. Manche Islamkritiker formulieren ihre Argumente so, dass sie weniger nach einer Auseinandersetzung mit Religion klingen, sondern nach einer Abschiebeliste. Debatten über Scharia, Dschihad oder Verschleierung bedienen oft stereotype Bilder – und liefern Rechtsextremen genau die Bestätigung, die sie suchen.

Wir brauchen eine sachliche Religionskritik

Dabei muss klar unterschieden werden zwischen berechtigter Kritik und ideo­logischer Verzerrung. Eine neutrale, sachliche Religionskritik, die sich auf universelle Prinzipien stützt, wie sie in der Philosophie oder in den Kulturwissenschaften zu finden ist, könnte den ­Islam in seiner ganzen Komplexität beleuchten. Doch viele Beiträge zur Islamkritik bleiben wenig produktiv. Sie schwanken zwischen Islamfeindlichkeit und ideologisch motivierter Kritik, die wenig mit Aufklärung zu tun hat. Sie regen weder zum Umdenken noch zur Veränderung an.

Auf der anderen Seite stehen islamische Extremisten, insbesondere bewaffnete Milizen, die jede Form von Kritik als Angriff auf ihre Werte und Identität verstehen. Ihre Reaktion ist nicht Argument, sondern Gewalt – eine Gewalt, die ironischerweise meist Muslime selbst trifft. Die Beispiele sind zahlreich: Afghanistan, Iran, die Schreckensherrschaft des Islamischen Staates in Syrien und im Irak.

Doch eines ist sicher: Gegen radikale islamische Strömungen müssen Muslime selbst aktiv werden. Sie müssen sich mit ihrer eigenen Religion auseinandersetzen – in der Kunst, in der Literatur, in der Philosophie, ja sogar innerhalb der islamischen Theologie selbst. Und genau das geschieht bereits. Es gibt mutige Stimmen, die sich der Herausforderung stellen, neue Wege zu denken.

Scheinlösungen von außen hingegen haben selten etwas bewirkt. Der Westen glaubte oft, Bomben könnten schnelle Lösungen erzwingen – doch die letzten Jahrzehnte haben bewiesen, dass sie meist nur Schutt und Asche hinterließen. Und noch mehr Extremsten. Afghanistan, Irak, Libyen – der immer gleiche Zyklus aus Zerstörung, Chaos und neuem Fanatismus.

Dieses Dilemma ist mächtig. Wer sich zwischen westlichen ideologischen Denkmustern und islamischen Extremisten bewegt, gleicht einem Akrobaten auf einem gespannten Seil. Ein falscher Schritt, und der Sturz ist gewiss. Man muss Balance halten, den Blick schärfen, den Kopf klar bewahren – während man wortwörtlich in der Luft hängt, bedroht von Abgründen auf beiden Seiten.

Die zweite Mauer, die mich davon trennt, mich in Deutschland zu Hause zu fühlen: der Rassismus

Wenn ich die Religion beiseite lasse, stehe ich vor einem Feuer, das sich unaufhaltsam ausbreitet, dem Rassismus. Dieser alte, neu maskierte Rassismus wächst nicht plötzlich, sondern schleicht sich ein, lautlos und unsichtbar, durch Gedankenmuster, die nie hinterfragt wurden.

Er beginnt in der tief verwurzelten Wahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft davon, was ein Migrant sei – jemand, der „anders“ aussieht. Ein Mensch, der allein durch seine Andersartigkeit niemals ganz „im Kern“ wie „wir“ sein kann.

Hier sind Trennlinien nötig: Weiße Migranten und Ausländer sind eine andere Kategorie. Hier geht es um die Schwarzen, die Personen of Color, oder, Gott bewahre, um Muslime. Sie sind keine Randfiguren der Migration, sie sind die Mehrheit. Sie sind die, die der Rechts­radikalismus als „Eroberer“ und „Zerstörer“ brandmarkt – die, die er eines Tages „remigrieren“ – sprich: vertreiben – oder auf offener Straße anzünden würde. Sie sind das ewige Talkshow-Thema, über das alle reden. Doch niemand fragt, wer sie wirklich sind.

