Bundestagswahl 2025: Mehr als sieben Millionen Wahlberechtigte sind Zuwanderer
Artikel von Gillmann/ Handelsblatt
Stimmabgabe an der Wahlurne: Bei der Bundestagswahl am Sonntag sind rund 7,1 Millionen Bürger wahlberechtigt, die eine Einwanderungsgeschichte haben. data-portal-copyright=
Zwölf Prozent der Wahlberechtigten haben einen Migrationshintergrund. Und ihre Zahl steigt: Seit 2021 ist sie um mehr als 500.000 gewachsen. Die meisten kommen aus einem bestimmten Land.
Dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, zeigt sich auch bei den Wahlen. Etwa 7,1 Millionen Bürger mit Migrationshintergrund waren im Jahr 2023 wahlberechtigt. Das sind etwa zwölf Prozent aller Wahlberechtigten, zeigt eine Berechnung des jüngsten Mikrozensus nach Angaben des Mediendienstes Migration.
Die Analysen zeigen: Seit der Bundestagswahl 2021 ist die Zahl wahlberechtigter Einwanderer um mehr als eine halbe Million gestiegen. Die Zahl basiert auf den amtlichen Daten bis 2023 und einer Umfrage des Dienstes unter den Bundesländern für 2024.
Wahlberechtigt sind Eingebürgerte prinzipiell mit Erhalt der deutschen Staatsangehörigkeit. 2023 wurden gut 200.000 Menschen in Deutschland eingebürgert.
Die insgesamt gut sieben Millionen Zugewanderten, die 2023 wahlberechtigt waren, waren deutlich jünger als die übrige Bevölkerung: 28 Prozent von ihnen waren zwischen 18 und 34 Jahre alt; unter der Bevölkerung ohne Einwanderungsgeschichte waren es nur 20 Prozent.
Etwa zwei Millionen der gut sieben Millionen Menschen stammen aus anderen EU-Ländern, die meisten aus Polen, fast eine Million aus der Türkei. Mehr als zwei Millionen kamen aus den Ländern der früheren Sowjetunion, vor allem Spätaussiedler und ihre Kinder.
Wählen diese Menschen anders als Nichtzugewanderte? Ja, schreibt der Mediendienst mit Blick auf entsprechende Umfragen. Auch die Wahlbeteiligung ist niedriger als bei den angestammten Deutschen, wächst aber.
Zustimmung für Union und SPD schwindet
Traditionell hätten Zuwanderer aus Gastarbeiterländern wie der Türkei oder Italien eher die SPD gewählt – auch durch den Einfluss der Gewerkschaften in den Betrieben –, Spätaussiedler eher die CDU/CSU. Die Zustimmung für diese Parteien bröckele aber seit ein paar Jahren, vor allem für die SPD.
Im Gegenzug sei bei den Wahlen 2017 und 2021 die Zustimmung für andere Parteien, insbesondere Linke und Grüne, gestiegen. Für BSW und AfD lagen hier noch keine Daten vor.
Was Zuwanderer in den aktuellen Sonntagsfragen angeben, wird nicht gesondert erfasst. Einen Hinweis gibt aber eine Befragung des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (Dezim) aus dem Jahr 2024. Danach hatte die SPD bei vielen wahlberechtigten Zuwanderern die meisten Sympathiepunkte, besonders beliebt war sie bei Menschen mit einem EU-Hintergrund und bei jenen aus der Türkei, aus Nahost und Nordafrika.
Unter Menschen mit postsowjetischem Migrationshintergrund lag dagegen die CDU/CSU vorn, dicht gefolgt von der SPD. Die AfD schneidet auf der Beliebtheitsskala aller Zuwanderer am schlechtesten ab. Die meiste Zustimmung erfährt sie noch von Menschen mit postsowjetischem Migrationshintergrund.
Das BSW hat ein vergleichbar großes Wählerpotenzial bei Menschen aus der Türkei, aus Nahost und Nordafrika. Diese Zuwanderer neigen deutlich häufiger zur Wahl des BSW als Personen ohne Migrationshintergrund.
Wie Muslime wählen
Antworten auf die Frage, wie die 5,5 Millionen in Deutschland lebenden Muslime wählen, sofern sie die deutsche Staatsbürgerschaft haben, gibt eine Befragung der Forschungsgruppe Wahlen zu den Europawahlen 2024.
Damals mussten vor allem die Ampelparteien unter muslimischen Wählerinnen und Wählern deutliche Verluste hinnehmen. Die neuen Parteien – das BSW und die türkisch geprägte Dava, eine konservative Wählervereinigung, die laut Bundeszentrale für politische Bildung vor allem Menschen mit Zuwanderungsgeschichte erreichen möchte – schafften es in dieser Wählergruppe indes aus dem Stand auf je 17 Prozent.
Einer Befragung des Dezim von Februar 2024 zufolge hat das Vertrauen von Muslimen in Politiker in den vergangenen Jahren deutlich abgenommen; im Vergleich zu anderen Gruppen ist ihr Vertrauen besonders gering.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch eine Studie des Forschungszentrums des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) für alle neu eingebürgerten Menschen. Demnach ist das Interesse an Wahlen und Parteien generell sehr gering.
SPD erfährt bei Syrern noch am meisten Zuspruch
Eine Befragung der deutsch-syrischen Organisation Hiwarat unter mehr als 300 Syrerinnen und Syrern zeichnet ein anderes Bild: Demnach beabsichtigen knapp 60 Prozent, an der Wahl teilzunehmen, 22 Prozent hatten noch keine Staatsangehörigkeit, würden aber gerne wählen.
Am meisten Zuspruch unter den Befragten bekam mit Abstand die SPD. Mehr als ein Drittel beklagte allerdings, deutsche Parteien würden die Interessen der syrischen Bürgerschaft nicht berücksichtigten.