Imamoglu-Verhaftung: deutsch-türkische Community gespalten

                               Artikel von Oliver Piepe/ WD(Deuttsch)

Einige Deutschtürken gehen gegen die Verhaftung von Istanbuls Bürgermeister Imamoglu auf die Straße, andere spenden den Ereignissen in der Türkei kaum Beachtung. Der Riss verläuft auch quer durch das Ruhrgebiet.

 

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Demonstration in der Essener Innenstadt gegen die Verhaftung des Istanbuler Bürgermeisters Imamoglu © Erdal Coskun

In einer der größten Moscheen Deutschlands, in Duisburg-Marxloh, ist die Türkei ganz weit entfernt und doch so nah. Tag für Tag pilgern Tausende Muslime hierhin, um gemeinsam zu beten und das Fasten zu brechen. Zwischen den großen weißen Zelten des traditionellen Ramadan Bazars herrscht eine freudig-erregte Stimmung, der Geruch von Dönerfleisch hängt in der Luft, Datteln, süße Teigbällchen und Backfisch werden angeboten.

 

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Volksfeststimmung in Duisburg-Marxloh - der Ramadan Bazar zum Fastenbrechen © Stefan Arend/FUNKE Foto Service/Imago Images

Der Kontrast zu den Ereignissen 2000 Kilometer südöstlich könnte nicht größer sein. In Istanbul, Ankara und Izmir demonstrieren seit einer Woche Zehntausende gegen die Verhaftung des Istanbuler Bürgermeisters Ekrem Imamoglu, die türkische Regierung um Präsident Erdogan steht massiv unter Beschuss.

Doch fragt man die Menschen in Duisburg, ob sie nicht mit einem Auge auf das schielen, was gerade in der eigenen Heimat oder dem früheren Zuhause der Eltern passiert, fallen die Antworten höchst einsilbig aus.

Der Alltag hier gehe weiter, heißt es oft, das betreffe Istanbul und nicht Duisburg. Viele wollen gar nicht sprechen, ein junges Pärchen, sie Galatasaray-Anhängerin, er Fenerbahce-Fan, nur über Fußball und ja nicht über Politik. Die Verunsicherung, sich in diesen politisch aufgeladenen Zeiten zu positionieren, ist förmlich greifbar.

Nur Selim, der seit zehn Jahren im nordrhein-westfälischen Duisburg lebt, in Deutschland geboren wurde und mit seinen beiden kleinen Söhnen zur Moschee aufgebrochen ist, hält kein Blatt vor dem Mund - und dürfte damit vielen Anhängern des türkischen Präsidenten aus der Seele sprechen. "Erdogan leitet einen Staat mit vielen Problemen. Natürlich ist das schwierig, kein Politiker macht immer alles richtig. Aber es soll erst einmal jemand kommen, der es besser macht als er. Erdogan steht für Stabilität, es herrscht Demokratie. Und am Ende hatte er immer recht. Und wieso wird überhaupt Erdogan attackiert, wenn es doch die Justiz war, die Imamoglu verhaften ließ?"

Demonstrationen für Imamoglu auch in Deutschland

Fährt man eine halbe Stunde ins benachbarte Essen, hat man für so eine Antwort nur ein Kopfschütteln übrig - und bekommt gleichzeitig eine Ahnung, wie gespalten die deutsch-türkische Community ist. CHP Essen e.V., eine deutsche Regionalgruppe der Partei von Imamoglu, hatte vergangenen Freitag zu einer Demonstration gegen seine Verhaftung in der Essener Innenstadt aufgerufen. Hunderte schwenkten Banner mit Aufschriften auf Deutsch und Türkisch wie "Gerechtigkeit für Imamoglu", "Du bist nicht allein" oder auch das vom Istanbuler Bürgermeister benutzte Bertolt-Brecht-Zitat "Keiner oder alle".

 

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                                            Imamoglu-Verhaftung: deutsch-türkische Community gespalten © Erdal Coskun

Die stellvertretende Vorsitzende von CHP Essen, Hülya Coskun, sagt der DW: "Wir haben die Demonstration innerhalb von 24 Stunden auf die Beine gestellt, weil es schnell gehen musste, auch hierzulande ein deutliches Zeichen zu setzen. Und wir wollen mit den Protesten natürlich auch in Deutschland und der Politik hier Aufmerksamkeit erregen."