Der Begriff „Migrant“ enthält alles und nichts zugleich. Er erleichtert das Reden, ohne je genau benennen zu müssen. Doch für die Betroffenen reicht bloße Anpassung nicht. Was dann? Die Antwort bleibt unklar. Es scheint, als erwarte man von ihnen nicht bloß Anpassung, sondern eine metaphysische Transformation – eine Wiedergeburt in einem neuen kulturellen Körper. Aus „Mensch“ wird „Mensch“, der hofft, als „Mensch“ gesehen zu werden. Hier geboren, gestrandet oder auf Durchreise – das spielt keine Rolle. Entscheidend ist die Differenz. Eine präzise Definition? Überflüssig. Migrant: jemand, der anders aussieht. Punkt. Ein Satz, der alles sagt – oder nichts.

Gleichheit wird nur beschworen, nicht geboten

Man könnte einwenden: Aber alle sind doch gleich vor dem Gesetz! Schön wär’s. Freiheit und Gleichheit – die Grundpfeiler der Demokratie – tragen ungleich schwere Lasten. Über Freiheit wird überall gesprochen, von rechts bis links, doch meist im Spiegelbild der Mehrheitsgesellschaft. Gleichheit hingegen bleibt unsichtbar. Sie verschwindet aus Debatten, aus Programmen, aus Köpfen – als wäre sie so peinlich wie eine lange Unterhose im Winter: Jeder braucht sie, doch niemand gibt es zu. Es ist kein Schein, sondern Gewissheit: Die Gleichheit selbst ist auf der Flucht. Verfolgt, selbst von Demokraten, durch ideologische Hinter­türen hinausgedrängt. Sie bleibt gefangen: in den Blicken, in sichtbaren Unterschieden, in einem Farbton, in einem Namen, der fremd erscheint.

Und so dreht sich das Rad weiter. „Wir sind alle gleich“, flüstert man sich zu – während zugleich unsichtbare Grenzen gezogen werden: Menschen hier, Migranten dort. Die Menschlichkeit wird an Migranten nur verliehen – wie ein Buch aus einer Bibliothek, jederzeit rückgabepflichtig.

Und was verbindet all diese so unterschiedlichen Menschen, die unter dem Sammelbegriff „Migrant“ auf eine einzige Kategorie reduziert werden? Der Blick von außen. Ein Blick, der mehr über die Ängste und Projektionen der Beobachter verrät als über die Realität der Beobachteten. Und so steht er da, der Migrant: ein wandelndes Paradoxon, ein Wesen, das sich selbst nicht definieren kann, weil es stets von anderen definiert wird.

Philosophen könnten es nicht treffender formulieren: Der Migrant ist die perfekte Metapher für die Philosophie selbst – ein ewiges Fragen ohne klare Antwort. Rätselhaft. Und doch allgegenwärtig. Jedes Mal, wenn ich darüber nachdenke, kehre ich zum selben Schluss zurück: Integration ist ein Labyrinth ohne Ausgang, ohne Schilder, ohne Karte, ohne Navi. Einmal darin gefangen, irrt man endlos umher – ohne Weg zurück, ohne Ziel voraus.

Die Nahrung des Faschismus

Wie überlebt man in einem System aus Paradoxien? Ein Mensch, der unablässig kämpft – nur, um als Mensch gesehen zu werden. Ständig bedroht, herausgeschrien, hinausdefiniert. Dieses Dilemma ist alt. Für mich keine Überraschung. Zwei Jahrzehnte, und niemand wollte es hören – belächelt als Märchenerzähler, abgetan als Übertreiber.

Warum also die Überraschung darüber, dass Faschisten immer stärker werden? Migrantendebatten waren und sind Futter für den Rassismus. Und Rassismus war schon immer der Bodennahrung des Faschismus. Wer die Würde der Menschen an Bedingungen knüpft – oder gar vergisst –, sollte sich nicht wundern, wenn bald die eigene Würde infrage steht.

Es beginnt immer mit den „Fremden“. Sind sie erst abgefertigt, rücken die Nächsten ins Visier – die Schwächeren, die Schutzlosen. Weiße Migranten, Homosexuelle. Andere Minderheiten. Ein altes Muster, unverkennbar: Die Jagd verlangt immer nach einem neuen Sündenbock, um sich zu nähren, um Macht zu erhalten.

