Diskussion um Zuwanderung: Es geht nicht ohne Migration
Artikel von Manfred Köhler / FAZ
Alles in allem funktioniert das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft jedenfalls in der Rhein-Main-Region ganz gut. © dpa
Es finden sich viele Gründe, über Migration zu streiten, aber nach so vielen aufgeregten Tagen darf man auch einmal auf etwas ganz anderes hinweisen: In diesem Ballungsraum, dem Rhein-Main-Gebiet, leben seit Jahrzehnten Tausende und Abertausende Migranten und Einheimische zusammen, arbeiten zusammen, verbringen ihre Freizeit zusammen und feiern zusammen.
Und sie sind dermaßen zusammengewachsen, dass die Unterscheidung zwischen diesen beiden Bevölkerungsgruppen zunehmend schwierig wird, weil niemand wirklich sagen kann, wann aus Migranten Einheimische werden oder längst geworden sind und wie viel migrantische Kultur umgekehrt die Einheimischen längst angenommen haben; es ist alles im Fluss.
Das verläuft weder bruchlos noch konfliktfrei. Der rot-grüne Traum von einer „multikulturellen Gesellschaft“ war hinreißend naiv. Es gibt Parallelgesellschaften, Bevölkerungsgruppen wie junge Zuwanderer machen beachtliche Sorgen, die Polizeistatistik spricht Bände. Es gibt auch Abgrenzungen voneinander, und zwar auf beiden Seiten.
In die oberen Schichten der Gesellschaft sind Migranten bisher kaum vorgedrungen. Nichts ist schönzureden. Integration ist eine Daueraufgabe, in der man besser in Jahrzehnten bilanziert als in Jahren. Sie wird leichter, wenn nicht ständig neue Zuwanderer nachkommen; sie ist ein offener Prozess, der auch scheitern kann.
Aber danach sieht es trotz aller Schwierigkeiten gegenwärtig nicht aus. Ungezählte Migranten und deren Nachfahren mit ganz unterschiedlichen Biographien gehen in dieser Region Tag für Tag ihrer Arbeit nach; kein Krankenhaus, kein Pflegeheim, das ohne sie auskäme, kein Supermarkt, in dem man sie nicht am Regal oder an der Kasse fände. Der Flughafen könnte dichtmachen. Wenn nicht alles täuscht, wächst die Zahl der Mädchen und Jungen aus diesen Familien, die Abitur machen und damit die beste Grundlage legen für den Aufstieg.
Diese Normalität ist in Erinnerung zu rufen, wenn in der Debatte über Migration ohne Not pauschalisiert wird, was auch manchen, der Vorfahren in der Ferne hat und hier seit Jahrzehnten ein friedliches Leben führt, zu Recht irritieren dürfte. Die Diskussion um eine Begrenzung der Flüchtlingsströme muss geführt werden, aber es ist doch auch stets zu sagen: Alles in allem funktioniert das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft jedenfalls in dieser Region ganz gut.