Rassismus-Erfahrungen in Deutschland weit verbreitet

                       Artikel von dw.com

Gut die Hälfte aller Menschen in Deutschland, die sich ethnischen oder religiösen Minderheiten zugehörig fühlen, erlebt regelmäßig rassistische Diskriminierung. Das geht aus einer aktuellen Studie hervor.

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Dass Menschen wegen ihres Glaubens oder ihrer Hautfarbe benachteiligt werden, kommt relativ häufig in Deutschland vor © Dwi Anoraganingrum/Panama Pictures/picture alliance

Vor allem muslimische Frauen und schwarze Menschen berichten über besonders subtile Diskriminierung im Alltag. Das sind die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung für die aktuelle Ausgabe des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors.

61 Prozent der muslimischen Frauen gaben bei der Befragung zwischen August 2024 und Januar 2025 in Deutschland an, sich binnen eines Jahres mindestens einmal im Monat diskriminiert zu fühlen. Ähnlich hoch war der Anteil bei schwarzen Menschen: Laut Studie berichteten 62 Prozent der schwarzen Männer und 63 Prozent der schwarzen Frauen, in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal pro Monat Alltagsdiskriminierung erfahren zu haben. In mehr als vier von fünf Fällen war ihrer Einschätzung zufolge die Hautfarbe der Grund für die Diskriminierung.

Diskriminierung auch wegen des Geschlechts, Alters ...

Auch 32 Prozent der Menschen, die nach eigener Einschätzung von ihrem Gegenüber nicht als Angehörige ethnischer Minderheiten wahrgenommen werden, erlebten binnen eines Jahres mindestens einmal pro Monat Diskriminierung - etwa wegen ihres Geschlechts, ihres Alters oder anderer Merkmale beziehungsweise Zuschreibungen.

In der Gruppe der Deutschen mit Migrationshintergrund wird die Wahrnehmung als "nicht deutsch" als häufigste Diskriminierungsursache genannt. Einen Migrationshintergrund haben nach der Definition des Statistischen Bundesamtes alle Menschen, die bei der Geburt nicht die deutsche Staatsangehörigkeit hatten, sowie jene mit mindestens einem Elternteil, auf den dies zutrifft.

Betroffene verlieren Vertrauen in staatliche Institutionen

Betroffene haben laut Monitor nicht nur ein erhöhtes Risiko für psychische Belastungen, vor allem bei regelmäßigen Diskriminierungserfahrungen. Sie verlieren darüber hinaus in erheblichem Maße Vertrauen in staatliche Institutionen, wie es hieß.

Laut Untersuchung sind 23 Prozent der deutschen Bevölkerung der Ansicht, ethnische und religiöse Minderheiten stellten zu viele Forderungen nach Gleichberechtigung. 22 Prozent der rund 9500 Befragten im Alter zwischen 18 und 73 Jahren vertraten zudem die Meinung, diese Minderheiten hätten in den vergangenen Jahren wirtschaftlich mehr profitiert als ihnen zustehe.

Verbände fordern Stärkung der Zivilgesellschaft

Zum Internationalen Tag gegen Rassismus an diesem Freitag drängen die Hilfswerke Diakonie Deutschland und "Brot für die Welt" auf eine Stärkung des zivilgesellschaftlichen Engagements. Das sei notwendig in einer Zeit, "in der nationalistische und menschenverachtende Rhetorik weltweit zunimmt", teilten Diakonie und "Brot für die Welt" gemeinsam mit.

Diakonie-Präsident Rüdiger Schuch bedauerte, dass das Demokratiefördergesetz in der zu Ende gehenden Legislaturperiode nicht mehr verabschiedet worden sei. "Es wäre eine wesentliche Grundlage gewesen, um Maßnahmen zur Extremismusprävention nachhaltig zu fördern und demokratische Werte wie Gleichheit, Gerechtigkeit und die allgemeine Achtung der Menschenrechte zu stärken", sagte er. Die neue Bundesregierung solle diese Gesetzesinitiative auf den Weg bringen.

"Neue Regierung muss für menschenwürdige Migrationspolitik eintreten"

Auch Dagmar Pruin, Präsidentin der Diakonie Katastrophenhilfe und von "Brot für die Welt", äußerte die Erwartung an die neue Regierung, dass sie "sich gegen den weltweiten nationalistischen Trend stellt und für universelle Werte, internationale Zusammenarbeit und eine menschenwürdige Migrationspolitik eintritt". Die nächste Regierung solle sich auch dem Schutz der weltweiten Zivilgesellschaft verschreiben.

Der Nationale Diskriminierungs- und Rassismusmonitor wird vom Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (Dezim) erstellt und durch das Bundesprogramm "Demokratie leben!" des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert. Die empirische Forschung des Monitors legt nach Auskunft des Autorenteams auch deshalb einen besonderen Fokus auf die Erfahrungen der von Rassismus Betroffenen, damit diese nicht als "persönliche Anekdoten" banalisiert werden.

pg/se (dpa, kna, epd, afp)