Die Mauer der Furcht ist überwunden

                Artikel von Can Dündar/ FAZ

 

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                                            Sie wollen Demokratie und eine Zukunft: Demonstrierende Universitätsstudenten in Istanbul am 27. März © dpa

Mein Sohn ist dieses Jahr dreißig geworden. Seit er denken kann, wird das Land von Erdoğan regiert. Mein Sohn und seine Generation sind damit aufgewachsen, täglich im Fernsehen dasselbe Gesicht zu sehen, dieselbe Stimme zu hören. Das Gesicht ist mit den Jahren immer angespannter, verdrießlicher geworden, und die Stimme schlägt immer öfter in ein wütendes Bellen um.

Je mehr sich Erdoğans Machtbefugnis ausdehnte, umso enger wurde der Freiheitsraum der Jugend. Die jungen Leute haben immer einen „großen Bruder“ über sich, der sich in alles einmischt und ihnen sagt, was sie anziehen, in welchem Alter sie heiraten, wie viele Kinder sie bekommen sollen. Von den 13 Millionen jungen Menschen in der Türkei verfügt über die Hälfte über kein eigenes Zimmer, jeder Vierte muss neben Schule oder Studium arbeiten. Was den Anteil der jungen Menschen angeht, die weder in Ausbildung stehen noch eine Arbeit haben, nimmt die Türkei mit zweiundzwanzig Prozent in Europa einen traurigen Spitzenplatz ein.

Die Unzufriedenheit mit dem ideologischen, kulturellen und wirtschaftlichen Druck hat sich 2013 in den Gezi-Protesten entladen. Der größte Aufstand in der Geschichte der türkischen Republik wurde von Erdoğan als „Plünderei“ denunziert und blutig niedergeschlagen. Daraufhin setzte eine Abwanderungswelle junger Talente ein. Drei von vier jungen Türken würden am liebsten ins Ausland gehen. Die Türkei schien keine Hoffnung mehr zu haben. In diesem Klima der Ausweglosigkeit ist der „İmam­oğlu-Aufstand“ losgebrochen. Entzündet hat er sich an einem Diplom. Erdoğan, der sich selbst lange des Vorwurfs erwehren musste, er besitze kein Hochschuldiplom, aber hemdsärmelig mit dem Slogan „Wir haben eine Jugend“ auftrat, wollte seinen Rivalen daran hindern, gegen ihn anzutreten, indem er behauptete, jener habe keines erworben.

İmamoğlu hat 1994 an der Universität Istanbul einen Hochschulabschluss gemacht, hatte aber sein Studium an der Universität Girne auf Zypern begonnen. Sobald deutlich wurde, dass er als Präsident­schaftskandidat der Opposition auftreten würde, wurden Ermittlungen gegen ihn eingeleitet. Eine zielte darauf ab, seinen Universitätswechsel als unrechtmäßig und sein Di­plom so als ungültig darzustellen, sodass ihm eine Kandidatur unmöglich sei. Als die Universität Istanbul es am 18. März tatsächlich für ungültig erklärte, wuchs die Krise an. Dass es möglich war, per Anweisung von oben ein seit dreißig Jahren gültiges Diplom per Federstrich zu entwerten, brachte für die Jugend das Fass zum Überlaufen. Während der Proteste war auf einem Plakat zu lesen: „Von wegen ein Visum kriegen, nicht mal dein Diplom ist noch sicher“.

 

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                                              In Deutschland im Exil: der Journalist und Dokumentarfilmer Can Dündar © dpa

In einem Land, in dem man sowieso keine Arbeit findet und auf keinen grünen Zweig kommt, und aus dem man eigentlich weg möchte, schien es plötzlich nicht mal mehr einen Sinn zu haben zu studieren. Die „Kinder der Plünderer“ drängten vom Unicampus auf die Straße. Am folgenden Tag beging die Regierung einen zweiten schweren Fehler: İmamoğlu wurde wegen des Verdachts auf Korruption und Terrorismus verhaftet. Der Plan lag auf der Hand: Erdoğan wollte mit einem Schlag seinen schärfsten Rivalen aus dem Weg räumen und die Stadtverwaltung Istanbuls übernehmen, die er durch Wahlen nicht hatte erobern können. Als nächstes sollte die größte Oppositionspartei an die Reihe kommen.

Die Verhaftung İmamoğlus war der Funke, der das Pulverfass entzündete. Die sozialdemokratisch geprägte Oppositionspartei CHP, die bis dahin aus Furcht vor Provokationen zurückhaltend agiert hatte, rief nun ihrerseits zu Demonstrationen auf. Plötzlich waren landesweit auf Straßen und Plätzen Millionen von Menschen unterwegs. Vom Parteivorsitzenden Özgür Özel, der bislang für seine passive Haltung gegenüber dem staatlichen Druck kritisiert wurde, waren auf einmal schärfere Töne zuhören.

Zur Verteidigung der Istanbuler Stadtverwaltung verlegte Özel sein Büro von Ankara nach Istanbul, schlug sein Bett im Rathaus auf und sprach Abend für Abend zu den Zehntausenden von Menschen, die sich davor versammelten. Diese Entschlossenheit führte dazu, dass Erdoğan einen Schritt zurücktat und die Beschuldigung des Terrorismus, aufgrund der die CHP die Istanbuler Stadtverwaltung hätte aufgeben müssen, nun doch fallenließ. Das harte Eingreifen der Polizei hingegen schüchterte die Demonstranten nicht ein, sondern die Zahl der Teilnehmer erhöhte sich sogar noch.

Können die Proteste etwa wie in Serbien zu einem Regierungswechsel führen? Schwer vorstellbar, wenn man bedenkt, wieviel Macht Erdoğan in Händen hält. Bestimmt aber sitzt er nicht mehr so seelenruhig in seinem Palast wie früher. Die Mauer der Furcht, hinter der sich jeder Autokrat verbirgt, ist nämlich überwunden. Und auf den Campusgeländen wird nun ein Lied gesungen: „Keine Angst, Sultan, zier dich nicht, wir haben eine Rechnung offen, komm raus und stell dich uns.“

Aus dem Türkischen von Gerhard Meier.

Der türkische Journalist und Dokumentarfilmer Can Dündar wurde wegen einer Reportage über illegale Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an Syrien inhaftiert. Seit 2016 lebt er im Exil in Deutschland und ist Chefredakteur des von ihm in Berlin gegründeten Webportals #Özgürüz.