Kaum etwas aus der Geschichte gelernt“ – Friedman beklagt deutsche Erinnerungskultur
Von Welt
Moderator Michel Friedman prangert vor dem Holocaust-Gedenktag die Erinnerungskultur in Deutschland an. Wenn er heute „Wehret den Anfängen“ höre, könne er nur antworten: „Welche Anfänge? Wir sind längst mittendrin.“
Michel Friedman war von 2000 bis 2003 stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland picture alliance/NurPhoto/Ying Tang
Vor dem 80. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz hat der Publizist Michel Friedman die Erinnerungskultur in Deutschland bemängelt. Diese sei ein schwarzes Loch, sagte Friedman dem „Tagesspiegel“.
„Darin gibt es helle Punkte von den Millionen, die sich um Erinnerung bemühen, Stolpersteine verlegen. Aber es gibt auch die Millionen, die die Erinnerungskultur umdrehen in ein furchtbar braunes Loch: Da werden Täter zu Opfern gemacht, da wird nur von den Bombenangriffen der Alliierten erzählt.“
riedman kritisierte: „Allein die Tatsache, dass nur 0,5 Prozent aller, die in KZs Schuld auf sich geladen haben, vor ein Gericht gekommen sind. Allein die Tatsache, wie die alten Nazis reingeschleust wurden in Verwaltung, BND, Politik, Polizei, in Elitefunktionen. Das ist die deutsche Erinnerungskultur.“
Wenn er heute höre „Wehret den Anfängen“, könne er nur antworten: „Welche Anfänge? Wir sind längst mittendrin. Weil wir kaum etwas aus der Geschichte gelernt haben. Das ist sehr schmerzlich.“
Friedman kritisiert im „Tagesspiegel“ auch, dass Deutschland bis Ende des 20. Jahrhunderts keinen eigenen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus hatte. „Bis weit in die 90er-Jahre gab es kaum Initiativen, jüdische Überlebende der Konzentrationslager anzuhören“, so Friedman.
Sowjetische Soldaten hatten das Vernichtungslager Auschwitz am 27. Januar 1945 befreit. Der Tag ist seit 1996 nationaler Holocaust-Gedenktag.