Auch wenn ich Adorno zustimme, dass es wenig bringt, den Humanismus als bloße Abwehr gegen den Rechtsradikalismus in Stellung zu bringen, halte ich ihn nicht für eine Gegenwehr, sondern für eine Erinnerung an die richtige Seite. Gleichheit und Freiheit sind die tragenden Säulen der Demokratie. Ohne sie fallen wir – und der Rechtsradikalismus tritt uns nieder. Faschistische Weltanschauungen verlieren ihre Macht, wenn Weltschmerz, Universalität und der mensch­liche Blick ihren Platz zurückerobern – als gelebte Ideale, die alle betreffen. Rassismus verschwindet nicht durch Worte, sondern erst, wenn Würde und Gleichheit keine Phrasen mehr sind – sondern

Was die Welt der Literatur von der übrigen unterscheidet

Mitten in dieser komplexen Welt lebe und arbeite ich. Auch als Autor galt es, zahllose Hindernisse zu überwinden – oft absurder in ihrer Kleinheit als unüberwindbare Berge. Der Literaturbetrieb ist kein fremder Kosmos, sondern eine Miniatur der Gesellschaft mit Machtstrukturen, stillen Ausschlussmechanismen, unsichtbaren Mauern. Und doch hatte ich Glück, mich in dieser Welt der Literatur zu bewegen, denn sie bleibt im Kern ein Ort der Offenheit. Genau diese Offenheit hat mich immer weitergetragen.

Mit dem Berliner Literaturpreis trägt sie mich noch weiter. Diese Auszeichnung verbindet mich mit Berlin – der Stadt, in der mein Kind geboren wurde. Mein Dank gilt allen, die das ermöglicht haben, und allen, die diesen Moment mit mir teilen.

Und an diejenigen, die dieses oder ­jenes Unbehagen verspüren: Ideologien scheitern, weil sie Mauern errichten, während der Humanismus Brücken baut. Diese Brücken mögen schwanken, sie mögen unter der Last der Zweifel zittern, aber sie tragen uns über Abgründe hinweg, hin zu einer Welt, in der Vielfalt keine Bedrohung, sondern eine Notwendigkeit ist. Die Geschichte lehrt uns: Mauern fallen, Brücken, die auf Menschlichkeit gebaut sind, bleiben bestehen. Immer.

Am letzten Ort der Zwischentöne

Und am Ende? Was bleibt?

Was bleibt, ist die Literatur. Was bleibt, ist das Wort. Nicht als Flucht, nicht als Rückzug, sondern als der einzige Ort, an dem der Mensch die Welt immer wieder neu verhandeln kann. Die Literatur ist kein Archiv von Antworten, sondern ein Raum der unaufhörlichen Fragen. Ihre Schönheit liegt darin, dass sie sich nicht vereinnahmen lässt – nicht von Ideo­logien, nicht von Identitäten, nicht von den Wellen der Zeit. Sie ist weder Heimat noch Exil, sondern das Dazwischen – ein Schwebezustand, in dem das Denken frei wird.

Wer schreibt, verlässt das Sichtbare und betritt das Ungewisse. Schreiben bedeutet, mit Licht und Schatten zu verhandeln – ein Diebstahl an der Realität, ein Spiel mit der Möglichkeit, dass alles auch anders sein könnte.

In einer Welt, die nach schnellen Wahrheiten verlangt, bleibt die Literatur der letzte Ort der Zwischentöne. Sie darf sich nicht hergeben für Parolen, nicht gefangen sein in den Grenzen eines einzigen Horizonts.

Jede Geschichte ist eine Form des Widerstands – nicht gegen eine konkrete Macht, sondern gegen das Erstarren des Denkens. Ein Buch kann keine Revolution auslösen, aber es kann den einen Satz enthalten, der in einem Menschen etwas verschiebt. Vielleicht nicht sofort, vielleicht erst Jahre später, vielleicht nie – aber die Möglichkeit allein genügt.

Deshalb schreibe ich weiter. Deshalb bin ich heute hier. Das ist kein feierliches Fazit, kein Punkt am Ende eines Satzes – eher eine Fortsetzung in der Schwebe. Denn Literatur endet nicht mit dem letzten Wort. Sie beginnt erst, wenn sie gelesen wird.

Abbas Khider, geboren 1973 in Bagdad, hielt diese Rede am vergangenen Mittwoch als Dank für die Verleihung des Berliner Literaturpreises. Zuletzt erschien von ihm der Roman „Der Erinnerungsfälscher“ (Hanser).