Viele Unterstützer für Erdogan im Ruhrgebiet

Essen ist eigentlich eine Hochburg der AKP von Präsident Recep Tayyip Erdogan. Bei der letzten Präsidentschafts- und Parlamentswahl in der Türkei vor zwei Jahren machten fast 80 Prozent der Deutschtürken hier ihr Kreuz bei der Regierungspartei, die höchste Zustimmung in ganz Deutschland. Doch vor allem bei den jungen Menschen tut sich etwas: In der Türkei sind es vor allem sie, die furchtlos auf die Straße gehen, und auch in Deutschland engagieren sich immer mehr junge Frauen und Männer für die CHP-Partei.

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                         CHP Essen e.V. mit Fatih Senel, Hülya Coskun, Ilkiz Sentürk und Serhat Kerem Bagci © Oliver Pieper/DW

So wie der 18-jährige Schüler Serhat Kerem Bagci, CHP-Jugendvorsitzender in Düsseldorf: "In den letzten zwei Tagen hat sich die Zahl unserer Mitglieder für die Jugend verdoppelt. Mein Handy klingelt die ganze Zeit, man merkt, die Menschen wollen etwas bewegen, etwas ändern. Selbst in der Türkei werden unsere Proteste gepostet und das motiviert die Leute auch dort."

Positionierung für Imamoglu nicht ohne Risiko

Es gibt sogar Deutschtürken, die in diesen Tagen eigens in die Türkei fliegen, um an den Demonstrationen vor Ort dabei zu sein. Die Essener CHP-Gruppe plant derweil schon die nächste Protestaktion in Deutschland, will aber noch die weitere Entwicklung in der Türkei und den CHP-Parteitag am 6. April abwarten. Furcht vor Repressalien, möglicherweise nach dem nächsten Flug in die Türkei, haben die Unterstützer keine.

Hülya Coskun sagt: "Eine Verwandte von uns war vor kurzem in Haft, sie ist jetzt freigelassen worden. Aber wir haben diese Grenze überschritten, wir haben keine Angst mehr. Natürlich kann immer etwas passieren, aber was ist denn die Alternative? Wenn wir gar nichts sagen würden, wird alles noch schlimmer. Wir wollen für unsere Rechte und unsere Demokratie kämpfen."

Polarisierung nimmt auch in Deutschland zu

Wer genau wissen will, was die Ereignisse in der Türkei mit der deutsch-türkischen Community machen, muss mit Caner Aver sprechen. Der Sozialwissenschaftler arbeitet für das Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung in Essen und promoviert gerade zur räumlichen und sozialen Mobilität von türkischstämmigen Akademikern.

Er sagt der DW: "Schauen wir uns die Wahlergebnisse bei den türkischen Wahlen an, sehen wir, dass Deutschtürken tendenziell eher konservativ orientiert sind. Im Ruhrgebiet leben sehr viele türkischstämmige Menschen, diese Gräben zwischen Opposition und Regierung beobachten wir auch unter den Deutschtürken." Aver erzählt, seine eigene Familie sei dafür ein gutes Beispiel, mittlerweile würde das Thema Politik in der Türkei daher gemieden. Aber: "Die Verhaftung Imamoglus hat die Solidarisierung mit dem CHP-Kandidaten gestärkt, in der Türkei und in einer abgeschwächten Form auch in Deutschland."

Viele Deutschtürken möchten sich lieber heraushalten

An eine größere Wirkung der deutsch-türkischen Proteste auf die Türkei glaubt Aver jedoch nicht: Dazu müssten die Demonstrationen in großer Zahl und über Wochen weitergehen, um Druck auf die deutsche Regierung auszuüben, die wiederum den Druck auf die Türkei erhöhen soll. Das Problem dabei sei allerdings, dass Berlin gerade mitten in einer Regierungsbildung stecke. Hinzu komme: das persönliche Risiko durch zu kritische Äußerungen in der Öffentlichkeit und in den sozialen Medien sei groß, eine Verhaftung in der Türkei nicht ausgeschlossen.

Deswegen gebe es auch viele Stimmen, die sich dafür aussprächen, innenpolitische Konflikte der Türkei nicht nach Deutschland zu tragen. "Der Tenor dieser Bewegung ist, lasst uns lieber auf Deutschland blicken, auf die Entwicklungen, die hier passieren, und unser gemeinsames Leben betreffen." Doch Caner Aver appelliert auch: "Konservative und religiöse Menschen können natürlich Erdogan und die AKP unterstützen, aber wenn Unrecht fortbesteht, dann sollte man auch in der Lage sein, kritisch darüber zu reflektieren und dies zu hinterfragen."

Autor: Oliver Pieper