IS-Frauen aus Deutschland mit ihren Kindern weiter inhaftiert
Berlin. Noch immer befinden sich Frauen aus Deutschland mit ihren Kindern in kurdischen Gefängnislagern Nordsyriens. Sie wurden schon vor Jahren als Anhängerinnen der Terrormiliz IS festgesetzt - und gelten als extrem radikalisiert.
Die aktuellen Kämpfe in Syrien sind zwar mehrere hundert Kilometer vom bekanntesten Gefangenenlager für Anhänger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), Al-Hol, entfernt. Doch kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Vormarsch islamistischer Aufständischer in Syrien zunächst auf die zweitgrößte Stadt des Landes, Aleppo, und nun auf Hama, die viertgrößte Stadt, eine Kettenreaktion auslöst. Schließlich sind es die schwersten Kämpfe seit Jahren im syrischen Bürgerkrieg, wo die Fronten seit 2020 weitgehend eingefroren waren.
Gekämpft wird derzeit vor allem im Nordwesten des arabischen Landes, die Camps mit IS-Gefangenen sind wiederum ganz im Osten unter kurdischer Aufsicht. Bislang wird rund um Al-Hol nicht gekämpft. Nach Angaben der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen sind wegen der jüngsten Eskalation aber Tausende von Binnenvertriebenen kürzlich nach Nordostsyrien geflohen. Teams prüften derzeit die Lage, um den Bedürftigen Hilfe zukommen zu lassen. Auch im Lager Al-Hol leistet die Organisation Unterstützung.
Zur Geschichte der Gefangenencamps: Auf dem Höhepunkt ihrer Macht beherrschte der IS etwa ein Drittel Syriens und 40 Prozent des Iraks. Damals sind auch Deutsche in die Region gereist, um sich den Extremisten anzuschließen. Ein internationales Militärbündnis konnte zusammen mit lokalen Kräften 2019 die Dschihadisten aus den letzten von ihnen kontrollierten Gebieten vertreiben. Zehntausende IS-Anhänger aus aller Welt sind seither im Nordosten Syriens inhaftiert.
Wie am Mittwoch aus dem Auswärtigen Amt verlautete, hat die Bundesregierung „Kenntnis von einer niedrigen zweistelligen Zahl an Frauen mit ihren Kindern mit Deutschlandbezug, die sich derzeit noch in Lagern in Nordost-Syrien aufhalten“. Weiter hieß es: „Eine Rückholung von Frauen und deren minderjährigen Kindern ist nur möglich, wenn die Betroffenen dies wollen.“ Menschen mit Deutschlandbezug sind neben deutschen Staatsbürgern auch solche, die enge familiäre Beziehungen zu Deutschen oder hierzulande einen festen Wohnsitz haben. Bislang sind rund 80 Kinder zusammen mit mehr als zwei Dutzend Frauen aus dem Gebiet zurückgeholt wurden.
Allein im Al-Hol-Camp werden nach wie vor Zehntausende Menschen festgehalten - dort überwiegend Frauen und Kinder. Viele haben einst im sogenannten IS-Kalifat gelebt und sind überzeugte Dschihadistinnen. Laut Anita Starosta, Nordsyrien-Expertin der Hilfsorganisation medico international, sind die Inhaftierten eine große Belastung für die Kurden. Deutschland und die anderen europäischen Staaten sollten endlich die Inhaftierten, die aus Europa kommen, zurückholen, sagte sie unserer Redaktion. „Die dort festgehaltenen IS-Angehörigen – Männer wie Frauen – sind derart radikalisiert, dass sie ein großes Sicherheitsrisiko für die Region bedeuten.“
Diese Situation macht auch der Minderheit der Jesiden im Nordirak Sorgen - wo es im Jahr 2014 bereits zum Völkermord des IS an der Religionsgruppe kam. Der Vorsitzende des Zentralrats der Jesiden (auch: Êziden) in Deutschland, Irfan Ortac, berichtete unserer Redaktion über die Sorge der dortigen Gemeinden, dass wieder Kämpfe ausbrechen und dschihadistische Gruppen einmarschieren könnten. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Kurden das Al-Hol und andere Gefangenenlager aufgeben.“ Das gelte gerade dann, wenn sie von der Türkei und syrischen Milizen angegriffen würden. „Dann sind gefährliche IS-Kämpfer wieder auf freiem Fuß.“