Frankfurt University of Applied Science: Kampagne gegen Antisemitismusforscherin


Die an der Frankfurter Hochschule lehrende Antisemitismusforscherin war seit Donnerstag zur Zielscheibe einer Hetzkampagne geworden. In einem Studentenchat wurde ihr zionistische Propaganda vorgeworfen, verbunden mit dem Aufruf, ihre Seminare zu meiden. Später wurde ihre Telefonnummer herumgeschickt. Zwei Posts können nach Auffassung der Hochschulleitung als direkte Bedrohung verstanden werden. Die Hochschule will sie juristisch prüfen.
Die Polizei muss Bernsteins Vortrag schützen
Wenig später kündigten die Gruppierungen Students for Palestine und Palästina e.V. einen Infostand vor dem Konferenzgebäude an, aus dem wohl eine Demonstration hervorgehen soll. Auch ihr Aufruf war mit einer namentlichen Attacke auf Bernstein verbunden, der ohne jeden Beleg vorgeworfen wird, eine Antisemitismus-Definition zu vertreten, die Kritik an israelischer Siedlungs- und Besatzungspolitik als rassistisch brandmarke.
Gemeint ist die Definition der International Holocaust Remembrance Alliance, auf die sich auch die deutsche Hochschulrektorenkonferenz verpflichtet hat. Sie verurteilt Doppelstandards und Dämonisierung in Bezug auf Israel und lässt für die Kritik an israelischer Siedlungs- und Besatzungspolitik breiten Raum. Am Ende ist es der Polizei zu verdanken, dass Bernstein ihren Vortrag gefahrlos halten kann.
Manche steigen aus Furcht auf Online um
Zuvor haben die Aktivisten ihre Thesen noch einmal bestätigt. Bernstein hatte nach dem 7. Oktober ein Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender in Deutschland, Österreich und der Schweiz mitbegründet in Reaktion auf den dramatischen Anstieg der Judenfeindlichkeit seit dem Massaker der Hamas. Der Hass, die Hetze und die subtilen Anfeindungen, die Juden an den Hochschulen entgegenschlagen, dokumentiert Bernstein in ihrem Vortrag in niederschmetternder Ausführlichkeit.
Redner würden eingeladen, die – wie übrigens auch manche Mitglieder von Students for Palestine und von Palästina e.V. – die Hamas verteidigten oder glorifizierten, Terrorsymbole und NS-Vergleiche an die Wände geschmiert, Porträts von Hamas-Geiseln abgerissen. Vielerorts komme es zu Mobbing, mancherorts flögen die Fäuste. Die Folge sei, dass viele Juden an den Hochschulen ihr Judentum versteckten. Nach einer internen Umfrage des Netzwerks sind es 76 Prozent. Viele wünschen sich laut der Umfrage dauerhafte Polizeipräsenz auf dem Campus und Zugangskontrollen. Manche, wie Bernstein selbst, sind aus Furcht vor Anfeindungen auf Online-Lehre umgestiegen.
Nun ist das Netzwerk noch zu klein, um aus den Zahlen weitreichende Schlüsse zu ziehen. Sie stehen jedoch in erstaunlich deutlichen Gegensatz zu dem zuletzt zu beobachtenden Versuch, das Geschehen zu entdramatisieren und antisemitische Eskalationen auf wenige Hochschulen zu beschränken. Julia Bernstein kritisiert im Gespräch, dass es dazu keine verlässliche Forschung gebe. Eine oft herangezogene Studie der Universität Konstanz, nach der judenfeindliche Einstellungen an Hochschulen nicht übermäßig verbreitet sind, erfasse den israelbezogenen Antisemitismus nicht angemessen. Es brauche nun wohl Polizeischutz, um gewisse Formen des Antisemitismus zu erforschen, sagt Bernstein.
Vor dem Hörsaalgebäude sucht Hochschulpräsident Kai-Oliver Schocke derweil das Gespräch mit den Aktivisten. In der Sache bleibt er hart, aber die Folgen sind unklar. Die Demonstration am Nachmittag müsse die Hochschule genehmigen, sagt er. Aber nicht nur das Netzwerk der jüdischen Hochschullehrenden vermisst bislang eine klare Positionierung der Hochschule zu dem Angriff auf Julia Bernstein.